Die «atemberaubendsten» Aktien-Kursziele

Der cash Insider nennt die abstrusesten Kursziele für Aktien aus der Schweiz und die nicht immer offensichtlichen Beweggründe dahinter.
18.12.2015 12:30
cash Insider
Die «atemberaubendsten» Aktien-Kursziele

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Aktienanalysten werden gerne dafür kritisiert, mit und nicht gegen den Strom der allgemein vorherrschenden Marktmeinung zu schwimmen. Tun sie dies aber doch einmal, ists meist auch nicht recht.

Das mag vor allem für die teils abenteuerlichen Kursziele gelten. Denn nicht selten ist die Argumentation der Banken und ihren Experten nur vorgeschobenen und ihr eigentlicher Beweggrund ein völlig anderer.

So gesehen bei Sunrise Communications. Kurz nach der Publikumsöffnung vom Februar nahm die UBS die Erstabdeckung der Aktien mit "Buy" und einem 90 Franken starken 12-Monats-Kursziel auf. Im Zuge mehrerer Ergebnisenttäuschungen wurde dieses seither gekürzt. Mit 78 Franken liegt es aber weiterhin über dem ursprünglichen Ausgabepreis von 68 Franken für die Aktien – und das nicht ohne Grund. Immerhin gehörte die UBS zu den mit der Publikumsöffnung betrauten Banken. Dasselbe gilt für die Deutsche Bank. Sie empfiehlt die Papiere des Börsendebütanten sogar mit einem Kursziel von 80 Franken zum Kauf, was knapp 40 Prozent über den aktuellen Notierungen liegt.

Preisvorstösse und Rabattaktionen des Rivalen Salt lassen darauf schliessen, dass die goldenen Zeiten im Schweizer Mobilfunkmarkt ein für alle Mal der Vergangenheit angehören. Erst vor wenigen Tagen versuchte die UBS anlässlich einer Road-Show vor Investoren in New York die Zweifel zu zerstreuen. Wie mir berichtet wird, gelang das der Grossbank nicht vollumfänglich.

Das Prädikat "aufsehenerregend" erhält auch die heutige Kurszielerhöhung des für Vontobel tätigen Chefanalysten für die Papiere des Börsenlieblings Temenos. Diese sieht er neuerdings auf 65 (52) Franken klettern. Ob die Aktien um weitere 30 Prozent zulegen, nachdem sie im bisherigen Jahresverlauf bereits um 40 Prozent gestiegen sind, ist mehr als fraglich. Dazu bedürfte es schon weiterer Grossaufträge.

In Anbetracht der geradezu euphorischen Haltung des Experten stellt sich die Frage: Liebäugelt dieser mit einem Wechsel auf die Lohnliste der Genfer Bankensoftwareschmiede? Er wäre jedenfalls nicht der erste mit solchen Ambitionen.

Gerade angelsächsischen Banken wird nachgesagt, dass sie ihren aggressiven Kaufempfehlungen gerne mit optisch hohen Kurszielen Nachdruck verleihen. Dieses Klischee bedient derzeit vor allem Goldman Sachs. Erst kürzlich erhöhte die wohl mächtigste Bank der Welt das 12-Monats-Kursziel für die auf der "Conviction Buy List" geführten Bons von Roche auf 385 (340) Franken. Anders als seine Berufskollegen traut der verantwortliche Experte dem MS-Medikament Ocrelizumab einen Jahresumsatz von bis zu 8 Milliarden Dollar zu - mehr als doppelt so viel wie andere seiner Berufskollegen. Ob das noch einmal einen gut 40 Prozent höheren Börsenwert rechtfertigt, ist jedoch fraglich.

Selbst den verschmähten Aktien von LafargeHolcim traut man bei Goldman Sachs über die nächsten zwölf Monate einen Kursanstieg von 39 Prozent auf 68,50 Franken zu. Dazu müsste sich die Nachfragesituation in den für den Weltmarktführer wichtigen Schwellenländern vermutlich grundlegend aufhellen.

Für ein Kursziel fernab der Realität sorgt der für die Berenberg Bank tätige Experte bei den Papieren der Credit Suisse. Mit 16 Franken liegt dieses knapp 25 Prozent unter den aktuellen Kursnotierungen. In Erwartung milliardenschwerer Wertberichtigungen und Restrukturierungskosten im laufenden Jahr und eines schwierigen Folgejahres lautet das Anlageurteil weiterhin "Sell".

An dieser Stelle sei gesagt, dass der Experte die Aktien schon seit Jahren zum Verkauf empfiehlt. Diese Hartnäckigkeit überrascht, geht mit der vollzogenen Kapitalerhöhung und der geplanten Publikumsöffnung des Schweizer Geschäfts das eigentliche Argument der Berenberg Bank doch verloren. Es muss folglich mehr dahinterstecken...

Ich warne entschieden davor, sich blind auf diese extremen Empfehlungen und Kursziele zu verlassen. Nicht selten sind die Beweggründe der Analysten völlig andere, als es scheint.
 

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