Fallende Aktienkurse - Schlägt jetzt die Stunde der Leerverkäufer?

Amerikanische Leerverkäufer gewinnen mit ihren Wetten gegen UBS, Credit Suisse und Co. die Oberhand - Und: Weshalb beliebten Aktien wie VAT Group, Comet oder Inficon ein Rücksetzer droht.
20.11.2017 12:30
cash Insider
Schlägt jetzt die Stunde der Leerverkäufer?
Bild: fotolia.com

Der cash Insider ist unter @cashInsider auch auf Twitter aktiv. Lesen Sie börsentäglich von weiteren brandaktuellen Beobachtungen am Schweizer Aktienmarkt.

+++

Die Leerverkäufer seien auf dem Rückzug, so war schon vor Wochen aus New York zu hören. