Bekannter Stratege kritisiert die EZB deutlich

Ein gerne zitierter Stratege stellt die Glaubwürdigkeit der EZB ernsthaft in Frage. Ausserdem hegt er seine Zweifel, dass die Geldpolitik tatsächlich den gewünschten Erfolg bringt.
09.11.2015 12:30
cash Insider
Bekannter Stratege kritisiert die EZB deutlich

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Dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Geldschleusen noch ein bisschen weiter öffnet, gilt als so sicher wie das Amen in der Kirche. Tun wird sie das noch in diesem Jahr, voraussichtlich am 3. Dezember. Dann nämlich kommen die Direktoriumsmitglieder zur vorerst letzten geldpolitischen Sitzung vor den Festtagen in Frankfurt am Main zusammen.

Was Notenbankchef Mario Draghi an der darauffolgenden Pressekonferenz predigen wird, darüber lässt sich bloss spekulieren. Allerdings hallt seine letzte Rede noch immer nach. "Wir haben den Willen und die Fähigkeit, alle Instrumente einzusetzen, die unser Mandat erlaubt, wenn das nötig ist", liess der Hohepriester des billigen Geldes die Öffentlichkeit wissen.

Experten zufolge steht eine weitere Senkung des schon heute negativen Einlagesatzes für Geschäftsbanken genauso zur Debatte wie eine Ausweitung der milliardenschweren Wertpapierkäufe. Vermutlich dehnt die EZB dieses Programm sogar auf Aktien aus, ganz nach japanischem Vorbild.

Schon heute wird die kürzliche Warnung mit Draghis legendärer Rede vom Spätsommer vor drei Jahren verglichen. Nicht die Aussage "wir werden alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten", sondern das darauffolgende "und glauben Sie mir, das wird ausreichen" brachte damals überraschend die Wende in der Euro-Krise.

Obschon bei der EZB seither eine Interventionsmassnahme auf die nächste folgte, wurde ihre Glaubwürdigkeit nie in Frage gestellt. In wenigen Wochen geht der unermüdliche Kampf gegen die wirtschaftliche Wachstumsflaute und den anhaltenden Deflationsdruck voraussichtlich in die nächste Runde. Eigentlich bedeutet das so viel wie: Selbst die milliardenschweren Wertpapierkäufe und die negativen Einlagezinsen haben bislang nicht die erhoffte Wirkung entfaltet.

In einer mir aus London zugespielten Strategiestudie beschäftigt sich der für Société Générale tätige Albert Edwards mit der Frage, was wäre, wenn Drohungen wie "wir werden alles Notwendige tun" nicht mehr länger ausreichen.

Galt die Kritik des Strategen in den letzten Jahren der US-Notenbank sowie seinem früheren Arbeitgeber, der Bank of England, so hat er sich neuerdings auf die EZB und ihre Entscheidungsträger eingeschworen.

Es sei schliesslich die Politik des billigen Geldes gewesen, die überhaupt zur Finanzkrise der Jahre 2007/08 geführt habe, so Edwards. Weder die US-Notenbank, noch die Bank of England hätten aus den Fehlern der Vergangenheit etwas gelernt. Nach den jüngsten Aussagen von Mario Draghi lässt der Stratege keinen Zweifel daran, dass auch die EZB diesen ruinösen Weg eingeschlagen habe.

Er geht sogar noch einen Schritt weiter und zeigt sich besorgt über den ausbleibenden Erfolg der milliardenschweren Wertpapierkäufe. Vielmehr zeichne sich ab, dass "alles Notwendige" längst nicht mehr genug sei. Dabei stützt sich Edwards auf die um die Verbriefung bereinigte Kreditvergabe europäischer Banken an Schuldner aus dem Privatsektor. Denn während die Bilanz der EZB kräftig wächst, ist diese schon seit Monaten rückläufig.

Für den Experten steht fest: Grosse Gewinnerin der Geldschwemme ist niemand anderes als die öffentliche Hand. Vergleichbare geldpolitische Massnahmen in den USA hätten gezeigt, dass sich damit zwar die Vermögenspreise aufblähen, nicht aber die Realwirtschaft wieder auf Kurs bringen lasse.

Die europäische Wirtschaft sieht Edwards in altes Fahrwasser geraten. Sprich: Ihr droht abermals eine Kontraktion. Wer jetzt denkt, dass der Experte deshalb mit einem schwächeren Euro rechnet, der irrt gewaltig. Er sieht den Gleichgewichtspreis der europäischen Einheitswährung noch immer bei über 1,30 Dollar liegen. Zuletzt notierte das Währungspaar gerademal bei 1,0740 Dollar.

Was Mario Draghi und seine Kollegen von der EZB Anfang Dezember auch immer aus dem Ärmel zaubern werden, das muss schon ziemlich überzeugend sein. Ansonsten ist ihre Glaubwürdigkeit dahin. Nachdem sich der viel beachtete Stoxx Europe 600 Index alleine seit Ende September um knapp 10 Prozent erholt hat, sind die Erwartungen hoch.

Die Statistiken sprechen allerdings auch bei uns am Schweizer Aktienmarkt für eine Jahresendrally. Ich habe mal ein bisschen nachgerechnet: In den vergangenen sechs Jahren legte der Swiss Performance Index jeweils in den letzten zwei Monaten eines Börsenjahres um durchschnittlich 2,1 Prozent zu. Wenig überraschend entfallen zwei Drittel dieser Entwicklung auf den Dezember. Den stärksten November erfuhr der Schweizer Aktienmarkt im November vergangenen Jahres mit einem Plus von 4,4 Prozent, gefolgt von einem Minus von 1,4 Prozent im Schlussmonat. Der stärkste Dezember geht hingegen aufs Jahr 2011 zurück. Damals kletterte das breit gefasste Börsenbarometer nach einem schwachen Vormonat um 3,8 Prozent.

Obschon ich weiterhin an eine Jahresendrally glaube, stimme ich Albert Edwards in einem Punkt bei: Die EZB spielt im Hinblick auf den geldpolitischen Entscheid von Anfang Dezember mit ihrer Glaubwürdigkeit.
 

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