Droht den Aktienmärkten ein schmerzhafter Rückschlag?

Der cash Insider über die ausgelassene Champagnerlaune an der Börse in New York und die davon ausgehenden Gefahren für den Schweizer Markt – Und: Auf der Suche nach Erklärungen für die Talfahrt bei den Leonteq-Aktien.
20.02.2017 12:30
cash Insider
Droht den Aktienmärkten ein schmerzhafter Rückschlag?
Bild: fotolia.com

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An der Börse in New York wird in diesen Tagen Geschichte geschrieben: In den vergangenen acht Jahren hatte der Nasdaq Composite Index nicht eine negative Jahresbilanz zu beklagen. Seit sieben Wochen reiht sich eine positive Woche an die nächste und seit nunmehr zehn Tagen klettert das Börsenbarometer von einem Rekord zum nächsten.

Dabei trüben weder die rückläufigen Unternehmensgewinnschätzungen noch die ziemlich stolze Bewertung die Champagnerlaune. Zu verlockend sind die Aussichten auf Steuersenkungen, zusätzliche Infrastrukturinvestitionen sowie eine Deregulierung der Finanzindustrie.

Wie die Regierung um den amerikanischen Präsidenten Donald Trump die Steuerausfälle und die zusätzlichen Ausgaben finanziell stemmen will, bleibt ein Rätsel. Den Marktakteuren ist das allerdings herzlich egal. Und auch die Gefahr, dass mit der Lockerung des im Zuge der Finanzkrise eingeführten Dodd-Frank Act der Casino-Kapitalismus wieder einzieht, scheint kaum jemanden zu beunruhigen. Hauptsache, die Börse in New York erhält die erhofften Impulse.

Schon seit Jahren befindet sich der Nasdaq Composite Index in einem beeindruckenden Höhenflug; Quelle: www.cash.ch

Dass die Aktien von Goldman Sachs auf dem höchsten Stand in der Firmengeschichte und mittlerweile sogar höher als vor Ausbruch der Finanzkrise notieren, lässt tief blicken. Die Investmentbank gilt als die mächtigste Bank der Welt. Donald Trump hat gleich mehrere ehemalige Kadermitglieder von Goldman Sachs in sein Regierungskabinett berufen.

Genau eine Woche ist es her, dass Julius Bär vor Turbulenzen am amerikanischen Aktienmarkt warnte. Aufgrund der tiefen impliziten Volatilität legte die Zürcher Traditionsbank ihren Kunden die Absicherung von Aktienbeständen über Put-Warrants nahe (siehe Kolumne vom 13. Februar).

Anders bei uns: Wer vor zwei Jahren in Schweizer Aktien investierte, hat am Swiss Performance Index (SPI) gemessen allerdings keinen Franken verdient. Das breit gefasste Börsenbarometer trennen knapp 4 Prozent von seinem Rekordhoch vom August 2015. Besser fuhr, wer hierzulande auf Nebenwerte setzte.

Noch will ich den Teufel nicht an die Wand malen. Dennoch werden bei mir im Hinblick auf die Rückkehr des Casino-Kapitalismus böse Erinnerungen an vergangene Tage wach. Dass führende Wirtschaftsnationen, Unternehmen und Privathaushalte so hochverschuldet wie nie sind, macht die Sache auch nicht viel besser.

Was in Las Vegas geschieht, bleibt in Las Vegas, so sagt man zumindest. Das gilt jedoch nicht für das Börsengeschehen in New York. Denn alteingesessene Börsenfüchse wissen nur zu gut: Niest die dortige Leitbörse zweimal laut, verschlägt es den Schweizer Aktienmarkt mit einer Grippe ins Bett. Was in Übersee geschieht, darf uns folglich nicht kalt lassen.

Damit wenigstens ich auf Worte auch Taten folgen lasse, setze ich bei meinen Schweizer Aktienfavoriten für das Börsenjahr 2017 sowohl bei ABB (22,10 Franken), OC Oerlikon (10,80 Franken) und Zurich Insurance Group (273 Franken) limitierte Stopp-Loss-Aufträge.

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Als sich Leonteq im Herbst 2012 vom Mutterhaus EFG International lossagte und den Schritt an die Börse wagte, verfügte der Anbieter strukturierter Produkte über alle für eine Erfolgsgeschichte notwendigen Zutaten: eine nahezu einzigartige Technologieplattform, erste finanzkräftige Partnerfirmen sowie substanziell am eigenen Unternehmen beteiligte Firmengründer.

Da neue und immer hochkarätigere Kunden von ein und derselben Plattform bedient werden konnten, schienen dem Geschäftsmodell von Leonteq kaum Grenzen gesetzt. Dasselbe galt für die Euphorie der Aktienanalysten, die sich geradezu mit abenteuerlichen Kurszielen zu überbieten versuchten. Folglich war auch niemand überrascht, als sich der Börsenwert bis in den Spätsommer 2015 hinein - weniger als drei Jahre nach der Publikumsöffnung - nahezu verzehnfacht hatte.

Auf den steilen Aufstieg folgte ein noch steilerer Abstieg: Eine Abfolge von Beteiligungsverkäufen seitens der Firmengründer, Ergebnisenttäuschungen und Gewinnwarnungen liessen die Aktien die Erdanziehungskraft spüren. Mit dem Rückschlag auf unter 30 Franken verstärkte sich der Verkaufsdruck in der zweiten Hälfte letzter Woche sogar noch.

Der wochenlange Kurszerfall bei den Aktien von Leonteq geben zu Reden; Quelle: www.cash.ch

Wie es heisst, wurden bei Kursen knapp darunter mehrere limitierte Verkaufsaufträge losgetreten - was an der Börse kurzerhand eine Kurslawine auslöste. Eine Mitschuld trägt auch der für die Credit Suisse tätige Analyst. Er hatte am Donnerstag nach einem Treffen mit Firmenvertretern seine diesjährigen Gewinnschätzungen um 70 Prozent zusammengestrichen und das 12-Monats-Kursziel für die mit "Underperform" zum Verkauf empfohlenen Aktien auf 28,50 (bisher 31) Franken gesenkt.

Beugt sich ein Grossaktionär dem Druck - im vorliegenden Fall der Vermögensverwalter Veraison - und trennt er sich zu Ausverkaufspreisen von den Aktien eines Unternehmens, ist der kursseitige Boden meist nicht mehr allzuweit entfernt.

Ist der Ruf erst einmal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Ganz so einfach ist es für Anbieter strukturierter Produkte aufgrund des Gegenparteirisikos allerdings nicht. Die einst frenetisch gefeierte Wachstums- ist längst zur langwierigen Turnaround-Geschichte verkommen. Ein Einstieg bedarf deshalb einer gehörigen Portion Mut und Risikobereitschaft.
 

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