Die CS und ihre «11 wilden Ideen»

Der Chefstratege der Credit Suisse kommuniziert erstmals seine gewagten Vorhersagen für das neue Börsenjahr und sagt, wie Anleger davon profitieren können.
14.01.2014 12:30
cash Insider
Die CS und ihre «11 wilden Ideen»

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Byron Wien dürfte hierzulande nur wenigen Anlegerinnen und Anlegern bekannt sein. Seit 1986 nennt der ehemals für Morgan Stanley tätige Stratege Jahr für Jahr zehn gewagte Vorhersagen. Erst vergangene Woche sorgte Wien mit den ebensolchen für das Börsenjahr 2014 für Aufmerksamkeit.

Mittlerweile wird der Stratege von einigen seiner Berufskollegen kopiert. Jüngstes Beispiel ist Andrew Garthwaite von der Credit Suisse, welcher heuer sogar mit «11 wilden Ideen» aufwartet.

1. Die Aktienmärkte gewinnen weitere 20 Prozent

Offiziell rechnet der Stratege bis Ende Jahr mit einem Anstieg des S&P-500-Index auf 1960 Punkten, was vom aktuellen Stand aus einem Plus von rund 6 Prozent entspricht. Es sei allerdings möglich, dass der amerikanische Aktienmarkt auch in diesem Jahr noch einmal um 20 Prozent zulegen könne.

Denn zumindest im Vergleich mit den Anleihenmärkten bleibe die Bewertung der Aktienmärkte attraktiv. Darüber hinaus könnte sich die im vergangenen Jahr erstmals beobachtete Rotation aus den Anleihen- in die Aktienfonds fortsetzen, so der Stratege. Historisch betrachtet befinde sich der Risikoappetit der Märkte jedenfalls noch nicht nicht auf einem exzessiven Stand.

2. Die US-Wirtschaft wächst um 3,5 bis 4 Prozent

Die Ökonomen der Credit Suisse sagen der amerikanischen Wirtschaft auf Stufe Bruttoinlandprodukt offiziell einen Anstieg von 3 Prozent vorher. In Folge dessen werde die Arbeitslosenquote bis Ende Jahr auf 6,5 Prozent fallen.

Dank höher als erwarteten Fiskalausgaben, einem freundlicheren Häusermarkt und einer Erholung bei den Investitionen sei durchaus auch ein Wachstum des Bruttoinlandprodukts zwischen 3,5 und 4 Prozent möglich, so Garthwaite. Eine stärkere Wirtschaft habe zudem positive Auswirkungen auf die Beschäftigungslage, nicht aber auf die Zinsen. Es sei nicht auszuschliessen, dass die US-Notenbank früher als gedacht auf die geldpolitische Bremse treten müsse.

3. Investitionstätigkeit westlicher Unternehmen nimmt zu

Derzeit rechnet der Stratege nur mit einer moderat anziehenden Investitionstätigkeit westlicher Unternehmen. In den USA betrage der Anteil der Investitionen am Bruttoinlandprodukt gerademal halb so viel wie sonst, in Europa sogar nur einen Drittel. Deshalb sei eine stärkere Erholung der Investitionstätigkeit nicht unwahrscheinlich.

In diesem Zusammenhang rät Garthwaite der eigenen Anlagekundschaft zum Kauf von frühzyklischen Unternehmen aus den Sektoren Software, Werbung und Stellenvermittlung.

4. Die EZB legt ein grosses Anleihenrückkaufprogramm auf

Grundsätzlich geht man bei der Credit Suisse von einer das ganze Jahr über unveränderten Zins- und Geldpolitik in Europa aus. Allerdings sei die Wahrscheinlichkeit vorhanden, dass die Europäische Zentralbank ein grosses Anleihenrückkaufprogramm nach dem Vorbild der Bank of England auflege. Denn die Gefahr einer Deflation sei nicht von der Hand zu weisen und eine harte Landung der chinesischen Wirtschaft könne jene Deutschlands sogar in die Rezession reissen. Zu ähnlichen Problemen führe ein weiterhin starker Euro.

Eine quantitative Lockerung der europäischen Geldpolitik würde den Höhenflug des Euros beenden und in substanziell schwächen. Dies wiederum wäre gut für die europäischen Aktienmarkt, insbesondere für die deutschen Aktien.

5. Der Ölpreis fällt auf 90 Dollar das Fass

Gemäss Garthwaite prognostizieren die Rohstoffstrategen der Credit Suisse für das laufende Jahr einen durchschnittlichen Ölpreis der Sorte Brent von 102 Dollar das Fass und von 98 Dollar für das Folgejahr aus. Entsprechende Konsensschätzungen lägen bei 104 respektive 100 Dollar je Fass.

