Bricht nach dem Sika-Urteil eine neue Ära an?

Wieso das Sika-Urteil der Anfang vom Ende der Aktionärsaristokratie bei Schweizer Traditionsunternehmen wie Swatch, Roche oder Schindler sein könnte.
02.11.2016 14:30
cash Insider
Bricht nach dem Sika-Urteil eine neue Ära an?
Bild: fotolia.com

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Die Überraschung war perfekt: Am Freitagabend erklärte das Kantonsgericht Zug die Stimmrechtsbeschränkung des Familienaktionärs Schenker-Winkler-Holding (SWH) durch Sika für rechtens.

Damit ist der milliardenschwere Verkauf der Mehrheitsbeteiligung nach Frankreich zumindest fürs erste auf Eis gelegt. Geht SWH wie angekündigt in Revision, droht schlechtestenfalls ein jahrelanger Rechtsstreit. Das kann weder im Sinne des Unternehmens, noch seiner Anspruchsgruppen sein. Ein Kompromiss muss her.

Dieser könnte wie folgt aussehen: Der Innerschweizer Baustoffhersteller selber erwirbt das Aktienpaket. Die leer ausgehende Saint-Gobain würde hingegen mit einer Einmalzahlung abgespeist. Sika hätte dann endlich die Gelegenheit, die Einheitsnamenaktie einzuführen.

"One share, one vote", sagen die Amerikaner. Eine Aktie, eine Stimme. Doch statt eitel Aktionärsdemokratie herrscht bei einigen Schweizer Publikumsgesellschaften noch immer Aristokratie.

Auf der Suche nach Stoff für Anschauungsunterricht stösst man ziemlich schnell auf die Swatch Group. Die Aktionärsgruppe rund um die Familie Hayek kontrolliert beim Luxusgüterkonzern aus Biel etwas mehr als 40 Prozent der Stimmen - und das über die fünfmal stimmenstärkeren Namenaktien.

Zumindest ein Trost bleibt den Publikumsaktionären der Swatch Group allerdings: Mit dem einfachen Stimmenmehr haben sie das Sagen. Der Familie Hayek bleibt eine Sperrminorität. Zudem sind die an der Schweizer Börse SIX kotierten Namenaktien für jedermann zugänglich, sofern man die schlechtere Handelbarkeit dieser Titelkategorie in Kauf nimmt.

Schon seit Jahren werden immer wieder Spekulationen wach, wonach die Hayeks das Unternehmen von der Börse nehmen wollen. Der Zeitpunkt wäre jedenfalls günstig und mögliche Mitinvestoren wären im aktuellen Umfeld vermutlich schnell gefunden.

Auch Schindler wurde in der Vergangenheit gerüchteweise schon ein Rückzug von der Börse nachgesagt. Im näheren Umfeld des Unternehmens gelten solche Pläne derzeit jedoch als unwahrscheinlich. Neben den Namenaktien hat der weltbekannte Hersteller von Aufzügen und Rolltreppen auch Partizipationsscheine ausstehend - eine Vereinfachung der Kapitalstruktur wäre deshalb begrüssenswert.

Mit einem Stimmenanteil von 69,9 Prozent verhält es sich bei der Aktionärsgruppe rund um die Gründerfamilien Schindler und Bonnard wie beim französischen König Louis XIV: L’état c’est moi.

Dank dieser Zweidrittelmehrheit könnte man das Unternehmen quasi über Nacht statutarisch dazu zwingen, nicht mehr länger Aufzüge und Rolltreppen, sondern Hufeisennägel oder was auch immer zu produzieren. Soweit die Theorie - in der Praxis sähe das zugegebenermassen etwas anders aus.

Eine einmalige Chance bietet sich dem Basler Pharma- und Diagnostikkonzern Roche, sofern man den Willen des Grossaktionärs Novartis als solche betrachtet, sich von der Eindrittelsbeteiligung trennen zu wollen.

Schon seit Monaten wird Roche selber als möglicher Käufer für dieses Aktienpaket ins Spiel gebracht (siehe Kolumne vom 9. August). Das käme Novartis vermutlich sehr gelegen, tut sich der Rivale aus Basel bei der Platzierung dieses milliardenschweren Relikts aus der Ära des einstigen Konzernchefs Daniel Vasella doch sichtlich schwer.

Finanziell liesse sich ein solches Abenteuer für Roche ohne weiteres stemmen - wär da nicht die Gefahr eines Pflichtangebots der Familienaktionäre an die Publikumsaktionäre. Allerdings liesse sich ein Pflichtangebot mit der Einführung der Einheitsaktie elegant umgehen.

Es ist nicht nur bei Roche an der Zeit, die nicht mehr zeitgemässe Kapitalstruktur zu vereinfachen und der Aktionärsaristokratie vergangener Tage zu entsagen. Man kann vom überraschenden Entscheid des Kantonsgerichts Zug in der Causa Sika halten was man will: Vielleicht hilft es ja wenigstens, dass in die Jahre gekommene Strukturen endlich kritisch hinterfragt und aufgebrochen werden.
 

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