... vielleicht zum Kachelmann-Freispruch...

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31.05.2011 09:42
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... vielleicht zum Kachelmann-Freispruch...

DAS NEIN DER FRAU

H. Pollert über ein Spiel der Erwachsenen

Eigentlich ist es eine sehr traurige Geschichte.

Hartmut war Anfang 60 und hatte ein gesundheitliches Problem. Er

konnte mit seiner Frau, seiner lebenslangen treuen Partnerin, seit

einigen Jahren sexuell nicht mehr verkehren - zumindest was die

konventionelle Begegnung von Mann und Frau betrifft.

Und Hartmut hatte Angst und ein schlechtes Gewissen.

Er hatte Angst davor, dass seine Frau sich einen anderen,

"leistungsfähigeren", möglicherweise jüngeren Mann suchen würde und

dass sie ihn dann verlassen würde. Und er hatte ein schlechtes

Gewissen, weil er das Gefühl hatte, er würde seiner Frau etwas

schuldig bleiben, das ihr zustand.

Beides bewog Hartmut zum Handeln.

Vorbildlich: Er versuchte, seine Ehe zu retten, die Beziehung zu der

Frau, die er liebte und die durch dick und dünn zu ihm gehalten hatte.

Er wollte ihr das verschaffen, was er ihr nicht mehr geben konnte. So

bekäme sie eben etwas, was sie brauchte. Und so würde sie ihn nicht

verlassen.

Nur gestaltete sich das schwierig.

Zunächst sagte er seiner Frau, sie sollte sich einen Hausfreund

nehmen. Er hätte nichts dagegen, und sie würde eben die sexuelle

Befriedigung bekommen, die er ihr nicht geben konnte.

Das hatte seine Frau weit von sich gewiesen. So etwas käme für sie

nicht in Frage.

Dann wurde es richtig interessant. Denn nun sprach Hartmut fremde

Männer an, von denen er annahm, dass sie selber verheiratet waren und

wohl ab und zu einer Vergnügung daneben nicht abgeneigt waren. Das

Ganze sah natürlich höchst merkwürdig aus. Denn Hartmut fragte, mehr

oder weniger verklausuliert: "Wollen Sie nicht mit meiner Frau

schlafen?"

Viele hielten ihn für geistesgestört. Manch anderer dachte an schräge

Einladungen zum Gruppensex, zum Voyeurismus. Oder gar an ein

finanziell abgebranntes Rentner-Ehepaar, bei dem der Mann die Frau

anschaffen schickte.

Näher dazu befragt, musste Hartmut erklären, dass seine Frau von

alledem nicht wusste.

Er hatte sich das eben so vorgestellt, dass man ein "zufälliges

Kennenlernen" organisieren müsste. Und dann müsste der betreffende

aussenstehende Mann seine Frau "erobern".

DIE STILLSCHWEIGENDEN ANNAHMEN

Für die jeweils angesprochenen Männer wurde dies also umso

merkwürdiger.

Stillschweigend nahm Hartmut also an, er hätte da ein Mitspracherecht,

wenn seine Frau sich entschliessen würde, eine sexuelle Beziehung

aufzunehmen. Er mag sich dessen gar nicht einmal so sehr bewusst

gewesen sein. Aber ein wenig verhielt er sich ja wohl so wie der Bauer

oder der Pferdezüchter, die alleine zu entscheiden haben, welcher

Stier oder welcher Hengst nun ihre Kuh oder Stute begatten können.

Stillschweigend nahm Hartmut auch an, seine Frau hätte so etwas wie

einen "Rechtsanspruch" an ihn auf Sex. Und weil er meinte, den nicht

erfüllen zu können, wollte er für geeigneten Ersatz sorgen. Und in

diesem Zusammenhang nahm er stillschweigend auch an, er wüsste, was

gut und richtig ist für seine Frau.

Eine traurige Geschichte, wie gesagt.

Eine Geschichte, die etwas von Verzweiflung und Hilflosigkeit in sich

trägt über einen Mann, der wohl seine Frau liebt und irgendwie seine

Beziehung zu retten versucht.

Der eigentliche Problempunkt, über den wir hier zur reden haben, kommt

aber noch. Hartmuts Frau wusste vom Leid und den Bestrebungen ihres

Mannes nichts. Und sie hatte ihm ausdrücklich gesagt, sie wollte

keinen Sex mit einem anderen Mann.

Dieses Nein aber spielte für Hartmut keine Rolle. Es war ihm egal,

dass seine Frau gesagt hatte, sie wollte nicht. Dann müsste der

aussenstehende Mann sie eben "erobern".

BEKANNTE TOENE

Wenden wir uns ab von unserem traurigen Beispiel.