Über den Erwartungen liegende Fortschritte bei der Energieeffizienz sowie eine stark steigende Fördermenge in den USA könnten den Ölpreis jedoch auf 90 Dollar fallen lassen, so der Stratege. Die Gewinner seien Aktien von Unternehmen mit hohen Energiekosten wie Aluminium-, Zement- oder Chemiehersteller.

6. Der Nikkei-Index steigt auf 20000 Punkte

Offiziell rechnet die Credit Suisse bis Ende Jahr mit einem Anstieg des Nikkei-Index auf 18400 Punkten, was vom aktuellen Stand aus einem Plus von gut 16 Prozent entspricht. Es sei allerdings möglich, dass das japanische Börsenbarometer im Jahresvergleich um 25 Prozent auf 20000 Punkte klettere.

Grundvoraussetzung dafür sei ein erneut schwächerer Yen, eine Rotation heimischer Anleger aus den Anleihen in die Aktien oder weitere strukturelle Reformen der Unternehmenslandschaft.

7. Starker Renditeanstieg bei japanischen Staatsanleihen

Grundsätzlich spreche die Politik der Bank of Japan für anhaltend tiefe Zinsen. Sollte sich der dortige Anleihenmarkt jedoch auf ein Ende der quantitativen geldpolitischen Lockerungsmassnahmen einstellen, seien deutlich höhere Renditen möglich. Dasselbe gelte für die zahlreichen fiskalpolitischen Herausforderungen Japans. Der japanische Aktienmarkt würde von einem Kurseinbruch am Anleihenmarkt profitieren, so Garthwaite.

8. Die Zinsdifferenz europäischer Staatsanleihen steigt signifikant

Die Credit Suisse sagt den europäischen Staatsanleihen im Jahresverlauf eine stabile Entwicklung der Zinsdifferenz vorher. Zumindest würden die von der Europäischen Zentralbank in der Vergangenheit eingeleiteten Massnahme für eine solche Entwicklung.

Sollte sich das Wirtschaftswachstum wider anders lautender Erwartungen noch einmal deutlich verlangsamen, der Rettungsschirm der Europäischen Zentralbank bei einem Test durch die Märkte versagen oder es zu politischen Spannungen kommen, sei allerdings eine signifikant steigende Zinsdifferenz zu befürchten. Und dies nicht nur in den europäischen Peripherieländern, sondern auch in Frankreich.

Gemäss Garthwaite würde eine stark steigende Zinsdifferenz eine Flucht in sichere Anlagen wie dem Gold, dem Yen, dem Dollar oder dem Schweizer Franken lostreten.

9. Das Wirtschaftswachstum in China verlangsamt sich deutlich

Der Stratege glaubt, dass sich das Wachstum des chinesischen Bruttoinlandprodukts im laufenden Jahr bei 7,7 Prozent stabilisiert. Entsprechende Konsensschätzungen seien in der Region von 7,5 Prozent angesiedelt.

Der mittlerweile starken Verschuldung der Privathaushalte und der exzessiven Investitionen der letzten Jahre wegen sei eine Wachstumsverlangsamung auf unter 6 Prozent nicht auszuschliessen. Und auch der Häusermarkt sei verletzlich und zu einer Gefahr für die Wirtschaft geworden.

Ein schwächeres Wachstum Chinas spreche für tiefere Rohstoffpreise, was allerdings wiederum den Aktienmärkten zu gute käme.

10. Die Bewertung des Pharmasektors steigt um weitere 20 Prozent

Grundsätzlich gibt man sich bei der Credit Suisse zuversichtlich für den Pharmasektor. Letzterer werde besser als andere von der Konjunktur unabhängige Marktsegmente entwickeln, so heisst es.

Für gewöhnlich stehe der Pharmasektor nur in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten in der Gunst der Anleger. Und obschon derzeit nicht mit einem solchen Umfeld zu rechnen sei, sprächen branchenspezifische Gegebenheiten für eine höhere Bewertung.

11. Schottland erklärt die Unabhängigkeit

Die letzte gewagte Vorhersage von Garthwaite ist politischer Natur. Der Stratege schliesst nicht aus, dass sich Schottland im kommenden September an der Urne für eine Abspaltung von Grossbritannien ausspricht. Garthwaite lässt durchblicken, dass die wirtschaftlichen Folgen eines solchen Entscheids gravierend wären.

Meines Erachtens lehnt sich die Credit Suisse mit ihren gewagten Vorhersagen für das laufende Jahr sehr viel weniger aus dem Fenster als dies Byron Wien vergangene Woche als «Übervater» solcher Prognosen tat. Dennoch sind die Aussagen der Schweizer Grossbank aus Anlegersicht nicht weniger interessant.