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Die Vorwürfe von Jean-Philippe Bertschy an die Adresse von Aryzta wiegen schwer: Es sei ihm ein Rätsel, wie das Management das Ausmass der Herausforderungen derart unterschätzen konnte, so schreibt der Vontobel-Analyst.

Er spricht von einer "noch nie dagewesenen Wertvernichtung", die hätte vermieden werden können, hätte der Backwarenhersteller nach der Wahl von Gary McGann an die Spitze des Verwaltungsrats entschieden gehandelt.

Doch anstatt mit Bilanzsanierungsmassnahmen - sprich einer wenn auch schmerzhaften Kapitalerhöhung - und glaubwürdigen Restrukturierungsplänen aufzuwarten, spielte das Management lieber während zehn langen Monaten auf Zeit.

Die Quittung: Ergebnisenttäuschungen, zwei einschneidende Gewinnwarnungen in Folge sowie ein um gut 60 Prozent tieferer Aktienkurs - und das alleine seit Jahresbeginn.

Bertschy schliesst nicht aus, dass einige grössere Kunden dem Unternehmen angesichts der alarmierenden finanziellen Situation den Rücken kehren könnten. Auch den Restrukturierungsplänen gewinnt der Analyst nicht viel Gutes ab. Er spricht angesichts fehlender Detailinformationen von einem "Blindflug" und vermutet eine notfallmässige, quasi in letzter Minute ausgearbeitete Ankündigung dahinter.

Die Aktien von Aryzta (rot) über die letzten fünf Jahre im Vergleich mit dem SPI (grün). (Quelle: www.cash.ch)

Es kommt nicht oft vor, dass ein Analyst derart deutliche Töne anschlägt. Allerdings kann es sich Bertschy leisten, rät er doch schon eine ganze Weile zum Verkauf der Aktien von Aryzta.

Anders sein Berufskollege Alain-Sebastian Oberhuber von der Main First Bank, der sich erst durch die gestrige Gewinnwarnung zu einer Herunterstufung der Aktien von "Outperform" auf "Neutral" gezwungen sieht. Die Halbierung des Kursziels auf 16 (zuvor 36) Franken lässt jedenfalls tief blicken.

Eines zieht sich wie ein roter Faden durch die jüngere Firmengeschichte von Aryzta: Ein operativer Fehlentscheid reiht sich an den nächsten.

Auch ich habe beim hochverschuldeten Backwarenhersteller in den letzten Monaten immer mal wieder auf eine längst überfällige Bilanzsanierung gepocht und vom Kauf dieser Aktien abgeraten (siehe "Aryzta und das leidige Thema Kapitalerhöhung" vom 2. März und "Aryzta-Wette der Credit Suisse macht sich nicht bezahlt" vom 4. April).

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Gestern ging ein kleineres Beben durch den Bankenplatz Schweiz: Die Raiffeisen Gruppe verkauft ihre Privatbanken-Tochter Notenstein La Roche an Vontobel - was dem bisherigen Mutterhaus neben 700 Millionen Franken auch Hohn und Spott einbringt.

Während die Aktien von Vontobel an der Börse frenetisch gefeiert wurden, gerieten jene von Leonteq unter Verkaufsdruck. Im ersten Moment war nämlich unklar, ob mit dem Verkauf von Notenstein La Roche auch das am Anbieter von strukturierten Produkten gehaltene Aktienpaket an Vontobel geht. Pikant daran: Auch die Zürcher Bank gilt als grosse Nummer im Geschäft mit strukturierten Produkten.

Eine Sprecherin der Raiffeisen Gruppe übte sich in Schadensbegrenzung und liess gegenüber Medienschaffenden durchblicken, dass man das Aktienpaket vor dem Verkauf von Notenstein La Roche übernommen habe.

Dennoch gingen die Aktien von Leonteq gestern mit einem satten Tagesverlust von 5 Prozent aus dem Handel.

Der Grund: Der Verkauf von Notenstein La Roche lässt Erinnerungen an Aussagen von Konzernchef Patrick Gisel vom November letzten Jahres hochkommen, wonach die Raiffeisen Gruppe das Aktienpaket an Leonteq reduzieren werde.

Kursentwicklung der Aktien von Leonteq über die letzten Wochen. (Quelle: www.cash.ch)

In Branchenkreisen wurde damals der Hedgefonds-Pionier Rainer-Marc Frey als möglicher Käufer gehandelt. Mittlerweile ist man sich allerdings nicht mehr ganz so sicher, ob der prominente Aktionär bei Leonteq weitere Aktien zukaufen will.

Zumindest für die Leerverkäufer steht schon heute fest: Die Raiffeisen Gruppe kommt wohl nicht um eine Aktienplatzierung herum, will sie ihre 29-Prozent-Beteiligung reduzieren oder sich gar ganz von ihr trennen.

Dem Beratungsunternehmen Markit zufolge liefen bis vor wenigen Tagen Wetten in Höhe von rund 10 Prozent der ausstehenden Aktien gegen Leonteq. Das sind fast doppelt so viele wie noch Mitte Mai und entspricht in etwa 65 Prozent aller über die Wertpapierleihe erhältlichen Titel.
 

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