Anzeichen einer Überhitzung - Fondsmanager kaufen blind Technologiewerte zu

Weshalb der Höhenflug der Technologieaktien beim cash Insider böse Erinnerungen wach werden lässt - Erste Investoren machen bei den Aktien von Lonza Kasse - Und: Roche fällt bei den Angelsachsen wieder in Ungnade.
09.06.2017 12:30
cash Insider
Fondsmanager kaufen blind Technologiewerte zu
Bild: fotolia.com

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An der Leitbörse in New York reiht sich schon seit Tagen ein Rekord an den nächsten. Erst vor wenigen Tagen durchbrachen die Aktien von Alphabet erstmals in der langjährigen Firmengeschichte die Schallmauer von 1000 Dollar.

Der Kurs einer Aktie sagt noch lange nichts über die Bewertung aus, dessen bin ich mir bewusst. Allerdings bringt das Mutterhaus von Google mittlerweile stattliche 700 Milliarden Dollar auf die Waage.

Kurz zuvor stiess schon Amazon.com, ebenfalls ein Schwergewicht der amerikanischen Technologieszene, in den vierstelligen Kursbereich vor. Das überrascht, lassen Nachforschungen dortiger Analysten in den Absatzmärkten des Onlinehändlers doch auf ein eher durchwachsenes zweites Quartal schliessen.

Das scheint die Marktakteure nicht gross zu kümmern: Mit den vier populärsten Technologiewerten Facebook, Amazon.com, Alphabet und Netflix liess sich alleine seit Jahresbeginn mehr als 30 Prozent verdienen und den um knapp 10 Prozent höheren S&P-500-Index um Längen schlagen.

Die Aktien von Alphabet (rot) im 12-Monats-Vergleich mit jenen von Amazon.com (grün) (Quelle: www.cash.ch).

Freuen dürfte das auch die Schweizerische Nationalbank (SNB), zählt sie doch bei allen vier Grosskonzernen seit geraumer Zeit zu den bedeutendsten Aktionären. Der Politik in Washington ist das verständlicherweise ein Dorn im Aug.

Erhebungen von Merrill Lynch zufolge haben Fondsmanager noch nie so stark in Richtung wachstumsstarker Technologieaktien umgeschichtet wie in den vergangenen 12 Monaten. Wie die mächtige amerikanische Investmentbank weiter berichtet, wird der Technologiesektor in den Aktienportfolios um rund einen Viertel höher gewichtet als es die eigentliche Branchengewichtung vorsehen würde. Das liegt rund zwei Standardabweichungen über dem langjährigen Durchschnitt, was finanzmathematisch einem Extremwert entspricht.

Die Aktienstrategen der Credit Suisse heizen die Euphorie heute noch einmal kräftig an. In einem mir aus London zugespielten Strategiepapier raten sie der Anlagekundschaft, am Übergewicht bei den Technologiewerten festzuhalten. Neben den günstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und den überdurchschnittlich guten Wachstumsaussichten argumentieren die Autoren ausgerechnet mit den defensiven Charakteristiken. Ob diese ausreichen, sollte das Pendel eines schönen Tages in die andere Richtung ausschlagen, ist allerdings höchst fraglich.

In der Schweiz landet man mangels Alternativen früher oder später bei den Aktien kleinerer und mittelgrosser Technologieunternehmen. Viele von ihnen haben sich in den vergangenen Jahren im Kurs vervielfacht.

Beteiligungsreduktionen wie kürzlich bei der VAT Group sollten den Privatanlegern eine Warnung sein. Risikokapitalgeber wie die Partners Group sind nicht gerade dafür bekannt, Geschenke zu machen.

Böse Erinnerungen lässt bei mir auch eine heute veröffentlichte Unternehmensstudie von Kepler Cheuvreux zu Kühne+Nagel wachwerden. Darin werden die Aktien des Innerschweizer Transportunternehmens mit einem Kursziel von 176 (bisher 148) Franken von "Hold" auf "Buy" heraufgestuft. Die eher fragwürdige Begründung des Studienverfassers: Die Digitalisierung eröffne Kühne+Nagel noch nie dagewesene Möglichkeiten.

Auch auf dem Siedepunkt der Technologieblase versuchten Analysten, herkömmlichen Unternehmen einen Hauch von Technologie nachzusagen. Es macht ganz den Anschein, als wiederhole sich die Geschichte...

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Trotz der nicht unumstrittenen Übernahme von Capsugel und einer milliardenschweren Kapitalerhöhung zu deren Finanzierung lagen die Aktien der Lonza Group in den vergangenen Wochen überraschend gut im Markt. Wie mir berichtet wird, verlassen erste Momentum-Investoren diesen Schauplatz nun aber.

Erst vor wenigen Wochen mit 3,73 Prozent eingestiegen (siehe Kolumne vom 15. Mai), kehrt Viking Global dem Unternehmen aus Basel auch schon wieder den Rücken. Wie einer Offenlegungsmeldung an die Schweizer Börse SIX zu entnehmen ist, hielt der amerikanische Hedgefonds Ende Mai bloss noch 2,69 Prozent der Stimmen und dürfte die Beteiligung seither weiter reduziert haben.

Ich werde den Verdacht nicht los, dass der für seine Schwäche für Momentum-Aktien bekannte Grossaktionär während des Bezugsrechtehandels bloss Arbitrage betrieben hat und gar nie wirklich an einer Beteiligungsnahme interessiert war.

Können sich die Aktien des sehr erfolgreichen Pharmazulieferers aus Basel nicht rasch wieder bei über 200 Franken einpendeln, könnten nach Viking Global weitere Momentum-Investoren das Handtuch werfen.

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Wie rasch ein beliebtes Unternehmen wieder in Ungnade fallen kann, zeigte sich in den letzten Tagen bei Roche. Im Zuge ermutigender Ergebnisse einer Medikamentenstudie zu Perjeta von Anfang März begannen sich angelsächsische Grossinvestoren gerade wieder für die Valoren des Pharma- und Diagnostikkonzerns aus Basel zu erwärmen.

Anfang diese Woche folgte die kalte Dusche: Denn die detaillierten Studienergebnisse wecken Zweifel am kommerziellen Potenzial des Brustkrebspräparats. Vermutlich sind die bei einem Spitzenumsatz von 6 Milliarden Franken liegenden Analystenerwartungen zu hoch gegriffen.

Jäher Kursabsturz bei den Genussscheinen von Roche (Quelle: www.cash.ch).

Schon seit Tagen geraten die Genussscheine jeweils mit dem Eintritt amerikanischer Marktakteure unter Verkaufsdruck. Angeblich lassen dortige Grossinvestoren die Papiere wie eine warme Kartoffel fallen.

Wie es heisst, wird in Übersee angeblich sogar an Aktionärsklagen gebastelt. Der haltelose Vorwurf: Mit den Anfang März zu Perjeta vorgelegten Vorabinformationen habe Roche die Anleger wissentlich getäuscht.

Alleine schon das Dividenden-Argument spricht bei den Kursnotierungen des Basler Traditionsunternehmens gegen ein weiteres Abrutschen.
 

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