Die neue Strategie der Schweizerischen Nationalbank

Der cash Insider geht der Frage nach, ob die Schweizerische Nationalbank nicht stillschweigend ihre Strategie geändert hat - Und: Zweifel an den Dividendenaussichten von Julius Bär.
18.11.2016 12:30
cash Insider
Die neue Strategie der Schweizerischen Nationalbank
Bild: fotolia.com

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Die Vertreter der Schweizerischen Nationalbank (SNB) lassen keine Gelegenheit aus, um gebetsmühlenartig ihre Bereitschaft zu weiteren Interventionen zu unterstreichen. Man werde einem Erstarken des Frankens entschieden entgegentreten, so heisst es beispielsweise. Und auch eine weitere Leitzinsreduktion, besser gesagt eine Ausweitung der Negativzinsen, wird nicht kategorisch ausgeschlossen. Diese Botschaft wurde auch in den vergangenen Tagen wieder in die Welt hinausgetragen.

Doch was die Schweizer Währungshüter sagen, ist offenbar nicht mehr länger, was sie auch wirklich tun. Nur so lässt sich erklären, weshalb der Euro heute im frühen Handel vorübergehend auf 1,0684 Franken und damit kurzum auf den tiefsten Stand seit Ende Juni tauchte. Damals wurden unmittelbar nach dem überraschenden Entscheid Grossbritanniens, aus der Europäischen Union auszutreten, noch tiefere Kurse bezahlt.

Da kann man sich zu Recht fragen: Wenn schon milliardenschwere Fremdwährungskäufe nicht mehr die gewünschte Wirkung entfalten, wie sollen es dann verbale Interventionen richten?

Ursprünglich hiess es, die SNB ziehe beim Euro bei 1,08 Franken eine unsichtbare Linie in den Sand. Seit Ende Oktober scheint das allerdings nicht mehr zu gelten.

Diese Vermutung äussert auch der für die französische Investmentbank Natixis tätige Währungsstratege. Seines Erachtens spielt die SNB im Hinblick auf das Verfassungsreferendum in Italien von Anfang Dezember und den geldpolitischen Entscheid der Europäischen Zentralbank (EZB) nur wenige Tage später auf Zeit. Er hält es deshalb für möglich, dass sie dem Euro bis dahin sogar bis auf 1,05 Franken Raum lässt.

Die in den ersten drei Quartalen beobachtete wirtschaftliche Wachstumsbelebung und der starke Einkaufsmanager-Index für Oktober lassen ein solches Manöver denn auch zu. "Reculer pour mieux sauter", würden die Franzosen jetzt sagen.

Mit anderen Worten: Die SNB spielt auf Zeit, um zum richtigen Zeitpunkt mit voller Kraft zuschlagen zu können. Hunde die bellen, beissen nicht - zumindest noch nicht.

Entwicklung des Euro gegen den Franken in den letzten Tagen; Quelle: www.cash.ch

Schätzungen aus dem Devisenhandel zufolge mussten die Schweizer Währungshüter alleine in diesem Jahr im Gegenwert von über 70 Milliarden Franken zu Lasten des Frankens intervenieren. Das ist mehr als die 60 Milliarden Franken, die zwischen Anfang September 2012 und Mitte Januar 2015 zur Verteidigung des Euro-Mindestkurses notwendig waren.

Je nach Ausgang des Verfassungsreferendums in Italien wird die SNB deshalb eventuell sogar gezwungen sein, an der Zinsschraube zu drehen. Erste in diese Richtung gehende Anhaltspunkte gibt es mittlerweile jedenfalls (siehe Kolumne vom 14. November). Fakt ist: Unsere Währungshüter werden mit der grossen Kelle anrichten müssen, wollen sie am Devisenmarkt etwas bewegen.

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Gestern erteilte Julius Bär den Skeptikern einmal mehr eine gehörige Lektion. Wie der Zwischenbericht verrät, wuchs die traditionsreiche Zürcher Bank in den ersten zehn Monaten kräftig. Dank Fortschritten auf der Kostenseite blieb die von einigen Auguren erwartete Ergebnisenttäuschung aus (siehe gestrigen Artikel).

Allerdings sollten die Aktionäre nicht voreilig in Jubel verfallen, sind doch Zweifel an den zukünftigen Dividendenaussichten angebracht. Denn wie der für Kepler Cheuvreux tätige Bankenanalyst schreibt, ist die Eigenkapitaldecke von Julius Bär längst nicht so stark, wie es die Kernkapitalquote (Tier-1) vermuten liesse.

Auf bereinigter Basis errechnet der Experte nur gerade eine Tier-1 von 10,5 Prozent. Zum Vergleich: Bei der UBS beziffert er den Vergleichswert auf 14 Prozent, selbst bei der Credit Suisse auf 12 Prozent.

Seine Schlüsselbotschaft an die Aktionäre: Julius Bär hat sämtliches Überschusskapital für Firmenübernahmen aufgeworfen und muss nun mühselig aus eigener Kraft wieder ein Polster ansetzen. Folglich seien jegliche Hoffnungen auf Dividendenerhöhungen unbegründet.

An dieser Stelle sei gesagt, dass die Aktien von Julius Bär bei Kepler Cheuvreux schon eine ganze Weile mit "Reduce" und einem Kursziel von 37,50 Franken zum Verkauf empfohlen werden.
 

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