Die wahren Gründe für Franken-«Schwäche»

Eine mächtige amerikanische Grossbank übt Kritik an der Geldpolitik der SNB und sagt, weshalb die Zeit für Wetten gegen den Franken noch nicht reif ist.
30.01.2015 12:30
cash Insider
Die wahren Gründe für Franken-«Schwäche»

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Mir ist durchaus bewusst, dass in den vergangenen zwei Wochen viel über die Kapitulation unserer Schweizerischen Nationalbank (SNB) und den in der Folge sprunghaft erstarkten Franken geschrieben wurde.

Nachdem unsere Heimwährung in den letzten Tagen überraschend sowohl gegenüber dem Euro als auch zum Dollar nachgegeben hat, steht mein Telefon kaum mehr still. Ich habe mich deshalb auf die Suche nach möglichen Erklärungen gemacht.

Zumindest für viele meiner Berufskollegen scheint der Fall eindeutig: Sie vermuten gezielte Offenmarktinterventionen durch die SNB hinter den jüngsten Währungsverschiebungen. Dem wiedersprechen alteingesessene Devisenprofis mir gegenüber allerdings mit Vehemenz.

Die besagten Verschiebungen seien viel eher darauf zurückzuführen, dass international agierende Grossinvestoren dem Franken den Rücken zugekehrt hätten. Im Anschluss an den Entscheid der SNB, den Mindestkurs aufzugeben, habe dieses Investorenlager im grossen Stil Schweizer Aktien auf den Markt geworfen. Der Erlös vieler dieser Verkaufstransaktionen werde nun nicht reinvestiert, sondern aus dem Franken abgezogen.

Im Handel werden zum einen die von einer Sekunde auf die andere auf den Frankenanlagen entstandenen Währungsgewinne für diese Entwicklung verantwortlich gemacht. Diese würden geradezu zu Gewinnmitnahmen einladen. Zum anderen sei nun offiziell bekannt, in was für einem Ausmass die Europäische Zentralbank (EZB) ab März europäische Staatsanleihen kaufen werde. Selbst in Griechenland seien die Würfel mittlerweile gefallen, so heisst es im selben Atemzug.

Fakt ist: An der Kaufkraftparität gemessen ist der Franken stark überbewertet. Eine Währung kann jedoch über Jahre hinweg davon gegen oben oder unten abweichen.

Die Überbewertung sei heute extremer als zum Zeitpunkt der Einführung des SNB-Mindestkurses im September vor gut drei Jahren, so entnehme ich einem Kommentar aus dem Hause Merrill Lynch.

Die Verfasser des Kommentars nehmen denn auch kein Blatt vor den Mund und üben offen Kritik an der Geldpolitik unserer Währungshüter. Der Entscheid den Mindestkurs aufzugeben, habe über das gesamte Finanzsystem hinweg für Schockwellen gesorgt und zum Kollaps einiger Devisenhändler sowie zu hohen Handelsverlusten geführt.

Obschon der Franken stark überbewertet sei, werde die SNB nicht wirkungsvoll dagegen ankämpfen können, so die Devisenstrategen. Ob die Negativzinsen die erhoffte Wende im Kampf der Währungshüter bringe, werde sich zeigen müssen. Für die Experten von Merrill Lynch ist deshalb klar: Die SNB kommt kurzfristig nicht um Offenmarktinterventionen herum.

Interessant ist, dass die amerikanische Grossbank ihrer Anlagekundschaft bis auf weiteres von Wetten gegen den Franken abrät. Letzterer sei zwar extrem überbewertet, was sich im Laufe der Zeit legen sollte. Vermutlich gebe es jedoch noch einmal grössere Kursverschiebungen und damit günstigere Gelegenheiten um gegen den Franken zu spekulieren.

Die amerikanische Grossbank sieht den Euro bis Ende März auf der Parität verharren und im weiteren Jahresverlauf bis auf 1,04 Franken klettern.

Auch bei Julius Bär macht man sich Gedanken über den neuen Gleichgewichtspreis des Frankens gegenüber Euro. Da sich der Staub nach der überraschenden Kapitulation durch die SNB noch nicht wieder gelegt hat, versucht die Zürcher Traditionsbank mit Hilfe eines Modells des deutschen Wirtschaftsökonomen Rüdiger Dornbusch eine Antwort auf diese Frage zu erhalten.

Vom Modell lässt sich eine extreme Bandbreite für die europäische Einheitswährung von 0,85 bis 1,35 Franken und eine engere Bandbreite von 1,05 bis 1,20 Franken ableiten. Der Gleichgewichtspreis des Modells liege in der Region von 1,05 Franken, so heisst es bei Julius Bär.

Bei der Zürcher Bank wird man allerdings nicht müde zu betonen, dass das besagte Modell keine Negativzinsen berücksichtige, wohl aber der Volatilität sowie exogenen Veränderungen Rechnung trage.

Sofern neue Hiobsbotschaften aus dem umliegenden Europa ausbleiben, ist beim Franken über die kommenden Wochen mit einer weiteren Beruhigung zu rechnen. Obschon die Kaufkraftparität des Euros in Expertenkreisen auf 1,22 bis 1,28 Franken geschätzt wird, dürfte sich die europäische Einheitswährung wohl eher in der Region von 1,05 Franken einpendeln.

Sollten die Devisenmärkte zur Normalität zurückfinden, steht unserer SNB allerdings schon die nächste Herausforderung bevor: Wie lässt sich die durch die Interventionen der letzten Jahre aufgeblasene Bilanz wieder auf ein vernünftiges Mass zurückfahren?

Schliesslich sitzen unsere Währungshüter Spekulationen zufolge mittlerweile auf Fremdwährungsreserven im Gegenwert von nicht weniger als 550 Milliarden Franken.

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