«EZB-Hausse ist eine Verkaufsgelegenheit»

Eine Grossbank rät Anlegern im Hinblick auf den EZB-Entscheid zum Abbau von Aktien - Und: Die Aktien von «Dividenden-König» Swiss Re unterliegen jenen des Rivalen Munich Re klar.
08.03.2016 12:30
cash Insider
«EZB-Hausse ist eine Verkaufsgelegenheit»

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J.P. Morgan ist schon eine ganze Weile kein Freund von Aktien mehr. Vergangene Woche kürzte die amerikanische Investmentbank abermals den Aktienanteil in den Kundenportfolios, was auch bei uns in der Schweiz hohe Wellen warf. Gegenüber den jeweiligen Referenzindizes werden Dividendenpapiere mittlerweile mit fünf Prozent untergewichtet. Nur auf dem Höhepunkt der Finanzkrise der Jahre 2007/08 waren die Anlagestrategen von J.P. Morgan noch pessimistischer für Aktien.

In einem mir aus London zugespielten Kommentar legen die Autoren sogar noch eine Schippe drauf: Der Anlagekundschaft wird ein weiterer Abbau von Aktienengagements empfohlen, sollten die Kurse im Hinblick auf den Zinsentscheid der Europäischen Zentralbank (EZB) vom Donnerstag noch einmal steigen. Um ihrer Empfehlung Nachdruck zu verleihen, raten die Strategen nach der jüngsten Gegenbewegung sogar zu taktischen Leerverkäufen.

Bei J.P. Morgan schliesst man zwar nicht kategorisch aus, dass die EZB in zwei Tagen mit der "grossen Kelle" anrichten und die an sie gerichteten Erwartungen vollumfänglich erfüllen kann. Geht es nach der amerikanischen Grossbank, dann schaden noch negativere Einlagezinsen den Börsen allerdings mehr als sie ihnen nützen.

Auch was die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen anbetrifft, geben sich die Experten ziemlich desillusioniert: In nahezu allen Weltregionen seien die konjunkturellen Vorlaufindikatoren unter Druck, so schreiben sie. Dazu kommen politische Risiken wie der Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union oder der drohende Rechtsrutsch in Deutschland und seinen Nachbarländern. Die EZB-Hausse biete deshalb eine günstige Verkaufsgelegenheit.

Die EZB und ihre Vertreter sind gefordert, wollen sie eine Enttäuschung wie damals im Dezember verhindern. Dass die schon heute negativen Einlagezinsen von 0,3 Prozent auf minus 0,4 bis 0,5 Prozent angepasst und die Wertpapierkäufe von monatlich 60 auf 75 bis 80 Milliarden Euro ausgebaut werden, gilt als sehr wahrscheinlich (siehe Kolumne vom 3. März). Das Überraschungsmoment dieser geldpolitischen Interventionen geht damit in die Richtung von Null.

Was auch immer die EZB am Donnerstag "aus dem Hut zaubern" wird, dürfte unter den Begriff "monetärer Wahnsinn" gehen. Selbst eine Ausweitung der Wertpapierkäufe auf verbriefte notleidende Bankkredite scheint gerade bei ihren südeuropäischen Vertretern kein Tabu mehr zu sein.

Auch bei uns am Schweizer Aktienmarkt gerät die seit Februar zu beobachtende Gegenbewegung immer mehr ins Stocken. Schuld sind nicht zuletzt die Indexschwergewichte Nestlé, Roche und Novartis. Öffnet die EZB übermorgen ein neues Kapitel ihrer "Politik des billigen Geldes", sind defensive Qualitäten wie sie die drei Valoren verkörpern noch viel weniger gefragt.

Ich bleibe dabei: Solange der Swiss Market Index (SMI) nicht unter das bisherige Februar-Tief bei 7425 Punkten fällt, ist eine Wiederaufnahme des Abwärtstrends sehr unwahrscheinlich (siehe Kolumne vom 17. Februar). Das heisst aber nicht, dass die Strategen von J.P. Morgan mit ihrer auf kurze Sicht negativen Haltung für die europäischen Börsen zwangsläufig falsch liegen müssen.

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Noch bis vor wenigen Wochen war Swiss Re der unangefochtene "Dividenden-König" unter den im SMI vertretenen Grossunternehmen. Gleich drei Jahre in Folge entrichtete der Rückversicherungskonzern aus Zürich seinen Aktionären nebst einer grosszügigen ordentlichen Dividende einen kleinen Zustupf aus der "Kriegsschatulle".

Unter dem neuen "Schatzmeister" David Cole warf sich Swiss Re zuletzt selber vom Dividenden-Thron. Der Grund: Der Nachfolger von George Quinn, seines Zeichens der Ziehvater der Sonderdividende, kauft lieber eigene Aktien zurück.

In einer sogenannten Kopf-an-Kopf-Studie aus dem Hause Citigroup unterliegen die Aktien nun auch jenen von Munich Re. Für die Autoren der Vergleichsstudie punktet der deutsche Rivale sowohl mit einer solideren Eigenkapitalbasis als auch mit einer konservativeren Reservepolitik. Darüber hinaus machen die Experten auch gleich noch geringere Kreditrisiken als bei Swiss Re aus.

Aufgrund der dadurch schlechteren Dividendenaussichten werden die Aktien von Swiss Re mit einem Kursziel 96,50 (104) Franken von "Buy" auf "Neutral" heruntergestuft. Die Valoren von Munich Re empfehlen die Studienautoren neuerdings mit einem Kursziel von 199 (180) Euro zum Kauf.

Wenig überraschend wird mir aus dem Berufshandel denn auch von grösseren zu Lasten der Aktien von Swiss Re gehenden Umschichtungen aus dem angelsächsischen Raum berichtet. In Zeiten negativer Anleihenrenditen weiss das Dividendenargument bei den Anlegern halt immer noch zu stechen.
 

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