Analysten setzen auf immer exotischere Nebenwerte

Der Höhenflug der Nebenwerte nimmt immer groteskere Züge an. Der cash Insider verrät, weshalb die Analysten in der Schweiz immer exotischere Aktien zum Kauf empfehlen.
29.08.2016 12:30
cash Insider
Analysten setzen auf immer exotischere Nebenwerte
Bild: fotolia.com

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Das sind sich die erfolgsverwöhnten Aktionäre von Ypsomed nicht gewohnt: Mittlerweile trennen die Aktien des Medizinaltechnikherstellers aus Burgdorf knapp 10 Prozent von ihren Höchstständen von Mitte August. Das, nachdem sich der Börsenwert innerhalb weniger Jahre mehr als verdreifacht hatte.

Das überrascht, lassen die für die Zürcher Kantonalbank tätige Analystin und ihr Berufskollege von der Credit Suisse doch keine Gelegenheit aus, das Unternehmen und seine Valoren der Anlagekundschaft schmackhaft zu machen. Und obschon die Aktien selbst auf den optimistischen Schätzungen der Schweizer Grossbank mit dem 50-fachen diesjährigen Gewinn bewertet werden, führt sie diese noch immer auf der "Small & Mid Cap Focus List".

An den Qualitäten von Ypsomed gibt es nichts auszusetzen. Die hohen Investitionen der letzten Jahre machen sich mittlerweile bezahlt. Hierzulande wächst kaum ein anderes Unternehmen so flott.

Allerdings wechseln selbst an guten Tagen selten mehr als 10'000 Titel ihren Besitzer. Denn nicht weniger als drei von vier Aktien befinden sich in der festen Hand von Gründervater Willy Michel und seinen Familienangehörigen.

Ypsomed steht stellvertretend für weitere mehr schlecht als recht handelbare Nebenwerte aus der Schweiz. Das Rezept ist denkbar einfach: Man nehme die Aktien eines kleineren oder mittelgrossen Unternehmens mit einem engen Markt und empfehle diese mit einem optisch möglichst hohen Kursziel zum Kauf.

Noch keine Woche ist es her, dass ich an dieser Stelle von einer gezielten Jagd auf Nebenwerte berichtete (siehe Kolumne vom 23. August). Die damals erwähnten Aktien von Komax, Tecan und Wisekey haben alle eines mit jenen von Ypsomed gemeinsam: Auch bei ihnen werden an einem durchschnittlichen Tag nur ein paar Hunderttausend Franken umgesetzt.

Auf die Spitze trieb dieses Spiel vor wenigen Tagen die für Research Dynamics tätige Analystin bei Börsendebütanten Wisekey. Indem sie den schlecht handelbaren Aktien des Cyber-Security-Anbieters aus Genf in einer Unternehmensstudie eine Kursverdreifachung auf 14,90 Franken vorhersagte, zündete sie ein regelrechtes Kursfeuerwerk. Zeitweise schossen dessen Aktien um 17 Prozent nach oben. 

Was die Berufskollegin von Research Dynamics kann, kann ich auch, dürfte sich der Leiter der Schweizer Aktienanalyse von Kepler Cheuvreux wohl gedacht haben, als er wenige Tage später die Erstabdeckung von Feintool mit einer Kaufempfehlung und einem Kursziel von 120 Franken aufnahm.

Der traditionsreiche Automobilzulieferer aus Lyss muss auf bewegte Jahre zurückblicken. Im Frühjahr 2011 griff der heutige Mehrheitsaktionär Michael Pieper überraschend nach der Kontrolle und fiel dem Firmengründer Fritz Bösch und seiner Familie damit in den Rücken. Nach einer Restrukturierungskur ist das Unternehmen mittlerweile wieder gut unterwegs.

Auch Feintool passt übrigens bestens ins bereits beschriebene Beuteschema. Noch bis vor zwei Wochen wechselten an gewissen Tagen gerade mal ein paar hundert Aktien im Gegenwert von mehreren zehntausend Franken die Hand. Das nicht zuletzt auch deshalb, weil Pieper über seine Beteiligungsgesellschaft 50,3 Prozent der Aktien kontrolliert. Gemeinsam mit den anderen beiden Grossaktionären Geocent und Mubea sind sogar deren 73 Prozent in festen Händen.

Es überrascht deshalb nicht, dass der Kurs dieser Aktien im Zuge der Erstabdeckung durch Kepler Cheuvreux auf den höchsten Stand seit 15 Jahren gestiegen ist. Alleine seit Mitte August errechnet sich ein Plus von über 13 Prozent.

Der Erfolgs- und Renditedruck bei den Banken nimmt immer groteskere Formen an, genauso wie der Höhenflug hiesiger Nebenwerte. Auf der Suche nach zurückgebliebenen Aktien weichen Anleger und Analysten auf immer kleinere Unternehmen mit einem immer engeren Markt aus. Dabei scheint den Experten jedes Mittel recht, mit immer neuen und angeblich lukrativen Ideen aufwarten zu können.

Das ist kein ungefährliches Spiel. Denn spätestens seit Myriad, Evolva und Co. wissen wir: Wendet sich das Blatt eines Tages, ist ein Ausstieg zu einigermassen vernünftigen Kursen kaum noch möglich.

 

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