Anzeichen einer Überhitzung häufen sich

Der cash Insider macht auch am Schweizer Aktienmarkt immer häufiger Anzeichen einer kurzfristigen Überhitzung aus. Ausserdem sagt er, was ihm mit Blick ins Ausland Sorgen bereitet.
27.11.2014 12:30
cash Insider
Anzeichen einer Überhitzung häufen sich

Der cash Insider ist unter @cashInsider auch auf Twitter aktiv. Lesen Sie börsentäglich von weiteren brandaktuellen Beobachtungen am Schweizer Aktienmarkt.

***

Der Schweizer Aktienmarkt befindet sich weiterhin in Rekordlaune. Erst am Montag kletterte der breit gefasste Swiss Performance Index (SPI) auf den höchsten Stand in der Geschichte, angetrieben von den «drei Musketieren» Nestlé, Roche und Novartis. Gerade bei den defensiven Indexschwergewichten wähnen sich die Marktakteure auf der sicheren Seite. Und zumindest die weiterhin ziemlich attraktiven Dividendenrenditen scheinen ihnen recht zu geben.

Ob die Namenaktien von Nestlé, Roche und Novartis von einer Ausverkaufswelle, wie sie Anfang Oktober zu beobachten war, verschont bleiben, ist allerdings fraglich. Denn sichern sich Grossinvestoren gegen Rückschläge ab, machen sie das für gewöhnlich über die Index-Futures. Solche Absicherungstransaktionen treffen dann auch die defensiven Indexschwergewichte.

Der euphorischen Stimmung zum Trotz - oder besser gesagt gerade deswegen - sollten sich Anleger in diesen Tagen zumindest mit der Möglichkeit eines erneuten Rückschlags auseinandersetzen und ihre Aktienportfolios einer knallharten Überprüfung unterziehen.

Ich will an dieser Stelle nicht den Teufel an die Wand malen. Dennoch häufen sich in meinem Empfinden die Anzeichen für eine Überhitzung. Und das nicht nur an der amerikanischen Leitbörse, sondern auch bei uns am Schweizer Aktienmarkt.

Da wäre einmal die gestrige Kaufempfehlung für den Börsenliebling Givaudan. Nachdem die Namenaktien des Genfer Herstellers von Aromen und Riechstoffen seit Jahresbeginn bereits um 40 Prozent gestiegen sind, werden sie bei Merrill Lynch von "Neutral" auf "Buy" hochgestuft. Neu beziffert der Experte das Kursziel auf 1875 (1550) Franken.

Seine Begründung: Das Westschweizer Vorzeigeunternehmen werde über die kommenden drei Jahre 80 Prozent des Jahresgewinns an die Aktionäre ausschütten, was einer nachhaltigen Dividendenrendite von 3,5 Prozent entspreche. Durch einen Ausbau des Fremdkapitalanteils seien sogar noch höhere Ausschüttungen möglich, so der Experte.

Obschon ich die Qualitäten von Givaudan nicht in Frage stellen will, erschrickt mich die Aggressivität der vorliegenden Kaufempfehlung genauso wie das gestern beobachtete Kursfeuerwerk. Dieses katapultierte die Aktien des Börsenlieblings vorübergehend weit in neues Rekordterrain.

Von einem Kursfeuerwerk lässt sich getrost auch bei den Valoren von Feintool sprechen. Schon seit längerer Zeit pfeifen die Spatzen am Hauptsitz im bernischen Lyss von den Dächern, dass der Mehrheitsaktionär Michael Pieper einem Beteiligungsverkauf gegenüber nicht abgeneigt sei. Im Dezember läuft allerdings nur auf einem Teil des Aktienpakets die Verkaufssperre ab.

Dennoch geriet der Automobilzulieferer in den letzten Tagen ins Fahrwasser von Übernahmespekulationen. Auslöser war eine Offenlegungsmeldung an die Schweizer Börse SIX, wonach der Stimmenanteil der deutschen Grossaktionärin Mubea Engineering auf 13,8 Prozent gestiegen sei.

Zuerst nur von einer Zürcher Privatbank kolportiert, wurden die Spekulationen in den Medien gierig aufgegriffen. Beim genaueren Hinschauen wäre den Journalisten vermutlich aufgefallen, dass in der Offenlegungsmeldung nicht von einem Erwerb zusätzlicher Aktien, sondern von einer Änderung in der Zusammensetzung der Aktionärsgruppe rund um Mubea Engineering zu lesen war.