Diese Sprüche kennen wir doch alle.

Aus dem Wirtshaus. Aus manchem Stück mehr oder weniger billiger

Literatur. Aus unzähligen Schlagertexten. Aus Filmen. Hin und wieder

aus dem Mund des einen oder anderen TV-Psychologen. Und sogar

gelegentlich von mancher öffentlichen Feministin in erhitzter Debatte.

Im Sprachgebrauch wird durchaus gerne von einer "Eroberung" geredet,

die man gemacht hat. Man hat jemanden "herumgekriegt" oder

"flachgelegt". Auch anders herum ausgedrückt: Man hat man jemanden

"Wortfilter" oder "gevögelt", wenn man ihn zu etwas gebracht hat, das

der eigentlich gar nicht tun wollte.

Und in aller Regel ist es der Mann, der die "militärische" Initiative

ergreifen muss. Und die Frau ist die, die zum Schein Widerstand zu

leisten hat.

Ein Spiel der Erwachsenen.

Ein sehr verbreitetes und - bei bestimmen Persönlichkeitstypen und

Charakterniveaus - sehr tiefsitzendes Klischee.

Wenn ich nein sage, dann heisst das nicht nein. Sondern dann ist es

Ansporn für Dich, Dir besondere Mühe zu geben und Dir irgend etwas

einfallen zu lassen, um mein Nein zu umgehen.

Wie gesagt: Sehr zu meinem persönlichen Entsetzen hört man Sprüche auf

dieser Ebene sogar von engagierten Feministinnen.

Natürlich ist das alles Unsinn.

Natürlich ist es so, dass der Mensch - ob Mann oder Frau - erwachsen

und psychisch autonom ist. Und selbstverständlich ist es so, dass

jeder Mensch Anspruch darauf hat, dass andere seinen erklärten Willen

respektieren.

Somit ist ein Nein eine klare Aussage. Dem das Nein gesagt wird, hat

sich gefälligst danach zu richten. Und der das Nein ausspricht, hat

keinen Grund zur Verärgerung, wenn der andere sich daran hält.

Und insbesondere, wenn Körperlichkeit - zumal zwischen Mann und Frau -

betroffen ist, wäre dies ohnehin ein Gebot. Natürlich habe ich ein

Recht darauf, nicht belästigt und schon gar nicht körperlich bedrängt

zu werden, wenn ich dazu nein gesagt habe - im Grunde egal, ob ich

Mann oder Frau bin.

Alles andere widerspricht schlicht und einfach der Menschenwürde, der

Annahme von reifen Persönlichkeiten, die respektvoll miteinander

umgehen. Egal ob es Leute gibt, die dergleichen gerne spielen und sich

dabei auch noch auf angebliche Naturgesetze berufen wollen.

DAS STILLSCHWEIGEN DAHINTER

Wir hatten es schon von den stillschweigenden Annahmen.

Was aber steckt nun eigentlich an wesentlichen impliziten Behauptungen

hinter diesem primitiven Spiel, mit dem jeder Mensch schon einmal

konfrontiert wurde? Mit allen möglichen Koketterien. Mit einem

nachgerade zur Schau gestellten Desinteresse. Mit Flirt-Gehabe, das

dann eben aber doch zum Nein führt. Bis hin zu den Niederungen des

Bierzelt- und Wirtshauslebens, wo das eigentliche Objekt der Begierde

übel beschimpft wird.

Dahinter, dass jemand nein sagt, obwohl er nicht kategorisch nein

meint, steckt zunächst einmal die Annahme: "Ich habe etwas, was du

brauchst. Ich brauche es nicht."

Nicht mehr zwei vernünftige Menschen stehen sich gegenüber, sondern

einer, dem unterstellt wird, er wäre schliesslich auf das Ganze

angewiesen auf Gedeih und Verderb.

Hier die zweite stillschweigende Annahme: Lässt sich jemand auf dieses

Spiel nicht ein, dann ist er "nicht normal". Gerne wird im Bierzelt-

Milieu, weil das dort eben auch sehr verpönt ist, die Frage gestellt,

ob so ein Mann wohl schwul ist, weil er sich mit einem Nein abspeisen

lässt.

Und dem folgt dann die dritte stillschweigende Annahme in diesem

Spiel: Eine Frau, die einen Mann nicht von vorne herein einmal abweist

und verprellt, ist eine Schlampe. Eine solche Frau ist "mannstoll",

weiss nicht, "was sich gehört". Sie "verkauft" sich unter Preis.

Und dann gibt es da noch eine vierte stillschweigende Annahme: Dass

nämlich der Mann derjenige sein muss, der die Initiative ergreift.

Männer müssen demnach den ersten Schritt tun, die eigene

Schüchternheit überwinden, ein Kompliment machen u.s.w.

