Beschönigte Zahlen - SMI-Firmen greifen immer öfter in die Trickkiste

Der cash Insider über eine interessante Studie der Zürcher Kantonalbank und einen beängstigenden Trend bei Schweizer Grosskonzernen: bereinigte Unternehmensergebnisse. Von schwarzen Schafen und von Musterknaben...
23.08.2017 12:30
cash Insider
SMI-Firmen greifen immer öfter in die Trickkiste
Bild: fotolia.com

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Spätestens seit der Vereidigung des Republikaners Donald Trump zum 45. Präsidenten drängt die neue amerikanische Regierung der Weltöffentlichkeit unter dem Begriff "alternative Fakten" ihre eigene Sicht der Dinge auf. Dabei liegen Wunsch und Realität oft so weit auseinander, dass diesem Begriff schon heute allerbeste Chancen auf die Wahl zum "Unwort des Jahres" eingeräumt werden.

Mit "alternativen Fakten" wird auch bei uns in der Schweiz gearbeitet - weniger in der Politik als vielmehr in der Wirtschaft. Denn wie die Unternehmensberichterstattung für die erste Jahreshälfte eindrücklich zeigt, haben die hiesigen Grosskonzerne eine Vorliebe für adjustierte Kennzahlen entdeckt.

Das heutige Börsengesetz lässt es zu, über reguläre Bilanz und Erfolgsrechnung hinaus zusätzliche bereinigte Kennzahlen vorzulegen. Und davon machen die Unternehmen regen Gebrauch.

Wie ich einer Strategiestudie der Zürcher Kantonalbank zu diesem Thema entnehme, haben nicht weniger als 28 der 30 im Swiss Leaders Index (SLI) vertretenen Grosskonzerne - darunter 19 Unternehmen aus dem Swiss Market Index (SMI) - in den vergangenen vier Jahren mindestens eine adjustierte Kenngrösse ausgewiesen. Eine Ausnahme bilden der stets erfolgreiche Innerschweizer Baustoffhersteller Sika sowie der gerne für seine hohen Warenlager kritisierte Luxusgüterkonzern Swatch Group aus Biel. Nicht weniger als 19 Unternehmen haben gar über die gesamten vier Jahre hinweg Ergebnisanpassungen vorgenommen, so die Studienautoren.

Die Kursentwickung der Sika-Aktien über die letzten fünf Jahre zeigt: Es geht auch ohne Griff in die Trickkiste (Quelle: www.cash.ch).

So weit, so gut - würden in den Medienmitteilungen und in den Jahresberichten nicht die bereinigten Kennzahlen vorgeschoben. Und diese haben es in sich: Berechnungen der Zürcher Kantonalbank zufolge lag die Summe der adjustierten Gewinne aller im SLI vertretenen Unternehmen im vergangenen Jahr um mehr als 30 Prozent über den von den Revisionsstellen geprüften Reingewinnen.

Interessant ist, dass der Risikokapitalspezialist Partners Group und der Lebensversicherungskonzern Swiss Life in einzelnen Jahren sogar einen unter dem geprüften Reingewinn liegenden bereinigten Gewinn ausgewiesen haben. Eine Beschönigung ihrer Ertragskraft lässt sich diesen beiden Firmen jedenfalls nicht vorwerfen.

Alles andere als Musterknaben sind hingegen der Backwarenhersteller Aryzta sowie der Reisedetailhandelskonzern Dufry. Für 2016 wies Dufry gemäss den Studienautoren einen den geprüften Reingewinn um mehr als das Hundertfache überragenden adjustierten Gewinn aus. Dabei wurden Amortisationen für die milliardenschweren Übernahmen von World Duty Free und Nuance elegant ausgeklammert. Bei Aryzta entsprach der um Amortisationen und Restrukturierungskosten bereinigte Gewinn immerhin noch dem Siebenfachen des eigentlichen Jahresgewinns. Doch auch die beiden Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse scheinen keine Unschuldsengel zu sein.

Bereinigt wird, was immer auch bereinigt werden kann - vom Umsatz über den Reingewinn bis hin zu einzelnen Bilanzposten. Ausgeklammert werden dabei Amortisationen, Abschreibungen, Wertberichtigungen oder Restrukturierungskosten.

Angesichts dieser Bereinigungswut hat die Schweizer Börse SIX einen Vorentwurf für neue Richtlinien auf den Weg gebracht. Diese Richtlinien sollen die Bilanzbereinigungen zumindest in vorgegebene Bahnen lenken.

Das hält die beiden Studienautoren der Zürcher Kantonalbank allerdings nicht davon ab, eine unmissverständliche Warnung auszusprechen: Das Heranziehen von bereinigten Kenngrössen für Investitionsentscheide berge Risiken, weshalb bei deren Interpretation Vorsicht geboten sei. Zudem erschwere die mangelnde Transparenz die Nachvollziehbarkeit und Vergleichbarkeit zwischen den verschiedenen Unternehmen und den jeweiligen Berechnungsperioden.

Mir ist bewusst, dass ein ungeheurer Erfolgsdruck auf den Schweizer Grosskonzernen und ihren Lenkern lastet. Sie werden von der Börse von Quartal zu Quartal gemessen. Dennoch halte ich es für gefährlich, wenn immer öfter in die Trickkiste gegriffen wird. Dass Firmen wie Novartis, ABB oder Nestlé der Zürcher Kantonalbank zufolge im vergangenen Jahr allesamt einen tieferen effektiven Gewinn als 2013 ausgewiesen haben, lässt jedenfalls tief blicken - und macht die besagte Strategiestudie für Anleger zur Pflichtlektüre.
 

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