Auch bei Schweizer Aktien - Zweistellige Kursgewinne bis Ende Jahr?

Eine bekannte Grossbank traut den europäischen Aktienmärkten bis Ende Jahr zweistellige Kursgewinne zu. Weshalb die Empfehlung dennoch etwas gar halbherzig daherkommt, verrät der cash Insider.
16.11.2018 12:30
cash Insider
Zweistellige Kursgewinne bis Ende Jahr?
Bild: fotolia.com

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Eigentlich ist der Börsenmonat Oktober besser als sein Ruf. Und das lässt sich mit beeindruckenden Zahlen belegen: In den vergangenen zwei Jahrzehnten legte der Swiss Market Index (SMI) zwischen Ende September und Anfang November um durchschnittlich 1,74 Prozent zu. Das entspricht gut einem Drittel der Jahresrendite.

Dass sich an den Aktienmärkten nicht immer alles mit Statistiken unterlegen lässt, zeigen die letzten Wochen. Sie bescherten den hiesigen Aktienanlegern - allen Statistiken zum Trotz - schmerzhafte Kursverluste. Das überrascht, gab es zuvor doch nur gerade in vier von 20 Jahren Ausreisser nach unten.

Die Schwierigkeit liegt aber weniger darin, die Gesamtmarktentwicklung vorherzusagen, als vielmehr auf die richtigen Aktien zu setzen. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, in meiner bisherigen Berufslaufbahn schon jemals mit einem auch nur annähernd so launischen Marktgeschehen konfrontiert gewesen zu sein.

Was in den letzten Jahren an den Aktienmärkten stets funktionierte, scheint seine Gültigkeit verloren zu haben. Mächtige ausländische Grossinvestoren nutzen Kursschwächen nicht länger zum Kauf von Aktien. Vielmehr nutzen sie Kurserholungen, um sich von Aktien zu trennen. Auf "buy the dip" folgt nun "sell the rally" - wie das im angelsächsischen Börsenjargon so schön heisst.

Der Stoxx Europe 600 Index (rot) im 12-Monats-Vergleich mit dem SPI (grün) (Quelle: www.cash.ch)

Die für Barclays tätigen Aktienstrategen um Emmanuel Cau machen nicht zuletzt die Unternehmensberichterstattung für das dritte Quartal für diesen Stimmungsumschwung verantwortlich. Rückblickend habe in den letzten Wochen nur noch jede zweite Firma aus dem Stoxx Europe 600 Index die Gewinnerwartungen der Analysten übertroffen. Das seien deutlich weniger als noch in den ersten sechs Monaten, so schreiben sie.

Und gleich noch etwas fällt auf: Positive Gewinnüberraschungen wurden nicht nur mit geringeren Kursavancen belohnt, auch Gewinnenttäuschungen wurden deutlich harscher abgestraft.

Die vorsichtigere Haltung vieler Unternehmen selbst und das schwierigere Wirtschaftsumfeld lassen die Strategen ihre nächstjährigen Gewinnschätzungen mit dem Rotstift überarbeiten. Sie trauen den im Stoxx Europe 600 Index vertretenen Unternehmen kommendes Jahr noch ein Gewinnwachstum von 4 Prozent zu. Zum Vergleich: Ihre Berufskollegen bei anderen Banken gehen noch immer von einem durchschnittlichen Gewinnwachstum von 10 Prozent aus.

Noch scheint man die Hoffnung auf eine Jahresendrally bei der britischen Grossbank aber nicht beerdigt zu haben. Vom Jahresendziel für den Stoxx Europe 600 Index von 395 Punkten leitet sich bis Ende Dezember ein rechnerisches Aufwärtspotenzial von etwas mehr als 10 Prozent ab.

Angesichts der überraschend vorsichtigen Aussagen zur nächstjährigen Unternehmensgewinnentwicklung und des bei den bankeigenen Schätzungen angesetzten Rotstifts kommt diese Indexprognose doch etwas gar halbherzig daher. Da helfen auch keine statistischen Spitzfindigkeiten, wonach die Monate November und Dezember gute Monate seien. Wirklich darauf verlassen kann man sich nicht, wie die letzten Wochen schmerzhaft zeigten. Vielleicht hätte der Stratege von Barclays nicht nur seine Gewinnerwartungen, sondern auch seine Indexprognose überarbeiten müssen.

Ja, die Zinsen in Europa tendieren weiterhin gegen Null. Und ja, der zuletzt deutlich schwächere Euro dürfte den europäischen Exportunternehmen einen Gewinnschub verleihen, keine Frage. Allerdings rechnen (und denken) grosse angelsächsische Fonds, Pensionskassen und Versicherungen in Dollar. Dementsprechend orientieren sie sich beim risikofreien Zinssatz an den Dollar-Geldmarktzinsen. Und die liegen mittlerweile fast wieder bei 2 Prozent. Je höher der risikofreie Zinssatz, desto unattraktiver sind Aktien - von den negativen Auswirkungen auf die Bewertungsmodelle gar nicht erst zu sprechen. Ausserdem sind währungsbedingt höhere Unternehmensgewinne für in Dollar rechnende Grossinvestoren letztendlich eh ein Nullsummenspiel, schlägt sich bei ihnen ein schwächerer Euro doch in Währungsverlusten nieder.

Sowieso stellt sich zusehends die Frage, was uns danach - sprich im neuen Jahr - an den Aktienmärkten erwartet. Bleibt zu hoffen, dass der für Kepler Cheuvreux tätige Christopher Potts für einmal falsch liegt. Der bekannte Stratege geht bis Ende Dezember von einem letzten "Hurra!" aus und sieht im "tiefroten Oktober" einen ersten Vorgeschmack auf das, was uns im kommenden Börsenjahr blühen könnte (siehe auch «Letzte Gelegenheit naht, sich von Aktien zu trennen» vom 11. Oktober).

Wenn ich mir die Kurse einiger Schweizer Aktien so anschaue, dann frage ich mich: Kann es denn überhaupt noch schlimmer kommen...?

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