Börsendebütant Alcon - Peinlicher Analystenpatzer kostet Anleger Geld

Eine Analystin räumt bei Alcon einen groben Patzer ein und schwenkt in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von «Kaufen» auf «Verkaufen» um. - Und: IPO-Bank übt Kritik an der Informationspolitik von Klingelnberg.
12.04.2019 12:30
cash Insider
Peinlicher Analystenpatzer kostet Anleger Geld
Bild: fotolia.com

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Wer gestern Donnerstag der Kaufempfehlung der Société Générale folgte und beim Börsendebütanten Alcon einstieg, dürfte sich keine 24 Stunden später verwundert die Augen reiben: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion vollzieht die französische Grossbank eine Kehrtwende und stuft die Aktien der früheren Novartis-Tochter von "Buy" auf "Sell" herunter. Und um der Verkaufsempfehlung das nötige Gewicht zu geben, streicht sie das 12-Monats-Kursziel auf 44 (zuvor 67) Franken zusammen.

Insbesondere aber die Begründung für diese Kehrtwende könnte beim einen oder anderen Kunden von Société Générale für einen roten Kopf sorgen. Denn die für die französische Grossbank tätige Analystin Delphine Le Louet räumt ein, dass sie sich bei ihren Annahmen für den freien Cash Flow vertan hat. Mit anderen Worten: Unter den korrekten Annahmen ergibt das Bewertungsmodell ein völlig anderes - substanziell tieferes - Resultat. Le Louet entschuldigt sich denn auch in aller Form.

Kursentwicklung der Aktien von Alcon seit dem Börsendebüt vom Dienstag (Quelle: www.cash.ch)

Wo gehobelt wird, da fallen bekanntlich Späne. Ein so elementarer Schnitzer darf einem Analysten oder einer Analystin allerdings schlichtweg nicht passieren. An der Börse gehen solche Schnitzer rasch einmal ins Geld. Ob es mit einer simplen Entschuldigung getan ist, wage ich deshalb zu bezweifeln. Gut möglich, dass der eine oder andere Kunde der Société Générale gegenüber Forderungen geltend macht. Wir werden es wohl nie erfahren.

Nach der überraschenden Kehrtwende der französischen Grossbank ist die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley mit ihrer "Overweight" lautenden Kaufempfehlung und dem Kursziel von 65 Franken allein auf weiter Flur - in der Hoffnung, dass sich der für Morgan Stanley tätige Analyst David Lewis nicht auch verrechnet hat.

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Als der Automobilzulieferer Klingelnberg letzten Frühsommer den Gang an die Börse wagte, verfügte er über alle für einen Erfolg notwendigen Zutaten: Eine traditionsreiche Firmengeschichte, ein überzeugendes Produkt sowie gute Wachstumsaussichten. Ausserdem priesen die mit der Publikumsöffnung betrauten Banken - unter ihnen die Credit Suisse - das Unternehmen mit beliebten Schlagwörtern wie etwa "Elektromobilität" oder "industrieller Digitalisierung" an.

Doch schon an ihrem ersten Handelstag schlossen die Aktien von Klingelnberg knapp unter dem Ausgabepreis von 53 Franken. Angeblich verhinderten an diesem Tag nur Stützungskäufe durch die involvierten Banken Schlimmeres.

Die Gründe, weshalb die Papiere mittlerweile keine 35 Franken mehr kosten, sind weniger beim Unternehmen selbst als vielmehr bei den verhalteneren Aussichten in der Automobilindustrie zu suchen. Dennoch bleibt den "Publikumsaktionären der ersten Stunde" ein mehr als fader Nachgeschmack.

Zermürbende Kursentwicklung der Klingelnberg-Aktien seit dem Börsengang vom vergangenen Juni (Quelle: www.cash.ch)

Gut eine Woche ist es her, dass mit der Berenberg Bank eine mit dem Börsengang betraute Bank zwar ihre Kaufempfehlung bekräftigte, gleichzeitig aber das Kursziel auf 46 (zuvor 61) Franken zusammenstrich. Nun folgt mit der Credit Suisse die zweite Hauptverantwortliche der Publikumsöffnung. Sie kürzt das Kursziel für die mit "Outperform" eingestuften Aktien auf 49 (zuvor 55) Franken.

Unterschwellig übt Analyst Patrick Laager sogar leise Kritik an den Firmenverantwortlichen. Während andere Automobilzulieferer wie Komax oder die SFS Group vor einer Verschlechterung der Auftragslage gewarnt hätten, gebe sich Klingelnberg seit dem letzten Zwischenbericht von Anfang November bedeckt, so lässt er durchblicken.

Das Ergebnis für das im März abgelaufene Geschäftsjahr will der Automobilzulieferer erst am 9. Juli veröffentlichen. Bis dahin wähnt Laager die Aktionäre im luftleeren Raum. Der Analyst hat allerdings noch eine weitere plausible Erklärung für die ziemlich zurückhaltende Informationspolitik: Womöglich haben die beim Börsengang kommunizierten Zielvorgaben - die Rede war damals von einem Jahresumsatz zwischen 270 und 280 Millionen Euro sowie einem operativen Gewinn (EBIT) zwischen 29 und 30 Millionen Euro - bis heute ihre Gültigkeit.

Das Sprichwort keine Neuigkeiten sind gute Neuigkeiten gilt nicht für die Börse, bietet ein Informationsvakuum doch stets Raum für Spekulationen. Den nicht gerade erfolgsverwöhnten "Publikumsaktionären der ersten Stunde" von Klingelnberg wünsche ich jedenfalls, dass die Zielvorgaben auch weiterhin ihre Gültigkeit haben.

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