«Die EZB hat Wortbruch begangen»

Der cash Insider über die ausufernde Politik des billigen Geldes, die aussichtslose Position unserer Schweizerischen Nationalbank und ihre Wette auf ein nicht unumstrittenes Pharmaunternehmen.
13.06.2016 12:30
cash Insider
«Die EZB hat Wortbruch begangen»
Bild: fotolia.com

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Am letzten Mittwoch öffnete die Europäische Zentralbank (EZB) ihr jüngstes Kapitel in der Geschichte rund um die "Politik des billigen Geldes". Neben verbrieften Schuldforderungen und Staats- sowie Kommunalanleihen kauft sie neuerdings auch erstklassige Unternehmensanleihen auf. So ganz stimmt das allerdings nicht: Denn wie aus den Handelsabteilungen der Geschäftsbanken zu hören ist, tritt die EZB auch bei Obligationen von RWE oder Telecom Italia als Käuferin in Erscheinung.

Insbesondere die Anleihen der Telecom Italia gelten als nicht unproblematisch, werden diese doch nur gerade von der Rating-Agentur Fitch als eines Investments würdig eingeschätzt. Bei Moody’s und Standard & Poor’s, zwei ebenfalls renommierten Rating-Agenturen, fällt der italienische Telekommunikationskonzern durch. Mit anderen Worten: Die EZB hat Wortbruch begangen - und das nur wenige Tage nach Ausweitung der Wertpapierkäufe auf Unternehmensanleihen.

Auch wenn die EZB und ihr Vorsitzender Mario Draghi bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihre Unabhängigkeit proklamieren, so richtig Glauben wird diesen Worten schon eine ganze Weile nicht mehr geschenkt. Ging es ursprünglich um die Rettung des Euro und darum, einen Auseinanderbruch des von Krisen gebeutelten Europas zu verhindern, gehen die Massnahmen mittlerweile weit darüber hinaus. Nachdem der Euro gerettet war, erklärte man den deflationären Kräften den Krieg. Und dieser wird mit immer fragwürdigeren Mitteln geführt.

Die EZB ist zu einer Gefangenen ihrer Politik geworden. Es dreht sich mittlerweile alles darum, der Erwartungshaltung der Märkte gerecht zu werden. Enttäuschungen, wie anlässlich des geldpolitischen Treffens vom Dezember, führen unweigerlich zu Kursverwerfungen.

Kommt dazu, dass die Währungshüter auf immer neue Titelkategorien zurückgreifen müssen, wollen sie die Geschwindigkeit ihrer Wertpapierkäufe aufrecht erhalten. Schliesslich will die stolze Summe von 80 Milliarden Euro im Monat irgendwie angelegt sein. Nach der öffentlichen Hand kommen deshalb nun auch die europäischen Grosskonzerne zum Handkuss. Doch anders als die bis über beide Ohren verschuldete öffentliche Hand schwimmen viele dieser Unternehmen geradezu im Geld.

Da die Anleihenkäufe auf die Zinskosten drücken, werden sich die Grosskonzerne vermutlich nicht beklagen. Nicht wenige Unternehmensanleihen weisen schon heute eine negative Rendite auf Verfall auf. Die Grosskonzerne werden damit quasi fürs Schuldenmachen bezahlt. Es dauert wohl nicht mehr lange die ersten fremdfinanzierten Aktienrückkaufprogramme werden ins Leben gerufen. Denkbar ist auch eine Belebung der Übernahmetätigkeit. Ob der Aufkauf von Unternehmensanleihen durch die EZB den erwünschten Investitionsschub auslöst, ist höchst fraglich.

Dennoch könnten solche fremdfinanzierten Aktienrückkaufprogramme der EZB gerade gelegen kommen. Schliesslich legt sie ihr geldpolitisches Mandat mittlerweile überaus grosszügig aus. Der Aufschrei in Nordeuropa wäre gross, würde sie jetzt auch noch nach japanischem Vorbild in Eigenregie Aktien aufkaufen.

