Die Verkaufswelle erfasst nun auch Nestlé

Der cash Insider auf der Suche nach den Gründen für die Kursschwäche bei Roche und Novartis. Ausserdem verrät er, weshalb die Diskussion um zu hohe Medikamentenpreise auch Nestlé trifft.
22.03.2016 12:30
cash Insider
Die Verkaufswelle erfasst nun auch Nestlé

Der cash Insider ist unter @cashInsider auch auf Twitter aktiv. Lesen Sie börsentäglich von weiteren brandaktuellen Beobachtungen am Schweizer Aktienmarkt.

***

Dass unser Schweizer Aktienmarkt auf Gedeih und Verderb den Valoren von Nestlé, Roche und Novartis ausgeliefert ist, daran hat sich in allen den Jahren nichts geändert. Auch heute noch sind die drei Schwergewichte beim Swiss Market Index (SMI) für nicht weniger als 60 Prozent der Gesamtkapitalisierung verantwortlich.

Das macht sich gerade in Krisenjahren durchaus bezahlt. Denn nur den defensiven Qualitäten dieser drei traditionsreichen Unternehmen ist es zu verdanken, dass sich der Schweizer Aktienmarkt während der Finanzkrise von 2007/08 und in den Jahren danach deutlich besser als die Börsen im umliegenden Ausland entwickelte.

Allerdings hat die direkte Abhängigkeit von den Aktien aus der Nahrungsmittel- und der Pharmaindustrie auch eine Kehrseite: Hellen sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf, bremsen sie die hiesige Börse aus.

Etwas weniger als zwei Wochen ist es her, dass ich an dieser Stelle von auffälligen ausserbörslichen Blocktransaktionen zu berichten wusste (siehe Kolumne vom 9. März). Namhafte ausländische Fondsgesellschaften würden bei den Valoren von Nestlé, Roche und Novartis als Abgeber in Erscheinung treten, so wurde mir damals aus dem Berufshandel berichtet.

Mittlerweile werden immer neue Details zum Ausverkauf bei den drei Indexschwergewichten bekannt. Von einer regelrechten Flucht aus den Pharmawerten ist die Rede. Neusten Erkenntnissen zufolge unterziehen angelsächsische Grossinvestoren ihre Aktienportfolios auf das nahende Quartalsende hin einer Neuausrichtung - weg von konjunkturunabhängigen Aktien und Sektoren.

Übel nehmen kann man das diesen mächtigen Marktakteuren nicht, hat sich die aussichtsreiche Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton doch ganz dem Kampf gegen die ausufernden Medikamentenpreise verschrieben. Hunde die bellen, beissen nicht, so sagt man. Ich traue Hillary Clinton allerdings zu, auf Worte auch Taten folgen zu lassen, sollte sie im Herbst zur ersten Präsidentin in der Geschichte der USA gewählt werden. Und allem Anschein nach bin ich damit bei weitem nicht der einzige.

Mit dem für HSBC tätigen Experten wirft heute nun erstmals auch ein bekannter Pharmaanalyst das Handtuch. Er stuft die Bons von Roche von "Buy" auf "Hold" herunter und streicht das Kursziel auf 262 (325) Franken zusammen. Der Experte sieht schwierige Zeiten auf den Basler Pharma- und Diagnostikkonzern zukommen. Denn die Kontroverse rund um zu hohe Medikamentenpreise könnte den Herstellern günstiger biotechnologischer Nachahmerpräparate in die Hände spielen, so befürchtet er.

Aufgrund seines breit abgestützten Geschäftsmodells sieht man den Rivalen Novartis bei HSBC übrigens deutlich besser aufgestellt. Dessen Aktien werden denn auch weiterhin zum Kauf empfohlen, wenn auch mit einem auf 98 (102) Franken gesenkten Kursziel.

Wer jetzt denkt, die Kontroverse treffe nur unsere beiden grossen Pharmakonzerne aus Basel, der irrt gewaltig. Auch für Nestlé könnte der erneute Vorstoss ins Medikamentengeschäft zum Bumerang werden.

In einem Kommentar sieht Bernstein Research in Übersee neben Horizon auch Galderma in die öffentliche Kritik geraten. Dabei beruft sich der Autor auf Diskussionen mit Branchenkennern.

Galderma, Anfang der Achtzigerjahre als Joint-Venture zwischen Nestlé und L'Oréal gegründet, konzentriert sich auf dermatologische Präparate. Im Februar vor zwei Jahren tauschte der Nahrungsmittelkonzern aus Vevey dann Teile seines an L’Oréal gehaltenen Aktienpakets gegen die verbleibende Galderma-Beteiligung. Längst wurden diese Geschäftsaktivitäten fest in die Sparte Nestlé Skin Health eingebettet.

Wussten sich die Aktien von Nestlé bisweilen zu behaupten, droht nun auch dem letzten der drei Indexschwergewichte Ungemach. Bernstein Research ist nämlich bei weitem kein unbeschriebenes Blatt und für zahlreiche grosse amerikanische Hedgefonds tätig.

Wie mir berichtet wird, überrascht die Wucht der jüngsten Branchenrotationen selbst alteingesessene Börsenprofis. Wie sich herausstellt, kann auch eine attraktiv hohe Dividende einen solchen Ausverkauf nicht verhindern. Diese Erkenntnis ist zwar nicht neu, nimmt der Anlageklasse Aktie aber dennoch etwas die Magie.
 

Der cash Insider nimmt Marktgerüchte sowie Strategie-, Branchen- oder Unternehmensstudien auf und interpretiert diese. Marktgerüchte werden bewusst nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Gerüchte, Spekulationen und alles, was Händler und Marktteilnehmer interessiert, sollen rasch an die Leser weitergegeben werden. Für die Richtigkeit der Inhalte wird keine Verantwortung übernommen. Die persönliche Meinung des cash Insiders muss sich nicht mit derjenigen der cash-Redaktion decken. Der cash Insider ist selber an der Börse aktiv. Nur so kann er die für diese Art von Nachrichten notwendige Marktnähe erreichen. Die geäusserten Meinungen stellen keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen an die Leserschaft dar.