Analysten in Erklärungsnot - Tiefe Kursziele beeindrucken kaum noch

Wie die Leerverkäufer, sind am Schweizer Aktienmarkt auch die pessimistisch gestimmten Aktienanalysten eine vom Aussterben bedrohte Spezies - Und: Verwirrspiel um die Aktien des Sensorenherstellers AMS.
09.05.2017 12:30
cash Insider
Tiefe Kursziele beeindrucken kaum noch
Bild: fotolia.com

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Gerade Aktienanalysten aus dem angelsächsischen Raum wird nachgesagt, bei Verkaufsempfehlungen gerne aufsehenerregend tiefe Kursziele auszusprechen. Das Ganze sei blosse Effekthascherei, so lautet der im Raum stehende Vorwurf.

Einer dieser Analysten arbeitet seit langen Jahren für die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley. Bei uns erlangte er vor allem mit seinen aggressiven Verkaufsempfehlungen für die Aktien von Adecco Bekanntheit.

Auch in einer mir aus London zugespielten Stellungnahme zum heute veröffentlichten Zahlenkranz stuft der Experte die Papiere des Stellenvermittlers aus Zürich mit "Underweight" und einem Kursziel von 60 Franken ein. Davon lässt sich immerhin ein Rückschlagspotenzial von 20 Prozent ableiten.

Der Analyst räumt zwar ein, dass der Umsatz in den ersten drei Monaten erneut kräftig gestiegen sei. Dennoch fühlt er sich in der rückläufigen Bruttomarge sowie in der Wachstumsverlangsamung im April in seiner negativen Haltung bestärkt.

Prominente Unterstützung erhält der Experte von seinem Pendant bei Jefferies, ebenfalls einer amerikanischen Investmentbank. Er sieht die Aktien von Adecco sogar auf 56 Franken tauchen, was aus heutiger Sicht wohl eher als Wunschdenken abgetan werden muss.

Doch nicht nur angelsächsische Analysten, auch einige ihrer europäischen Berufskollegen sind für augenfällig tiefe Kursziele berüchtigt. Da wäre beispielsweise der Autor einer heute erschienenen Unternehmensstudie zu LafargeHolcim. Darin empfiehlt er die Aktien des Weltmarktführers mit einem Kursziel von 47,70 Franken zum Verkauf. Der überraschende Rücktritt von Konzernchef Eric Olsen werfe Fragen in Bezug auf die zukünftige Strategie und die mittelfristigen Zielvorgaben auf, so ist in der Studie nachzulesen.

Genauso wie der Leerverkäufer in diesen Tagen eine vom Aussterben bedrohte Spezies ist, ergeht es auch dem pessimistischen Aktienanalysten. Er gerät ebenfalls zusehends in Erklärungsnot. Vergessen und vergeben ist der oft zu hörende Vorwurf, dass sich diese Berufsgruppe liebend gern im Sumpf der konsensfähigen Meinung suhlt.

Tiefe Kursziele beeindrucken kaum noch jemanden, werden mittlerweile gar belächelt. Allerdings weiss der alteingesessene Börsenhase nur zu gut: Wenn sich die optimistischen Analysten ihrer Sache zu sicher werden, ist Vorsicht geboten.

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Zumindest bei AMS gibt es sie noch, die Baissiers. Schon seit Tagen liefern sie sich in den Aktien des Sensorenherstellers einen Schlagabtausch mit den Haussiers. Mittendrin: Die in einem Wechselbad der Gefühle gefangenen Privatanleger.

Das Perfide dabei: Beide Lager bedienen sich ganz bewusst der Halbwahrheiten. Insbesondere um das iPhone 8 des amerikanischen Grosskunden Apple ranken sich die wildesten Gerüchte. Einmal heisst es, dass sich das Jubiläums-Modell verzögere. Dann ist wiederum von einer früher als erwartet anlaufenden Produktion bei asiatischen Zulieferern zu hören. In was für einem Ausmass Sensoren von AMS ins iPhone 8 verbaut werden, auch darüber lässt sich aus heutiger Sicht bloss spekulieren. Die diesbezüglichen Schätzungen gehen jedenfalls weit auseinander.

Bei den Haussiers verweist man zudem immer wieder gerne auf das riesige kommerzielle Potenzial auf dem Gebiet der 3D-Sensorik. Auf diesem Gebiet hat AMS in den vergangenen Jahren kräftig zugekauft, zuletzt den zuvor von Finanzinvestoren kontrollierten Rivalen Heptagon.

Beide Lager verfügen bei AMS damit über Argumente, um das Kurspendel in die gewünschte Richtung ausschlagen zu lassen. Noch ist unklar, wer letztendlich als Sieger hervorgehen wird. Dennoch ist ziemlich unschön, wenn die Privatanleger im Schlagabtausch um die Aktien des Sensorenherstellers zur blossen Manövriermasse verkommen.

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