«Der Himmel scheint das Limit!»

Der cash Insider blickt auf die Entwicklung am Schweizer Aktienmarkt im Juni zurück und zieht einmal mehr demütig bei seinen Aktienfavoriten Bilanz.
04.07.2016 12:30
cash Insider
«Der Himmel scheint das Limit!»
Bild: fotolia.com

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Alles in bester Ordnung, verrät zumindest ein Blick auf das Kurstableau. Nach einer Achterbahnfahrt der Gefühle vor und nach dem historischen Entscheid Grossbritanniens, aus der Europäischen Union auszutreten, hat der Swiss Market Index (SMI) am letzten Handelstag im Juni wieder über die magische Marke von 8000 Punkten zurückgefunden.

Das hat das viel beachtete Börsenbarometer nicht zuletzt auch den Indexschwergewichten Nestlé, Roche und Novartis zu verdanken. Immer wenn politisch oder wirtschaftlich betrachtet „Land unter“ ist, sind defensive Qualitäten gefragt. Kommt dazu, dass der Nahrungsmittelhersteller Nestlé vergangene Woche mit der Verpflichtung von Ulf Mark Schneider zum Nachfolger von Konzernchef Paul Bulcke ein Ass aus dem Ärmel zauberte. Der lange Jahre für den Gesundheitskonzern Fresenius tätige Schneider lässt bei seinem zukünftigen Arbeitgeber denn auch den Beginn einer neuen Ära erahnen. Gerade bei angelsächsischen Grossinvestoren kommt das gut an.

Die Anteilseigner der beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse und ihre Leidensgenossen im Aktionariat hiesiger Vermögensverwalter wie EFG International oder GAM dürften die Börseneuphorie der letzten Tage hingegen nicht teilen. Sie hat der Entscheid des britischen Volkssouveräns im letzten Monat viel Geld gekostet. Viele dieser Aktien haben seit Jahresbeginn hohe prozentual zweistellige Kursverluste zu beklagen.

Noch nie zuvor verhielten sich die Marktakteure bei uns am Schweizer Aktienmarkt auch nur annähernd so selektiv wie in diesen Tagen. Während die unbeliebten Aktien schier ins Bodenlose fallen, hangeln sich die Beliebtesten von einem Rekord zum nächsten (siehe Kolumne vom Freitag).

Kennzahlen wie das Verhältnis vom Unternehmenswert zum operativen Gewinn (EV/EBITDA), das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) oder das Verhältnis vom Buchwert zum Aktienkurs (Price-to-Book) haben keine Bedeutung mehr - der Himmel scheint das Limit. In den letzten Wochen seien nun auch noch kleinere Regionalbanken für ihre Anlagekundschaft auf den Nebenwerte-Zug aufgesprungen, so lasse ich mir sagen. Wenn das mal gut kommt...

...schliesslich hat sich das Börsenumfeld zuletzt weiter eingetrübt. Selbst die ach so gelobte amerikanische Wirtschaft beginnt wieder zu schwächeln. Stummer Zeug ist der Anleihenmarkt in New York, wo die Renditen amerikanischer Staatsanleihen in den letzten Tagen auf den tiefsten Stand in der Geschichte gefallen sind. Die Wahrscheinlichkeit einer zweiten Leitzinserhöhung durch die wohl mächtigste Zentralbank der Welt in diesem Jahr tendiert mittlerweile gegen Null.

Sowieso sprächen die historisch tiefen Zinsen auch bei uns für einen blinden Einstieg in den Aktienmarkt. Die Anleihen der Eidgenossenschaft weisen auf eine Laufzeit von 50 Jahre hinaus eine negative Rendite auf Verfall auf. So sehr ich das unserem Land auch gönnen mag - entbehrt es doch jeglichem gesundem wirtschaftlichen Grundverständnis, wenn der Schuldner vom Gläubiger Zins erhält und nicht umgekehrt.

