Böse VorahnungVerfällt ABB in einen Kaufrausch?

Ein bekannter Industrieanalyst warnt bei ABB vor wertvernichtenden Firmenübernahmen - Und: Interessante Statistiken zum oppositionellen neuen Clariant-Aktionär White Tale.
07.07.2017 12:30
cash Insider
Verfällt ABB in einen Kaufrausch?
Bild: fotolia.com

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In eigener Sache: Zum ersten Mal seit einem Dreivierteljahr stehen bei meiner Familie und mir vom 10. bis und mit 23. Juli 2017 wieder Ferien an. Die nächste Kolumne erscheint am Montag, 24. Juli 2017, wie gewohnt um 12:30 Uhr.

Bis dahin wünsche ich allen meinen Leserinnen und Lesern sonnige Tage und eine gute Börse,

Ihr cash Insider

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Fast vier Jahre sitzt Ulrich Spiesshofer bei ABB nun schon auf dem Chefsessel. Zuvor war er Leiter der Automationssparte. Längst hat der Deutschstämmige seinem Arbeitgeber den Stempel aufgedrückt - zuletzt mit der Übernahme von Bernecker + Rainer. Der eben gerade von den europäischen Wettbewerbshütern bewilligte Firmenkauf sei ein Quantensprung für sein Unternehmen, so preist Spiesshofer diesen bei jeder sich bietenden Gelegenheit an.

Was er nicht sagt: Dieser Quantensprung kostete eine Stange Geld. Auf ganze 2 Milliarden Franken schätzen Branchenkenner den Kaufpreis – für ein Unternehmen, das im letzten Jahr gerademal einen Umsatz von umgerechnet knapp 600 Millionen Franken erzielte.

Trotz dem Einverleiben von Bernecker + Rainer muss sich der traditionsreiche Industriekonzern aus Zürich den Vorwurf gefallen lassen, bei der Digitalisierung den Anschluss an andere Rivalen verpasst zu haben. Siemens oder Schneider Electric seien ABB diesbezüglich eine Nasenlänge voraus, schrieb der für die Deutsche Bank tätige Analyst schon vor Monaten (siehe Artikel vom 10. April).

Schon seit Wochen stehen die Aktien von ABB unter Druck (Quelle: www.cash.ch)

Nun legt er nach und warnt - in Anspielung auf die Spekulationen der letzten Wochen - vor wertvernichtenden Grossübernahmen. An der Börse muss ABB nämlich nicht nur als potenzieller Käufer der indischen Larson & Toubro herhalten. Auch bei Hexagon und der Industriesparte von General Electric wird das finanzkräftige Unternehmen neuerdings als Interessent genannt.

Von den drei genannten Übernahmezielen bezeichnet der Analyst gerademal die ähnlich gelagerten Geschäftsaktivitäten von General Electric als wertgenerierend. Er schliesst jedoch nicht aus, dass ABB nach der Übernahme von Bernecker + Rainer in einen kleineren Kaufrausch verfallen und mehrere wertvernichtende Akquisitionen in kurzer Abfolge tätigen könnte - ganz nach dem Vorbild der französischen Schneider Electric. Gemäss bankeigenen Schätzungen stehen dem Unternehmen bis zu 5 Milliarden Franken für Firmenkäufe zur Verfügung.

Die Übernahmepolitik ist allerdings längst nicht das Einzige, was die ABB-Aktionäre derweilen beschäftigt: In den letzten Tagen ist in Analystenkreisen ein Streit rund um die anstehende Quartalsergebnispräsentation entbrannt. Der Industriekonzern werde einmal mehr enttäuschen, sagen die einen, die Erwartungen seien gering und deshalb leicht zu schlagen, die anderen.

Wie gewohnt liegt die Wahrheit womöglich irgendwo dazwischen, wird der Zahlenkranz nicht nur von Licht, sondern auch von Schatten geprägt sein. Nach dem jüngsten Kursrücksetzer würde ich mich jedenfalls nicht mehr von den Aktien trennen.

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Nach dem Einstieg von White Tale bei Clariant haben sich die Gemüter hüben und drüben etwas beruhigt. Auch bei den Aktien des Spezialitätenchemiekonzerns aus Basel ist Ruhe eingekehrt - die berüchtigte Ruhe vor dem Sturm?

Mit interessanten Statistiken zum oppositionellen neuen Grossaktionär wartet das Beratungsunternehmen Factset auf. Hinter White Tale verbirgt sich neben Standard Industries bekanntlich der von Keith Meister gegründete Hedgefonds Corvex. Dass es sich bei Meister um einen ehemaligen Wegbegleiter des berüchtigten Milliardärs Carl Icahn handelt, wurde in den Medien bereits breitgetreten.

Zumindest in Übersee ist Corvex kein unbeschriebenes Blatt. Nicht weniger als 18 Kampagnen gehen auf das Konto des Hedgefonds, wie sich den Statistiken entnehmen lässt. Achtmal richtete sich Corvex in einem öffentlichen Schreiben an die Firmenlenker und fünfmal direkt an die übrigen Aktionäre. Bei fünf Unternehmen kam es sogar zum offenen Machtkampf.

Aktien von Clariant (rot) im Vergleich mit jenen des Fusionspartners Huntsman (grün) (Quelle: www.cash.ch)

Ob White Tale auch bei  Clariant die offene Konfrontation sucht, wird sich zeigen. Fakt ist: Eigenen Angaben zufolge kontrolliert die Aktionärsgruppe beim Spezialitätenchemiehersteller 7,2 Prozent der Stimmen. Sich als Käufer weiterer Aktien zu erkennen geben muss sich der oppositionelle Grossaktionär erst wieder bei einem Überschreiten des Schwellenwerts von 10 Prozent.

Meines Erachtens dürfte es White Tale nicht schwer fallen, andere Aktionäre hinter sich zu scharen. Darüber hinaus könnten sich weitere Finanzinvestoren bei den Baslern zu erkennen geben. Die kommenden Wochen werden jedenfalls spannend...

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