AktienkurseUnd plötzlich sind warnende Stimmen zu hören

Überraschender Stimmungsumschwung erster Anlagestrategen bei Aktien - Und: Zu früh, um bei Vifor Pharma in Euphorie zu verfallen.
11.08.2017 12:30
cash Insider
Und plötzlich sind warnende Stimmen zu hören
Bild: fotolia.com

Der cash Insider ist unter @cashInsider auch auf Twitter aktiv. Lesen Sie börsentäglich von weiteren brandaktuellen Beobachtungen am Schweizer Aktienmarkt.

+++

Noch bis vor wenigen Tagen waren die Strategen der Deutschen Bank mit ihrer Warnung vor einem Rücksetzer an den europäischen Aktienmärkten allein auf weiter Flur. Die Stimmung unter den anderen Berufskollegen: mit Verweis auf das sich aufhellende Wirtschaftsumfeld und die Belebung bei den Unternehmensgewinnen ziemlich ausgelassen.

Nach dem Kursrücksetzer der vergangenen 48 Stunden ist die Stimmung allerdings nicht mehr ganz so ausgelassen. So warnt neuerdings auch die britische HSBC in einem Strategiepapier vor einer Börsenkorrektur noch vor Jahresende. Der letzte grössere Rücksetzer liege an den europäischen Aktienmärkten bereits 406 Tage zurück, so fällt den Autoren plötzlich auf. Das entspricht fast dem Doppelten der gewohnten Dauer zwischen zwei Börsenkorrekturen, die durchschnittlich 218 Tage beträgt.

Als mögliche Auslöser für einen grösseren Rücksetzer sehen die Strategen einen starken Zinsanstieg, enttäuschende Unternehmensergebnisse, politische Unsicherheiten sowie ein allgemeiner Stimmungsumschwung an den Börsen.

Der SPI (grün) entwickelte sich in den letzten zwölf Monaten etwas besser als der Stoxx 600 Index (rot) (Quelle: www.cash.ch).

Allerdings hält die Angst vor einer Börsenkorrektur die Studienautoren nicht davon ab, einmal mehr ihre Vorliebe für europäische Finanzwerte kundzutun. Um dieser den nötigen Nachdruck zu verleihen, stufen sie gar den europäischen Versicherungssektor von "Neutral" auf "Overweight" herauf. Im Gegenzug nehmen die Strategen den Softwaresektor von "Overweight" auf "Neutral" herunter. Auch die Überlegungen hinter dem empfohlenen Übergewicht im Grundstoff- sowie im Investitionsgütersektor wollen sich mir im Hinblick auf einen möglichen Rücksetzer nicht so recht erschliessen.

Was den genauen Zeitpunkt der Börsenkorrektur anbetrifft, will man sich bei der HSBC nicht festlegen. Es macht ganz den Anschein, als wollten sich die Strategen diesbezüglich alle Möglichkeiten offenhalten.

Politische Börsen haben kurze Beine, so lautet eine alte Börsenweisheit. Was mir aus London berichtet wird, irritiert mich allerdings. Denn angeblich treten dort auch bei Aktien aus der Schweiz erstmals wieder mächtige amerikanische Fonds als Verkäufer in Erscheinung. Diese mächtigen Marktakteure sind geradezu berüchtigt, zuerst auf den Verkaufsknopf zu drücken und erst dann Fragen zu stellen - ganz nach alter Wildwestmanier.

+++

Am Mittwoch legte Vifor Pharma erstmals seit der Abspaltung von Galenica Santé als eigenständiges Unternehmen Rechnung ab. So richtig zu überzeugen wusste der Pharmahersteller aus Bern allerdings nicht.

Zwar verkaufte sich der mit der milliardenschweren Übernahme von Relypsa teuer erworbene Kaliumbinder Veltassa in den ersten sechs Monaten dieses Jahres etwas besser als Analysten erwartet hatten. Noch ist der Umsatzbeitrag mit etwas mehr als 24 Millionen Franken allerdings schwindend klein, erzielte Vifor Pharma insgesamt doch einen Halbjahresumsatz von nicht weniger als 625 Millionen Franken.

Wie viele der 24 Millionen Franken bei Veltassa in den Aufbau von Lagern entlang der Vertriebskanäle entfallen, konnten die Firmenvertreter an der Analystenkonferenz vom Mittwochnachmittag auch nicht genau sagen. Diesbezügliche Schätzungen bewegen sich zwischen 2 und 3 Millionen Franken.

Die Vifor-Aktien tauchen erstmals wieder in den zweistelligen Frankenbereich ab (Quelle: www.cash.ch).

Der Pharmahersteller will bis in drei Jahren mehr als 2 Milliarden Franken umsetzen. Bis dahin soll der Kaliumbinder mindestens 500 Millionen Franken zum Jahresumsatz beitragen. Zuerst fallen über die kommenden Jahre aber erst einmal Vorabinvestitionen in Höhe von 700 Millionen Franken an.

Geradezu elektrisiert ist der für Stifel Nicolaus tätige Analyst vom vorliegenden Zahlenkranz (siehe gestrige Kolumne). Er empfiehlt die Aktien von Vifor Pharma zum Kauf und sieht sie auf 150 Franken steigen. Die Absatzentwicklung der ersten sechs Monate lasse darauf schliessen, dass sich mit Veltassa in der Spitze sogar umgerechnet 1,2 Milliarden Franken umsetzen lasse, so lässt der Analyst durchblicken.

Nachdem sich das von Deckungskäufen gezündete Kursfeuerwerk vom Mittwoch als ein Strohfeuer erwiesen hat, steigt die Gefahr eines Abtauchens in den zweistelligen Frankenbereich. Nicht auszudenken was wäre, sollten die Aktien kurzerhand auf unter 100 Franken fallen...
 

Der cash Insider nimmt Marktgerüchte sowie Strategie-, Branchen- oder Unternehmensstudien auf und interpretiert diese. Marktgerüchte werden bewusst nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Gerüchte, Spekulationen und alles, was Händler und Marktteilnehmer interessiert, sollen rasch an die Leser weitergegeben werden. Für die Richtigkeit der Inhalte wird keine Verantwortung übernommen. Die persönliche Meinung des cash Insiders muss sich nicht mit derjenigen der cash-Redaktion decken. Der cash Insider ist selber an der Börse aktiv. Nur so kann er die für diese Art von Nachrichten notwendige Marktnähe erreichen. Die geäusserten Meinungen stellen keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen an die Leserschaft dar.