Die Folge: Nicht nur in China, auch in Nordamerika und Europa laufen die schon zuvor hohen Schulden regelrecht aus dem Ruder (siehe Kolumne vom 1. Juni). Wieso auch den Gürtel enger schnallen, wenn selbst den am stärksten verschuldeten Ländern das Geld nur so nachgeworfen wird. Gerade die Europäische Zentralbank (EZB) betreibt Monetarisierung der Staatsschulden vom Allerfeinsten. Diese "Politik des billigen Geldes" mag zwar die Symptome der strukturell bedingten Probleme lindern. Ursachenbekämpfung sieht allerdings anders aus. Unter der Oberfläche brodelt es jedenfalls bereits wieder - die maroden italienischen Banken lassen grüssen.

Meine am 29. Dezember kommunizierten Schweizer Aktienfavoriten für das Börsenjahr 2016 hatten im Juni einen sehr schweren Stand. Trotz einer hohen taktischen Barmittelquote und den Kursgewinnen auf dem Neuzugang, den Aktien des Fondsanbieters GAM, fällt die Bilanz ziemlich ernüchternd aus. Mit einem Minus von 9,68 Prozent schnitten die Aktienfavoriten seit Ende Dezember insgesamt etwas schlechter ab als der um 4,79 Prozent tiefere Swiss Performance Index (SPI).

Offene Positionen per 30. Juni 2016:

LafargeHolcim N (VN1221405)

-18,9 Prozent

Zurich N (VN 1107539)

-6,9 Prozent

Basilea N (VN 1143244)

-29,2 Prozent

OC Oerlikon N (VN 0081682)

-5,2 Prozent

Roche GS (VN 1203204)

+0,5 Prozent

GAM N (VN 10265962)

+6,8 Prozent

UBS Group N (VN 24476758)

-10,9 Prozent

Ein Lichtblick sind hingegen die am 12. Januar erkorenen Dogs of the SMI. Mit einem Plus von 3,98 Prozent stellen sie den um 0,66 Prozent höheren Vergleichsindex in den Schatten.

Dogs of the SMI per 30. Juni 2016:

Swiss Re N (VN 12688156)

-11,4 Prozent

Zurich N (VN 1107539)

-5,6 Prozent

Swisscom N (VN 0874251)

-2,2 Prozent

SGS N (VN 0249745)

+23,1 Prozent

UBS Group N (VN 24476758)

-29,3 Prozent

LafargeHolcim: Die Firmenvertreter um Konzernchef Eric Olsen stehen in der Beweislast. Was die versprochenen Synergien aus dem Zusammenschluss der beiden führenden Zementhersteller und die geplanten Devestitionen anbetrifft, müssen sie nun endlich Ergebnisse liefern. Erst dann erwachen diese substanzstarken Aktien zu neuem Leben.

Zurich Insurance Group: Unter Mario Greco, dem Nachfolger des mittlerweile verstorbenen Konzernchefs Martin Senn, scheint der Turnaround schon nach kürzester Zeit zu greifen. Weitere Anhaltspunkte dürfte die Halbjahresergebnispräsentation vom 11. August liefern. Dass sich gerade die angelsächsischen Analysten vermehrt wieder für die Aktien des Versicherungskonzerns aus Zürich interessieren, ist ein gutes Zeichen.

Basilea: Die schon seit Wochen mehrheitlich negativen Vorgaben aus dem amerikanischen Biotechnologiesektor setzen den Aktien des hiesigen Branchenvertreters ebenfalls sichtlich zu. Noch immer laufen umfassende Wetten gegen das Unternehmen, welches sich in einer Transformation zum vollintegrierten Pharmahersteller befindet. Ich erhoffe mir auch bei Basilea Anhaltspunkte vom Halbjahresergebnis auf den kommerziellen Erfolg des Schlüsselmedikaments Cresemba. Läuft alles nach Plan, sind ab dem kommenden Jahr erstmals schwarze Zahlen möglich.

