2015 kein gutes Jahr für «Contrarians»

An den Aktienmärkten gegen die breite Masse anzulegen, hat in den letzten Monaten nur Verluste eingebracht. Der cash Insider sagt, ob 2016 besser wird - Und: Eine mutige Wette auf die Aktien von Syngenta.
22.12.2015 14:30
cash Insider
2015 kein gutes Jahr für «Contrarians»

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Die Aktienmärkte sind manchmal wie ein reissender Fluss. Selten zuvor legten finanzkräftige Grossinvestoren gezielter an. Das bekamen insbesondere die Anleger zu spüren, welche in den vergangenen zwölf Monaten gegen den Strom zu schwimmen versuchten. Rückblickend geht 2015 als kein gutes Jahr für diese mutigen "Contrarians" in die Geschichte ein.

Dieser Meinung ist man auch in einem mir aus London zugespielten Strategiepapier aus dem Hause Citigroup. Gerade um den Zeitpunkt grösserer Veränderungen im Wirtschaftsumfeld herum lasse sich mit diesem Anlageansatz zwar sehr viel Geld verdienen, so schreiben dessen Autoren.

Und dennoch geben sie sich desillusioniert: Nach gewaltigen Verlusten in den beiden vorangegangenen Jahren habe sich auch 2015 für die "Contrarians" nicht ausbezahlt gemacht. Den Experten zufolge sucht man in der Vergangenheit vergeblich nach einer auch nur im Ansatz so lang andauernden und schmerzhaften Durststrecke für diese Anlegerspezies.

Darf man den für die amerikanische Grossbank tätigen Strategen Glauben schenken, dann laufen mittlerweile grosse Wetten auf eine Erholung bei den Rohstoffpreisen sowie bei Aktien aus den Schwellenländern. Im Gegenzug berichten die Verfasser des mir vorliegenden Strategiepapiers von solchen gegen die stark gestiegenen Aktien amerikanischer Unternehmen aus den Wirtschaftszweigen Technologie, Gesundheit und Konsum.

Die Experten zeigen sich allerdings skeptisch, dass diese auf die nächsten 12 Monate ausgerichteten Wetten aufgehen werden. Für sie steht schon heute fest: Die Hoffnungen rund um eine Stabilisierung an den Rohstoffmärkten und eine wirtschaftliche Belebung in den Schwellenländern sind voreilig und verfrüht. Damit sagen sie den "Contrarians" faktisch ein weiteres schwarzes Jahr vorher.

Anders als die Strategen der Citigroup sehe ich Licht am Horizont dieser nicht gerade erfolgsverwöhnten Anlegerspezies. Mir ist durchaus bewusst, dass Trends für gewöhnlich länger als angenommen dauern. Es liegt in der Natur des Menschen, solche bis ins Extreme auszureizen. Doch irgendwann hat noch jeder Trend wieder gedreht - was auch bei den Rohstoffpreisen passieren wird.

Mutige Anleger müssen auf der Suche nach solchen Wetten nicht ins Ausland ausweichen. Auch bei uns an der Schweizer Börse gibt es Aktien von Unternehmen mit einem hohen Ergebnisbeitrag aus den Schwellenländern. Viele von ihnen sind tief gefallen - die Aktionäre von Dufry, LafargeHolcim, Swatch Group, Richemont, OC Oerlikon oder DKSH wissen vermutlich, wovon ich schreibe.

An der Börse bei diesen "gefallenen Engeln" einzusteigen, setzt neben Mut auch viel Geduld und ein gutes Nervenkostüm voraus. Doch wie sagt der Volksmund doch so schön: Den Mutigen gehört die Welt.

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Nicht selten wird den Erwartungen an den Börsen ein höheres Gewicht eingeräumt als den harten Fakten. Von letzteren scheinen sich im Zuge von Übernahmespekulationen auch die Aktien von Syngenta abgekoppelt zu haben.

Mit einem Plus von knapp 20 Prozent führt der in Basel beheimatete Agrarchemiehersteller die diesjährige Gewinnerliste bei den im Swiss Market Index (SMI) vertretenen Unternehmen zwar unangefochten an. Dennoch dürfte viel Geld verloren haben, wer den Sommer über in der Hoffnung auf ein grosszügiges Übernahmeangebot durch den amerikanischen Rivalen Monsanto auf den rollenden Zug aufgesprungen ist. Dazu rieten damals auch zahlreiche Aktienanalysten und gossen damit noch einmal kräftig Öl ins Feuer.

Kein Wunder, begegnet man den schon seit Wochen herumgereichten Spekulationen rund um eine grosszügige Barofferte für Syngenta aus China mit grosser Skepsis. Die staatliche ChemChina biete 470 Franken je Aktie für eine Mehrheitsbeteiligung von 70 Prozent und wolle sich eine Option für die restlichen 30 Prozent sichern, so heisst es. Zu viele Fragezeichen für die Anleger - das gebrannte Kind scheut bekanntlich das Feuer.

Selbst diesmal gibt es wieder Trittbrettfahrer aus dem Analystenlager. In einer Unternehmensstudie stuft Jefferies International die Aktien von Syngenta mit einem Kursziel von 440 (331) Franken von "Hold" auf "Buy" hoch. Der Studienverfasser rechnet mit Marktanteilsgewinnen und günstigen Witterungsbedingungen. Gleichzeitig räumt er allerdings ein, dass der faire Unternehmenswert ohne Übernahmefantasie gerademal bei 320 Franken je Aktie liegen würde.

Es ist dieser Umstand, der die heutige Kaufempfehlung zu einer Wette auf ein grosszügiges Übernahmeangebot aus dem Ausland macht. Wenn sich da der für Jefferies International tätige Experte mal nur nicht verkalkuliert. Denn noch ist ein Verkauf des Unternehmens nach China alles andere als in trockenen Tüchern, so lasse ich mir sagen. Und wird Syngenta mit einem Kauf des Agrarchemiegeschäfts von BASF oder Bayer vom Gejagten zum Jäger, schwindet jegliche Hoffnung auf das schnelle Geld.
 

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