Erste Verkaufsempfehlung seit Jahren - Grossbank bricht bei Roche ein Tabu

Der cash Insider sagt, weshalb die Pharmaanalysten von HSBC beim SMI-Schwergewicht Roche ein ungeschriebenes Gesetz brechen - Und: Eine amerikanische Investmentbank stellt der SNB ein gutes Zeugnis aus.
07.04.2017 12:30
cash Insider
Grossbank bricht bei Roche ein Tabu
Bild: fotolia.com

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Als Henry B. Meier noch Finanzchef bei Roche war, galt es als ein ungeschriebenes Gesetz, keine Verkaufsempfehlungen für die Valoren seines Arbeitgebers auszusprechen.

Schliesslich wollte keine Bank den mächtigen Pharma- und Diagnostikkonzern aus Basel gegen sich aufbringen, wurde diesem doch nachgesagt, spätestens bei der Geschäftsvergabe nachtragend zu sein.

Das war einmal, dürften sich heute die für HSBC tätigen Autoren einer Studie zur europäischen Pharmaindustrie gedacht haben. Denn darin stufen sie die Genussscheine von Roche von "Hold" auf "Reduce" herunter, was einem eigentlichen Tabubruch gleichkommt.

Wie ein Blick auf Erhebungen der Nachrichtenagentur AWP verrät, empfehlen von 24 Banken nicht weniger als 20 die "Bons" zum Kauf. Drei weitere Banken schätzen letztere immerhin neutral ein.

Bisher hält sich der Verkaufsdruck bei den "Bons" von Roche in Grenzen (Quelle: www.cash.ch).

Das von den Pharmaanalysten von HSBC mit 230 Franken bezifferte Kursziel lässt ein Rückschlagspotenzial von mehr als 10 Prozent erahnen. Es liegt am ganz unteren Ende der von AWP erhobenen Prognosenspannweite von 230 bis 335 Franken. Letzteres geht auf das Konto der mächtigen amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs.

Roche werde die Stellung als Weltmarktführer im Bereich der Onkologie zwar behaupten können, so sind sich die Studienautoren sicher. Allerdings sehen sie im Jahresverlauf dunkle Wolken über dem Unternehmen aufziehen. Der Grund: Mit Rituxan und Herceptin sind gleich zwei milliardenschwere Schlüsselmedikamente vom Patentablauf betroffen.

Den Analysten zufolge sind die beiden Präparate bei Roche für rund 40 Prozent des Jahresumsatzes und geschätzte zwei Drittel des Jahresgewinns verantwortlich - ein gefundenes Fressen für die Anbieter kostengünstigerer Nachahmermedikamente, sogenannter Biosimilars.

Bisweilen werden die auf den Markt geworfenen Genussscheine überraschend gut absorbiert. Das könnte auch damit zu tun haben, dass die Schlüsselmedikamente von Roche den Patentschutz nicht über Nacht verlieren und der drohende Umsatzverlust an der Börse schon seit Jahren ein allgegenwärtiges Thema ist.

Ich bin nun gespannt, ob mit der vorliegenden Verkaufsempfehlung ein Damm bricht und die Pharmaanalysten von HSBC bei anderen Banken Nachahmer finden.

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Nachdem sich die Tschechische Zentralbank über lange Wochen unermüdlich gegen die Marktkräfte gestemmt hatte, sah sie sich gestern Nachmittag zur Kapitulation gezwungen. Für viele Beobachter unerwartet gaben sich die Währungshüter geschlagen und hoben den Mindestkurs gegenüber dem Euro auf.

Anders als im Januar vor zwei Jahren, als die Schweizerische Nationalbank (SNB) in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das Handtuch warf, blieben gestern grössere Kursexzesse aus. Ganz im Gegenteil: Die Devisenmarktakteure reagierten überraschend besonnen.

In den Handelsräumen der SNB dürfte man die Kapitulation der tschechischen Kollegen gestern mit Bestürzung, vermutlich aber auch mit einem Hauch von Schadenfreude mitverfolgt haben. Wohlwissend, dass man selber jederzeit wieder einer Prüfung durch die Marktkräfte unterzogen werden könnte.

Seit wenigen Tagen neigt der Euro gegenüber dem Franken wieder zur Schwäche (Quelle: www.cash.ch).

Prominente Unterstützung erhalten die Direktoriumsmitglieder um Thomas Jordan nun erstmals von den Währungsstrategen von Merrill Lynch. Sie stellen der SNB ein gutes Zeugnis aus. Der Franken habe seinen Status als "sicherer Hafen" verloren, so schreiben sie in einem mir aus London zugehaltenen Strategiepapier.

Die Strategen sehen die SNB als Gewinner aus dem Kampf gegen die Frankenstärke hervorgehen und raten ihrer Anlagekundschaft deshalb zum Kauf von Euro gegen Franken über Call-Optionen.

Ihre Schlüsselbotschaft: Nach den Wahlen in Frankreich sollte alles besser werden. Und wenn nicht, dürfte die SNB mit ihren Interventionen Schlimmeres verhindern.

Wie seit heute früh bekannt ist, haben die Devisenreserven in der Bilanz der SNB Ende März mit 683,2 Milliarden Franken einen traurigen Rekordwert erreicht. Auch wenn es in der Theorie ewig so weiter gehen könnte, stossen unsere Währungshüter in der Praxis womöglich irgendwann an ihre Grenzen.
 

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