Dem Schweizer Aktienmarkt droht angeblich Ungemach

Den Strategen von Barclays Capital zufolge droht dem Schweizer Aktienmarkt Ungemach - Und: Nun traut auch die mächtige amerikanische Investmentbank J.P. Morgan den Aktien von Nestlé dreistellige Kurse zu.
31.08.2016 12:30
cash Insider
Dem Schweizer Aktienmarkt droht angeblich Ungemach
Bild: fotolia.com

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Die Dominanz von Nestlé, Roche und Novartis ist Fluch und Segen zugleich für den Schweizer Aktienmarkt. Ein Segen, weil sich die ausländischen Grossinvestoren sichtlich wohl in den drei Indexschwergewichten fühlen, wenn es da draussen turbulent zu und her geht. Ein Fluch deshalb, weil diese in der übrigen Zeit einen grossen Bogen um die Valoren von Nestlé, Roche und Novartis machen und die hiesige Börse dann gezwungenermassen ein Mauerblümchendasein fristet.

Während bei den Aktien kleinerer und mittelgrosser Unternehmen die Offenlegungsmeldungen von Blackrock an die Börsenbetreiberin SIX interessante Einblicke in das Treiben der mächtigen Grossinvestoren liefern, verletzt der mit Abstand grösste Vermögensverwalter der Welt bei den hiesigen Grossunternehmen nur selten mal einen Schwellenwert.

Bleiben noch die ausserbörslichen Blocktransaktionen. Häufen sich diese in Anzahl und Grösse, haben eigentlich fast immer ausländische Grossinvestoren ihre Finger mit im Spiel. Eine solche Häufung war bei den Indexschwergewichten Nestlé, Roche und Novartis letztmals Mitte Juli - mehr oder weniger zeitgleich mit Beteiligungsveränderungen von Blackrock bei den Aktien kleinerer und mittelgrosser Unternehmen - zu beobachten (siehe Kolumne vom 29. Juli).

Seither häufen sich bei mir die Stimmen aus dem Handel, die von grossangelegten Umschichtungen aus den konjunkturunabhängigen Nahrungsmittel- und Pharmaaktien wissen wollen. Der jüngste Kurszerfall bei den Valoren von Roche und Novartis scheint diesen Stimmen Recht zu geben. Die Aktien von Nestlé - als dritte im Bunde - unterliegen dank der sich abzeichnenden Personalrochade an der Konzernspitze sowieso ganz eigenen Gesetzmässigkeiten.

Liegen die Aktienstrategen von Barclays Capital mit ihrer Vermutung richtig, sind die in den vergangenen Wochen beobachteten Umschichtungen erst die Spitze des Eisbergs. Bankeigenen Berechnungen zufolge hat die Bewertung von Qualitätsaktien in Europa einen noch nie dagewesenen Extremwert erreicht. Den Substanzaktien auf der einen und den Aktien stark wachsender Unternehmen auf der anderen Seite sagen die Experten hingegen einen kräftigen Nachholbedarf nach.

Um ihrer Meinung den nötigen Nachdruck zu verleihen, setzen sie die Aktien der Zurich Insurance Group gemeinsam mit jenen von ABN Amro, Volkswagen und Wirecard auf die europäische Favoritenliste. Im Gegenzug raten sie ihrer Anlagekundschaft zum Verkauf von Nahrungsmittelaktien.

Zumindest in der Schweiz spielt die Musik schon eine ganze Weile nicht mehr in den Qualitätsaktien. Ganz im Gegenteil: Schon seit Monaten hangeln sich fast ausschliesslich die entweder substanz- oder aber wachstumsstarken Nebenwerte von einem Rekordhoch zum nächsten - angeheizt durch die Analysten und ihren aggressiven Kaufempfehlungen (siehe Kolumne vom 29. August).

Steht der Milchverarbeiter Emmi stellvertretend für die Substanzaktien und der Medizinaltechnikhersteller Ypsomed für die Wachstumsaktien, sind hierzulande beide Enden des Marktspektrums so teuer wie selten zuvor. Der Mist ist damit weitestgehend gekarrt...

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Erst vor wenigen Wochen schlug eine Unternehmensstudie von RBC Capital Markets zum traditionsreichen Nahrungsmittelhersteller Nestlé wie eine Bombe ein. Das nicht ohne Grund, traut der Autor den Aktien unter dem zukünftigen Konzernchef Ulf Mark Schneider unter Umständen doch einen Anstieg auf 118 Franken zu.

Nun legt seine für J.P. Morgan tätige Berufskollegin nach: Offiziell empfiehlt sie das Indexschwergewicht zwar nur mit einem Kursziel von 88 Franken zum Kauf. Auf Basis der geplanten Kosteneinsparungen und der Verpflichtung eines Konzernchefs von ausserhalb des Unternehmens hält sie allerdings einen Kurs von 105 Franken für durchaus angemessen.

Mit anderen Worten: Schraubt Nestlé in den nächsten Jahren kräftig an der Kostenschraube und trennt sich der Nahrungsmittelkonzern von margenschwachen Geschäftszweigen, dann ist ein jährliches Gewinnwachstum von 14 Prozent möglich.

Wie ich an dieser Stelle auch schon geschrieben habe, tritt Ulf Mark Schneider bei seinem zukünftigen Arbeitgeber ein schweres Erbe an. Der Nachfolger von Paul Bulcke wird sich nämlich mächtig ins Zeug legen müssen, will er den ambitionierten Markterwartungen gerecht werden.

 

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