Das Ganze hat allerdings eine Kehrseite: Das "billige Geld" fliesst mal wieder nicht dorthin, wo die Notenbankverantwortlichen es eigentlich gerne haben möchten. Die europäischen Grosskonzerne zu Wachstumsinvestitionen zu bewegen ist und bleibt ein hoffnungsloses Unterfangen.

Nichts ist verwerflich daran, Schulden zu machen. Volkswirtschaftlich macht es aber nur dann einen Sinn, wenn dies zu Investitions- und nicht zu Konsumzwecken geschieht. Ganz offensichtlich ist aber schon seit Jahren letzteres der Fall. Den Marktakteuren wird deshalb immer bewusster: Wenn Geld nichts mehr kostet, fliesst es innerhalb des Wirtschaftssystems an die falschen Stellen.

Und so passiert, was zwangsläufig passieren muss: Die Zentralbanken führender Wirtschaftsnationen stossen immer mehr an ihre Grenzen. Rund um den Globus haben sich die Notenbankbilanzen im Zuge der "Politik des billigen Geldes" auf schwindelerregende 23,4 Billionen Dollar aufgebläht. Das entspricht mehr als der jährlichen Wirtschaftsleistung der beiden Supermächte USA und Japan.

Anschauungsunterricht liefert die Bank of Japan: Obschon ihre Notenpressen im Schichtbetrieb arbeiten, haben die milliardenschweren Wertpapierkäufe ihre Wirkung verloren. Schon seit August gewinnt der japanische Yen gegenüber den gängigsten Währungen kontinuierlich an Wert. Eigentlich sollte ihn die Geldschwemme schwächen. Das zumindest sagt das Lehrbuch. Doch auch die Börse in Tokyo ist sich der Überflutung mit billigem Geld überdrüssig. Mittlerweile notiert der Nikkei-Index mehr als 20 Prozent unter seinen Mehrjahreshöchstständen vom letzten Sommer.

Wie die letzten Tage gezeigt haben, kämpft auch unsere Schweizerische Nationalbank (SNB) auf verlorenem Posten. Noch bis vor wenigen Tagen sah alles danach aus, als ob sie beim Franken als Siegerin hervorgehen würde. Seither ist dieser aber wieder deutlich fester geworden. Für die Finanzmedien steht der Schuldige längst fest: Der drohende Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union sorge für eine Flucht in den Franken, so heisst es.

Das ist womöglich aber nur die halbe Wahrheit. Wie sonst lässt sich erklären, weshalb der Franken exakt seit dem Bekanntwerden eines aufsehenerregenden Anstiegs der Fremdwährungsreserven wieder verrückt spielt. Diese liegen inzwischen bei umgerechnet 602 Milliarden Franken und lassen die Vermutung zu, dass die SNB in den letzten Wochen mehrmals zu Offenmarktinterventionen gezwungen war.

Immerhin: Im den ersten drei Monaten dieses Jahres hat die SNB ihre Aktienquote von 18 auf 20 Prozent ausgebaut. Zu soviel Mut müsste man ihr eigentlich gratulieren. Denn verglichen mit den negativ rentierenden und alles andere als risikoarmen europäischen Staatsanleihen sind Aktien vermutlich das kleinere Übel.

So ganz nehme ich den Währungshütern ihren passiven, weil indexnahen, Anlageansatz übrigens nicht mehr ab. Denn während die gesamte Aktienquote um gut 10 Prozent wuchs, wurde die an Valeant Pharmaceuticals gehaltene Beteiligung um über 20 Prozent ausgebaut. Der kanadische Pharmakonzern ist kein unbeschriebenes Blatt und steht sowohl mit seiner Preisgestaltung für zugekaufte Medikamente als auch für seine Buchführungspraktiken in der Kritik. Ihr Engagement bei Valeant Pharmaceuticals hat die SNB in den letzten Monaten viel Geld gekostet (siehe Artikel vom 16. März). Der nicht-lineare Ausbau dieses Aktienpakets scheint die Erklärungsversuche rund um die passive Wertschriftenbewirtschaftung jedenfalls entkräften zu wollen - was das Engagement zu so etwas wie einer Wette macht.
 

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