Der Februar-Ausverkauf fordert «Opfer»

Auch am Schweizer Aktienmarkt hat der Ausverkauf in den letzten zwei Wochen «Opfer» gefordert. Der cash Insider fühlt den Kursverlierern auf den Puls.
15.02.2016 12:30
cash Insider
Der Februar-Ausverkauf fordert «Opfer»

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Es war schon immer die Gier nach dem schnellen Geld, die die Finanzmärkte ins Verderben gestürzt hat. Hochfrequenz- und Computerhandel, Derivate, fremdfinanzierte Aktienkäufe - sie alle tragen dazu bei, dass die Börsen immer verletzlicher werden.

Längst wurde die Angst vor einer harten Landung der chinesischen Wirtschaft von der Angst vor einer Neuauflage der Finanzkrise abgelöst. Verübeln kann man diese den Marktakteuren nicht, ist die Situation doch ernst. Und anders als in den Jahren 2007/08 bleiben den führenden Zentralbanken kaum noch wirksame Pfeile gegen eine solche Krise im Köcher.

Nicht die weltweit tätigen Milliardenkonzerne wie Roche, Nestlé oder Novartis leiden, wenn die Banken keine Kredite mehr sprechen können oder wollen. Vielmehr wird es für die kleineren Publikumsgesellschaften zu einem Kampf ums Überleben, wenn sich ihnen der Zugang zu frischem Eigen- oder Fremdkapital plötzlich verschliesst.

Wenig überraschend sind bei uns am Schweizer Aktienmarkt neben den Aktien von Banken wie der Credit Suisse, EFG International oder der UBS vor allem jene kleinerer Unternehmen unter den "Opfern" des Kursrückschlags zu finden.

Das womöglich prominenteste "Opfer" ist Charles Vögele. Die Aktien des traditionsreichen Modehauses aus Zürich brachen innerhalb von gerademal fünf Handelstagen um mehr als 30 Prozent ein und fielen am Donnerstag bei 4,54 Franken auf den tiefsten Stand in der Firmengeschichte.

Gerade der im November entstandenen Aktionärsgruppe um den Teleios Global Opportunities Fonds dürfte das so gar nicht schmecken. Offenlegungsmeldungen zufolge kontrolliert sie noch immer gut 15 Prozent der Stimmen.

Allerdings ist gerüchtehalber von Unstimmigkeiten zwischen den Finanzinvestoren und der Geschäftsleitung zu hören. Dass vergangene Woche rund 9 Prozent der ausstehenden Aktien die Hand wechselten, lässt aufhorchen. Da die Aktionärsgruppe mit dem Unterschreiten des Schwellenwerts von 15 Prozent meldepflichtig würde, bleiben der Öffentlichkeit Titelverkäufe wohl nicht lange verborgen.

Fakt ist: Der operative Turnaround zieht sich bei Charles Vögele schon seit Jahren in die Länge. Dem Unternehmen haftet deshalb der Ruf der "ewigen Baustelle" an. Durch den Kurszerfall der letzten Wochen hat sich das Fenster für eine Kapitalerhöhung fürs erste wohl geschlossen. Damit ist der Modekonzern auf Gedeih und Verderb den kreditgebenden Banken ausgeliefert.

Die Gründe für den Kurstaucher der einst sehr beliebten Aktien von Leonteq sind hingegen andere. Noch immer verdient der Anbieter von strukturierten Produkten nämlich gutes Geld. Dennoch wird ihm mit einem Minus von 34 Prozent seit Anfang Monat die undankbare Rolle des Schlusslichts am Schweizer Aktienmarkt zuteil.

Anlässlich der Jahresergebnispräsentation mussten die Verantwortlichen von Leonteq überraschend die Auflösung der Zusammenarbeit mit dem asiatischen Partner DBS einräumen. Mit einem Beitrag von 6 Prozent am Jahresumsatz ist diese zwar nicht existenziell. Allerdings kommen solche Rückschläge an der Börse nicht gut an. Alleine am Tag der Bekanntgabe wurden die Aktien mit einem Minus von mehr als 20 Prozent abgestraft.

Nach der am Mittwoch bekanntgewordenen Vertiefung der Partnerschaft mit Raiffeisen Schweiz braucht es weitere Erfolgsnachrichten, damit die Anleger endlich wieder neues Vertrauen schöpfen.

Einen weiterhin angeschlagenen Eindruck machen auch die Papiere von Meyer Burger. Der Solarzulieferer aus dem Bernischen Gwatt ist schon seit einer ganzen Weile nur noch ein Schatten seiner selbst. Für das letzte Jahr sind bislang nur die provisorischen Umsatz- und Auftragszahlen bekannt. Allerdings zeichnet sich heute schon ein trauriger Rekord ab: Zum zehnten aufeinanderfolgenden Jahr dürfte das Unternehmen auf Stufe EBITDA einen operativen Verlust schreiben, so ist einem Kommentar aus dem Aktienhandel der MainFirst Bank zu entnehmen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, so sagt man. Doch jene auf Aufträge für Grossprojekte in Katar scheinen mittlerweile sogar die Firmenvertreter selber begraben zu haben. Waren ihnen noch vor einigen Jahren nur Aufträge in dreistelliger Millionenhöhe eine Pressemitteilung wert, so werden inzwischen sogar solche im einstelligen Millionenbereich als Erfolg gefeiert.

Analysten schliessen eine weitere Kapitalerhöhung im Hinblick auf die im Mai nächsten Jahres fällig werdende Obligationsanleihe nicht länger aus. Vermutlich lässt sich nicht zuletzt auch damit das Minus von 17 Prozent seit Anfang Monat erklären.

In einer deutlich komfortableren Situation befindet sich da schon Basilea. Die Gewinnschwelle wird der in Basel beheimatete Antibiotikahersteller wohl frühestens im nächsten Jahr erreichen. Für die Transformation zum voll integrierten Pharmaunternehmen können die Verantwortlichen jedoch auf gut 400 Millionen Franken in bar zurückgreifen.

Mit Cresemba (Pilzinfektionen), Toctino (Handekzeme) und Ceftobiprole (Antibiotikum) hat Basilea drei Medikamente in unterschiedlichen Ländern auf dem Markt. Weitere Zulassungsanträge laufen.

Der Grund für den Kursrückgang um 21 Prozent ist bei Basilea denn auch weniger bei firmenspezifischen Gründen als vielmehr bei den schwachen Vorgaben amerikanischer Biotechnologieaktien zu suchen.

Zu "Opfern" im eigentlichen Sinne werden kleine Publikumsgesellschaften erst dann, wenn es um die Existenz geht. Bei einigen der genannten Unternehmen ist die Situation ernst, aber noch lange nicht aussichtslos. Bleibt für die Mitarbeiter, die Aktionäre und alle übrigen Anspruchsgruppen zu hoffen, dass sich die Lage an der Börse und bei den Banken möglichst rasch entspannt und sich der Zugang zu frischem Eigen- oder Fremdkapital wieder öffnet.
 

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