Dennoch gingen die Papiere von Feintool am Dienstag dank spekulativen Käufen um knapp 10 Prozent höher aus dem Handel.

Ein weiteres Anschauungsbeispiel, das ich an dieser Stelle aufzeigen möchte, ist quasi hausgemacht. Am Montagnachmittag brach ein geschätzter Arbeitskollege im Hinblick auf eine wichtige bevorstehende Produktzulassung eine Lanze für die Aktien von Newron Pharmaceuticals (siehe Artikel vom 24. November). Kurz zuvor liess das Biotechnologieunternehmen die Öffentlichkeit wissen, dass es zwischen dem 15. und dem 19. Dezember mit einem Zulassungsentscheid der europäischen Arzneimittelbehörde für das Parkinson-Medikament Safinamide rechne.

Seit dem späten Montag zeigt die Kursentwicklung bei Newron Pharmaceuticals steil nach oben. Innerhalb von gerade mal drei Handelstagen sind die Papiere, von stark anschwellenden Handelsaktivitäten begleitet, um gut 50 Prozent nach oben gesprungen. Und das obschon mein Arbeitskollege in seinem eher vorsichtig gehaltenen Artikel auch auf die Risiken von Investitionen in solche Unternehmen hinweist. Interessant ist, dass die Aktien am Freitag kaum auf die Aussagen des Unternehmens selber reagiert hatten und erst der besagte Hinweis vom Montagnachmittag den Stein ins Rollen brachte.

Es sind aber nicht nur diese drei Beobachtungen, die mir Sorgen bereiten. Auch was derzeit fernab der Aktienmärkte geschieht, wirft Fragen auf. Gemäss der Nachrichtenagentur Bloomberg steht das noch nicht kotierte Unternehmen UBER Technologies unmittelbar vor einer weiteren Finanzierungsrunde. Neben dem bisherigen Aktionär Fidelity wird auch der T. Rowe Price Group ein Einstieg beim internetbasierenden Fahrdienst nachgesagt. Dabei soll UBER Technologies mit 35 bis 40 Milliarden Dollar bewertet werden. Noch im Juni sei das Unternehmen anlässlich einer Finanzierungsrunde "nur" mit 17 Milliarden Dollar bewertet worden, so ist im Artikel weiter nachzulesen.

Es macht ganz den Anschein, als ob der Markt für erst noch vor dem Börsengang stehende Unternehmen wie UBER Technologies, Airbnb oder Dropbox völlig aus dem Ruder läuft. Ich orte auch hier eine masslose "UBER-treibung" mit Folgen für die Aktienmärkte.

Eine solche zeichnet sich auch bei unserem nördlichen Nachbarn ab. In Deutschland haben die Börsendebütanten Zalando und Rocket Internet ihre missglückte Publikumsöffnung von Anfang Oktober bereits wieder überwunden. Obschon die Aktien der beiden Internetunternehmen schon seit dem ersten Handelstag als teuer gelten, lösten aggressive Kaufempfehlungen aus dem angelsächsischen Raum zuletzt eine regelrechte Käuferpanik aus.

Durch den massiven Ausbau der Wertschriftenkäufe durch die Bank of Japan, die überraschende Leitzinsreduktion der chinesischen Notenbank und die Spekulationen rund um Staatsanleihenkäufe durch die Europäische Zentralbank haben die Anleger in den letzten Wochen noch einmal kräftig an Selbstvertrauen gewonnen. Dass die Aktienmärkte bis weit ins kommende Jahr hinein weiter steigen werden, gilt im Berufshandel wie auch in Expertenkreisen mittlerweile als sicher.

Ich weiss, dass ich mir mit meiner vorsichtigen, wenn nicht gar negativen Haltung nicht gerade Freunde mache. Auch ich möchte viel lieber mit vielversprechenden Aktienideen aufwarten. Allerdings kann ich das beim besten Willen nicht, habe ich als Kolumnist doch eine gewisse Verantwortung meinen Leserinnen und Lesern gegenüber. Den Mutigen gehört die Welt, so heisst es richtig. Doch nur allzuschnell schlägt Mut in Selbstüberschätzung um. Und genau das geschieht derzeit an den Aktienmärkten.