Natürlich ist das alles, wie gesagt, Unsinn.

Selbstverständlich gibt es reichlich Frauen, die in der Tat nichts mit

dem Mann zu tun haben wollen, wenn sie es ihm gesagt haben. Im

Gegenteil: Immer mal wieder begegnet man einer Frau, die über

fortwährende Belästigung klagt, obwohl sie dem betreffenden Mann klipp

und klar gesagt hat, sie wollte ihre Ruhe haben.

Und selbstverständlich gibt es auch reichlich Männer, die nicht auf

dieses "Wenn-ich-nein-sage-meine-ich-nicht-nein"-Spiel einsteigen,

sondern die ein Nein ohne weiteres akzeptieren. Auch hier gibt es

solche, die von einem gestellten Nein - was man ja irgendwo auch immer

merkt - eher abgeschreckt als angezogen werden.

WAS IST DER GRUND?

Was aber ist der Grund für dieses menschenunwürdige Verhalten, das

doch so sehr verherrlicht wird in Groschenheftli, in Bierzelt-

Schlagern, in Volkstheaterstücken, Kitschfilmen und alten Stummfilm-

Slapsticks? Dieses unwürdige Verhalten, das sogar von manchen

Gebildeten als normales Flirten und Liebeswerben angesehen wird?

Was steckt eigentlich dahinter?

Sigmund Freud, Vater der modernen Psychologie, beschrieb als einen

Grundtyp der Persönlichkeit den analen Charakter. Und für diesen

analen Charakter, der nach Macht und Geltung und nicht nach Liebe und

Vertrauen strebt, ist eins seiner hauptsächlichen Motive das

Schachern.

Aus allem soll ein Handel gemacht werden. Und alles muss so arrangiert

werden, dass daraus ein Handel wird. Bei der Aufgabenverteilung in der

Familie. Im Gespräch am Arbeitsplatz. In jeder Freundschaft. Ueberall

muss ein "Geschäft" gemacht werden, bei dem es darauf ankommt, dass

das Gegenüber irgendwie draufzahlen soll.

Und das bietet dann einen Erklärungsansatz für dieses ganze Gebäude

von schrägen falschen Annahmen.

Wenn nun die Frau im konkreten Fall ein Mensch mit analer

Charakterprägung ist, dann geht das Ganze auf.

Dann nämlich zieht sie mit diesem Primitiv-Spiel den

zwischenmenschlichen Kontakt auf das Niveau des Geschachers. Dann gibt

es Geschäfte zu machen. Dann muss der andere sich mehr anstrengen als

man selber. Dann erinnert alles an den Bazar. Dann muss man selber

vorgeben, man hätte etwas, was der braucht, was man selber aber nicht

braucht. Dann muss man sehr desinteressiert und gelangweilt tun ob

jeder Offerte des anderen. Dann muss man ein paarmal zum Schein

weggehen, obwohl man eigentlich das Geschäft machen will.

Und so weiter.

Es wird geschachert. Hin und her. Und am Ende muss dann der andere

dankbar sein dafür, dass er das Geschäft machen durfte.

Und plötzlich versteht man, dass das eigentlich kein "Mann-Frau"-Spiel

ist. Sondern es ist ein Spiel von entgegengesetzten Charakteren. Hier

der anale Charakter, der seinen Handel betreibt, dort der orale

Charakter, der sich mächtig ins Zeug legt dafür, dass er geliebt wird.

Plötzlich versteht man auch, warum es so viele Frauen und Männer gibt,

die mit diesem angeblich so "normalen" Spiel so ganz und gar nichts

anfangen können. Es sind eben bei weitem nicht alle Menschen in die

eine oder andere Richtung geprägt, die Frauen ebensowenig wie die

Männer.

Menschenunwürdig ist dieses Spiel der Erwachsenen allemal, wenn

menschliche Gefühle zum Gegenstand von kleinkariertem, kindischem

Geschacher gemacht werden. Und unwürdig ist auch die Behauptung, dies

würde auf einem Naturgesetz beruhen.

Wer in eine solche Konstruktion verstrickt ist, kommt nur heraus, wenn

er sich diesen Zusammenhang bewusst macht.

http://de-de.facebook.com/people/Achim-H-Pollert/100001880320908

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Der-Ghostwriter-/story/27055107

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31.05.2011 10:04
Bild des Benutzers Zyndicate
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... vielleicht zum Kachelmann-Freispruch...

Ich mag es dem Kachelmann so richtig gönnen! Eigentlich sollte man nun gegen seine Ex-Frau vorgehen und dieses Biest lebenslänglich wegsperren!

Ich verliere nie! Entweder ich gewinne oder ich lerne!