Steht ABB vor der nächsten Milliardenübernahme?

Dem übernahmehungrigen Industriekonzern ABB wird der nächste milliardenschwere Firmenkauf nachgesagt. Der cash Insider mit den Hintergründen. - Und: übertriebene Angst vor einer Kapitalerhöhung bei Meyer Burger.
14.08.2018 12:30
cash Insider

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Nach der Übernahme von Bernecker + Rainer und GE Industrial Solutions könnte die Liste der milliardenschweren Firmenkäufe bei ABB um einen weiteren Namen wachsen.

Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg meldet, hat der amerikanische Mischkonzern General Electric die Grossbank Credit Suisse mit dem Verkauf des Leistungsumwandlungsgeschäfts beauftragt. Branchenkenner schätzen den Erlös auf rund 1,5 Milliarden Dollar. General Electric selbst hatte vor sieben Jahren einst gar 3,2 Milliarden Dollar für diese Geschäftsaktivitäten bezahlt.

Neben dem französischen Rivalen Schneider Electric wird auch ABB ein Interesse am Leistungsumwandlungsgeschäft der Amerikaner nachgesagt.

Es wäre bereits die dritte milliardenschwere Grossübernahme unter Konzernchef Ulrich Spiesshofer, womit dieser zusehends in die Fussstapfen seines Vorgängers Joe Hogan tritt.

Kündigt der jüngste Kursrückgang bei den Aktien von ABB eine Grossübernahme an? (Quelle: www.cash.ch)

Auch Hogan gab Milliarden von Dollars für ergänzende Firmenkäufe aus, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen. Die Bilanz der letzten zehn Jahre könnte aus Sicht der Aktionäre ernüchternder kaum sein: Das organische Wachstum tendiert gegen null - Währungseffekte und Firmenkäufe ausgeklammert stagnierte der Umsatz.

Auf Konzernchef Spiesshofer lastet ein enormer Erfolgsdruck. Dass eine weitere milliardenschwere Firmenübernahme Linderung verspricht, wage ich zu bezweifeln.

Bedeutende Aktionäre wie Cevian Capital oder Artisan Partners wollen endlich Resultate sehen. Ihre Geduld scheint am Ende zu sein(siehe Ist ABB-Chef Spiesshofer «realitätsfremd»? vom 7. August).

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Ziemlich genau 60 Prozent haben die Aktien von Meyer Burger seit Anfang Januar an Wert verloren. Damit weist der Solarzulieferer aus dem bernischen Gwatt die zweitschlechteste Kursentwicklung sämtlicher an der Schweizer Börse kotierten Unternehmen auf.

Nur der hochverschuldete Backwarenhersteller Aryzta - er gab erst gestern einschneidende Kapitalerhöhungspläne bekannt (siehe Späte Einsicht beim Backwarenhersteller Aryzta von gestern) - schneidet mit einem Minus von fast 80 Prozent noch schlechter ab.

Bei solchen Parallelen überrascht nicht, dass ausländische Leerverkäufer eins und eins zusammenzählen und Meyer Burger als den nächsten möglichen Kandidaten für eine Kapitalerhöhung handeln.

Dabei ist die letzte Kapitalerhöhung noch gar nicht so lange her, musste der Solarzulieferer die Aktionäre doch im Dezember vor zwei Jahren um zusätzliches Geld beknien.

Es war ausgerechnet das Unternehmen selbst, das vor gut vier Wochen für Wasser auf die Mühlen der Leerverkäufer sorgte. Meyer Burger verkündete für die erste Jahreshälfte zwar mit Stolz die Rückkehr in die Gewinnzone. Im selben Atemzug liess man die Aktionäre allerdings wissen, dass sich der Auftragseingang im Jahresvergleich mehr als halbiert hat.

Das macht den Solarzulieferer zum ersten Schweizer Opfer im Handelsstreit zwischen den USA und China. Aber eben nicht nur das. Wie aus Branchenkreisen zu hören ist, haben chinesische Rivalen kräftig Boden gutgemacht.

Wie die Aktien von Aryzta (grün) haben auch jene von Meyer Burger (rot) in den letzten Monaten kräftig an Wert verloren. (Quelle: www.cash.ch)

Noch kann das Unternehmen vom Auftragsbestand zehren, um die diesjährigen Zielvorgaben eines Umsatzes von 450 bis 500 Millionen Franken erfüllen zu können. Doch was ist, wenn sich die Auftragsflaute weiter in die Länge zieht?

Am Donnerstag hat das Warten der Aktionäre endlich ein Ende. Dann nämlich legt der Solarzulieferer aus dem bernischen Gwatt den detaillierten Zahlenkranz für die ersten sechs Monate vor. Dieser Tag wird zu einer wichtigen Bewährungsprobe für die zuletzt so schwachen Aktien.

Als in der zweiten Januar-Hälfte Spekulationen die Aktien von Meyer Burger erfassten, vermutete ich dahinter blosses Positionsgerede zweier einschlägiger deutscher Börsenbriefe (siehe Wird Meyer Burger nach China verkauft? vom 19. Januar). Und tatsächlich wurde das Unternehmen - den damaligen Spekulationen zum Trotz - weder nach China verkauft, noch konnte es Panasonic als Technologiepartner für den amerikanischen Elektroautomobil-Pionier Tesla ablösen.

Diesmal schlägt das Pendel übrigens in die andere Richtung aus, halte ich die Angst vor einer Kapitalerhöhung beim Solarzulieferer doch für übertrieben und erhoffe mir am kommenden Donnerstag klärende Worte.
 

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