OC Oerlikon: Seit der jüngsten Gewinnwarnung haben die Aktien über weite Strecken einen schweren Stand. Noch ist unklar, ob sich das Tagesgeschäft im erhofften Ausmass belebt hat. Hauptattraktion bleiben die hohen Nettobarmittel, welche finanziellen Spielraum für gewinnverdichtende Firmenübernahmen oder ein Aktienrückkaufprogramm bieten. Darüber hinaus ist eine weitere Verschlankung des Firmenportfolios möglich. Auch damit könnte OC Oerlikon Aktionärswerte schaffen.

Roche: Verschreibungsstatistiken für den amerikanischen Schlüsselmarkt lassen ein starkes zweites Quartal vermuten. Noch macht sich dies bei den Genussscheinen aber nicht im Kursverlauf bemerkbar. In der zweiten Jahreshälfte stehen mehrere wichtige Produktneuigkeiten an. Unter den Pharmaherstellern hat die Forschung und Entwicklungsabteilung von Roche einen vergleichsweise guten Leistungsausweis, was mich für die kommenden Monate zuversichtlich stimmt. Bleibt zu hoffen, dass die Basler keine überteuerten Grossübernahmen tätigen. Aktionärswerte liess sich mit einem Kauf von Teilen des von Novartis gehaltenen Aktienpakets schaffen. Wie in der aktuellen "SonntagsZeitung" zu lesen ist, hegt der Basler Platzrivale nämlich Verkaufsabsichten.

UBS Group: Obschon die grössere der beiden Schweizer Grossbanken über eine komfortable Eigenkapitaldecke und eine klare Strategie verfügt, konnten sich ihre Aktien der Schwäche im europäischen Bankensektor nicht entziehen. Das schwierige Marktumfeld spräche eigentlich für einschneidende Kosteneinsparmassnahmen. Ob die UBS wirklich zu solchen bereit ist, wird sich zeigen müssen. Anders als bei anderen Rivalen - ich nenne an dieser Stelle absichtlich keine Namen - scheinen die Risiken bei der Grossbank allerdings überblickbar und die zukünftige Dividendenpolitik vergleichsweise gut vorhersehbar. Das stimmt mich zuversichtlich, dass sich diese Valoren früher oder später wieder erholen werden.

GAM: Nach einer einschneidenden Gewinnwarnung wurden die Aktien dieses Fondsanbieters von der Börse mit prozentual zweistelligen Kursverlusten abgewatscht. Im Zuge des Ausscheidens Grossbritanniens aus der Europäischen Union schwappte noch einmal eine Ausverkaufswelle über die Papiere. Diese erachte ich als übertrieben. Kann das Unternehmen die Dividende trotz wegbrechender erfolgsabhängiger Gebühren aufrecht erhalten, errechnet sich immerhin eine jährliche Rendite von 6,7 Prozent. Mit der Übernahme von Cantab Capital Partners beweisen die Entscheidungsträger von GAM zudem eine gute Nase. Sie liefert nicht nur Zugang zu neuen Technologien, sondern führt auch zu einer beachtlichen Gewinnverdichtung.

Abgeschlossene Transaktionen:

Verkauf

Logitech N (VN 2575132)

-2,3 Prozent

Kauf

Roche GS (VN 1203204)

 

Kauf

Syngenta N (VN 1103746)

 

Verkauf

Nestlé N (VN 3886335)

-2,8 Prozent

Verkauf

Credit Suisse N (VN 1213853)

-38,3 Prozent

Kauf

UBS Group N (VN 24476758)

 

Verkauf

Put-Warrant WLHA0V

-59,4 Prozent

Kauf

Leonteq N (VN 19089118)

 

Verkauf

Leonteq N (VN 19089118)

-8,1 Prozent

Kauf

Call SCMAIZ (VN 2952588)

 

Kauf

Put SCMCJB (VN 30338753)

 

Verkauf

Call SCMAIZ (VN 2952588)

+85,7 Prozent

Verkauf

Put SCMCJB (VN 30338753)

-70,8 Prozent

Verkauf

Syngenta N (VN 1103746)

-3,5 Prozent

Kauf

GAM N (VN 10265962)

 

 

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