Bekanner SocGen-Stratege - «Die Zentralbanken setzen ihre Unabhängigkeit aufs Spiel»

Albert Edwards von der französischen Société Générale sieht führende Zentralbanken ihre Unabhängigkeit verlieren und warnt vor einer Neuauflage der Finanzkrise - Und: Spekulationen um den Nahrungsmittelkonzern Nestlé.
23.06.2017 12:30
cash Insider
«Die Zentralbanken setzen ihre Unabhängigkeit aufs Spiel»
Bild: fotolia.com

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Schon in wenigen Wochen jährt sich der Kollaps der einst mächtigen amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers zum zehnten Mal. Geschichtsträchtiges Jubiläum hin oder her - zum Feiern dürfte dann niemandem zumute sein. Denn die Nachwehen begleiten uns bis zum heutigen Tage.

Es war dieses Ereignis, welches den Zentralbanken führender Wirtschaftsnationen entschiedenes Handeln abverlangte und sie in den darauffolgenden Jahren zu noch nie dagewesenen geldpolitischen Experimenten zwang.

Längst sind diese Zentralbanken die Gefangenen ihrer Politik. Selbst vor unserem kleinen, beschaulichen Land machen die Spätfolgen der Finanzkrise keinen Halt. In der Bilanz der Schweizerischen Nationalbank (SNB) türmen sich mittlerweile Fremdwährungsreserven in Höhe von umgerechnet fast 700 Milliarden Franken - und diese lassen sich auch so schnell nicht wieder abbauen (siehe Kolumnen vom 31. Mai sowie vom 21. Juni).

Doch auch die erdrückend hohe Verschuldung der öffentlichen Hand, der von steigenden Lebenshaltungskosten gebeutelte Mittelstand oder die kaum noch finanzierbaren Vorsorgewerke lassen sich zumindest teilweise mit den Folgen der Finanz- und später der Schuldenkrise erklären.

Die Wut der Bürgerinnen und Bürger gilt vor allem den gierigen Investmentbankern und ihrem "Casino Kapitalismus" sowie den Politikern. Sie verschreiben sich schon seit Jahren der Symptombekämpfung, ohne sich endlich den Ursachen der Finanz- und Schuldenkrise anzunehmen. Denn das bedürfte unpopulärer Entscheidungen und kostet bloss unnötig Wählerstimmen.

Klare Worte findet Albert Edwards. Der für das Cross Asset Research der französischen Grossbank Société Générale tätige Anlagestratege lässt durchblicken, dass der Leidensdruck der Bürgerinnen und Bürger nach Jahren der Symptombekämpfung nicht eben kleiner geworden ist. Noch immer brodle es unter der Oberfläche, so lässt der durchblicken.

Der Stratege erwartet allerdings, dass sich diese Wut nicht mehr länger nur gegen die Investmentbanker und Politiker richtet. Er sieht zusehends auch die Zentralbanken - und damit die wahren Schuldigen für die beobachtete Verarmung des Mittelstands - in die öffentliche Kritik rücken. In den Augen Edwards geht es um nicht weniger als die Unabhängigkeit der Zentralbanken. Seine unmissverständliche Schlüsselbotschaft: Die Zentralbanken setzen die Unabhängigkeit aufs Spiel.

Schon heute macht der Stratege die Zentralbanken für die nächste Finanzkrise verantwortlich. Als Vorboten hierfür nennt er den kürzlich bekannt gewordenen Verkauf eines einzelnen Einstellhallenplatzes in Hongkong für umgerechnet gut 660'000 Dollar sowie die mehr als dreifach überzeichnete 100-jährige Staatsanleihe Argentiniens, nur wenige Jahre nach dem Staatsbankrott. Kein Wunder, muss sich Edwards den Vorwurf des ewigen Schwarzmalers gefallen lassen.

In Panik zu verfallen, wäre jetzt sicherlich falsch. Dennoch ist aus Anlegersicht ratsam, solche Übertreibungen zumindest im Auge zu behalten. Denn alte Börsenhasen wissen: Nach der Krise ist bekanntlich vor der Krise.

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Aus unserem nördlichen Nachbarland erreichen mich schon seit Wochen immer wieder abenteuerliche Börsenspekulationen (siehe Kolumnen vom 12. Mai sowie vom 15. Juni). Fragt man in Frankfurt nach, erhält man nicht selten ein und dieselbe Antwort: Urheber sei ein deutscher Börsenbrief.

Seit gestern Nachmittag steht bei uns niemand geringerer als der Nahrungsmittelkonzern Nestlé im Zentrum solcher Mutmassungen. Konzernchef Mark Schneider wolle sich nicht nur vom amerikanischen Süsswarengeschäft, sondern auch gleich noch von weiteren nur mässig rentablen Geschäftsbereichen trennen, so heisst es. Angeblich stehen auch das Süsswarengeschäft in Europa sowie jenes mit Tiefkühlprodukten in Nordamerika auf dem Prüfstand.

Trotz Börsengerüchten geben die Nestlé-Aktien die jüngsten Kursgewinne wieder preis (Quelle: www.cash.ch)

Auch diesmal scheint ein bekannter Börsenbrief hinter den Spekulationen zu stecken. Dass nach der strategischen Überprüfung des amerikanischen Süsswarengeschäfts weitere Veränderungen im Firmenportfolio von Nestlé folgen werden, ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Allerdings dürfte sich Schneider Zeit lassen und sich nicht so recht in die Karten blicken lassen - wie sich das für einen erfolgreichen Pokerspieler eben gehört.

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