Börsenmonat der Superlative - Aktienfonds leiden unter rekordhohen Geldabflüssen

Der cash Insider mit wichtigen Erhebungen und Erkenntnissen rund um diesjährigen Dezember an den Aktienmärkten - Und: Novartis' gefährliche Abhängigkeit von einem einzigen Medikament.
21.12.2018 12:30
cash Insider
Aktienfonds leiden unter rekordhohen Geldabflüssen
Bild: fotolia.com

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Der Schweizer Aktienmarkt sei zu pharmalastig, zu träge und sowieso viel zu langweilig - so lautet bis vor wenigen Wochen das niederschmetternde Urteil. Wer etwas auf sich hielt, investierte in amerikanische Aktien. In New York spielte die Musik und nirgendwo sonst.

Dass nun ausgerechnet die negativen Vorgaben aus Übersee bei uns auf die Stimmung drücken, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Nieselt es am Vorabend in New York, bricht tags darauf ein Platzregen über den Schweizer Aktienmarkt herein. Verkauft wird, was nicht niet-und-nagelfest ist. Firmenspezifische Gesichtspunkte scheinen dabei keinerlei Bedeutung mehr beigemessen zu werden.

Aus Schweizer Sicht sind die letzten Jahre schon ziemlich zermürbend. Erst bleiben die hiesigen Aktien weit hinter den amerikanischen zurück, dann werden sie auch noch für die Kursverluste in New York abgestraft.

Gestern schrieb ich, dass der breit gefasste S&P-500-Index auf den schwächsten Dezember seit fast neunzig Jahren zusteuere. Nur 1931 verlor das amerikanische Börsenbarometer noch mehr.

Performance des S&P-500-Index jeweils im Dezember (Quelle: ZeroHedge)

Aus reiner Neugierde arbeitete ich mich in den letzten Stunden durch die historischen Datenreihen der Schweizer Börse SIX. Mit einem überraschenden Ergebnis: Im Dezember des Jahres 2002 büsste der Swiss Market Index (SMI) sogar satte 9,5 Prozent ein. Anders als in New York droht dem Schweizer Aktienmarkt folglich "nur" der schwächste Dezember seit sechszehn Jahren. Für die hiesigen Aktienanleger ist das aber wahrlich nur ein schwacher Trost.

Beste und schlechteste Dezember-Performance des SMI in den letzten 20 Jahren:

Jahr SMI
1997 +8,5 Prozent
2004 +4,6 Prozent
2016 +4,4 Prozent
2011 +3,8 Prozent
2006 +3,6 Prozent
   
2002 -9,5 Prozent
2018* -7,2 Prozent
2008 -4,9 Prozent
2007 -3,9 Prozent
2015 -1,5 Prozent
   
Durchschnitt 20 Jahre + 0,4 Prozent

Quelle: www.cash.ch

Wie dem auch immer sein mag: Auch in einem anderen Zusammenhang dürfte der Dezember in diesem Jahr als ein Börsenmonat der Superlative in die Geschichte eingehen. Nachdem in der Woche zum 12. Dezember rekordhohe 46,2 Milliarden Dollar aus Aktienfonds abgezogen wurden, flossen seither unter dem Strich weitere 34,6 Milliarden Dollar ab. Mit 80,7 Milliarden Dollar sind das seit Ende November der Beratungsfirma Lipper zufolge soviel wie noch nie.

Für einen weiteren Rekord sorgen die amerikanischen Unternehmen mit ihren Aktienrückkaufprogrammen. Wie offiziellen Statistiken entnommen werden kann, wurden in New York zwischen Juli und September eigene Aktien mit einem Verkehrswert von 204 Milliarden Dollar zurückgekauft. Das entspricht im Jahresvergleich einer Zunahme um fast 60 Prozent, den Steuererleichterungen der Regierung in Washington sei Dank.

Dass die amerikanischen Unternehmen erstmals in der Geschichte mehr Geld für Aktienrückkäufe als für Investitionen - beispielsweise für die Forschung und Entwicklung - ausgeben, lässt tief blicken. Und die Regierung in Washington muss sich nun die Frage stellen, ob die Unternehmenssteuerreform auch wirklich für den erhofften Investitionsschub sorgen wird. Ich wage das zu bezweifeln.

Kommt hinzu, dass nicht wenige amerikanische Unternehmen in den letzten Jahren schuldenfinanzierte Aktienrückkäufe getätigt haben. Nicht nur beim einstigen Industrieurgestein General Electric erweist sich das nun immer mehr als ein fataler Fehler. Nachhaltig sieht jedenfalls anders aus.

Gottseidank stehen der Schweizer Aktienmarkt und mit ihm viele der hiesigen Unternehmen auf einem deutlich solideren Fundament - so schmerzhaft die Kursverluste der letzten Wochen auch sein mögen.

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Nur noch wenige Monate, dann wird Novartis die amerikanische Tochter Alcon an die Börse bringen. Mit diesem Schritt nimmt das letzte und wohl kostspieligste Abenteuer aus der Ära des früheren Firmenchefs Daniel Vasella ein mehr oder weniger versöhnliches Ende.

Analysten sehen in den Börsenplänen für Alcon einen wichtigen Kurstreiber für die Aktien des Basler Mutterhauses. Erst vor wenigen Tagen setzte die amerikanische Investmentbank Merrill Lynch die Papiere von Novartis vorsorglich schon mal mit einem Kursziel von 105 Franken auf die viel beachtete "Europe 1 List".

Was bei Analysten bisweilen allerdings noch kaum ein Thema ist: Mit der Abspaltung von Alcon dürfte die Abhängigkeit vom vom Multiple-Sklerose-Medikament Gilenya noch grösser werden. Schätzungen der britischen Barclays zufolge ist dieses Präparat im kommenden Jahr mit 3,7 Milliarden Dollar im Bereich Innovative Medicines für fast 10 Prozent des Jahresumsatzes verantwortlich.

Kursentwicklung der Novartis-Aktien über die letzten 12 Monate (Quelle: www.cash.ch)

So weit, so gut - wäre da nicht der sich abzeichnende Ablauf wichtiger Patente. Wie Analyst Emmanuel Papadakis schreibt, fühlen sich viele seiner Berufskollegen bei anderen Banken in falscher Sicherheit. Zudem deuten Umfragen bei behandelnden Ärzten an, dass diese aufgrund der kürzlich erfolgten Sicherheitswarnung seitens der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA vermehrt auf andere Medikamente ausweichen könnten.

Ich befürchte, dass sich die Umsatzerwartungen für die beiden Schlüsselmedikamente Gilenya und Cosentyx im Laufe des nächsten Jahres als zu hoch erweisen könnten. Deshalb bleibe ich - trotz den zuletzt stark rückläufigen Kursnotierungen - bei meiner vorsichtigen Haltung für die Aktien von Novartis.

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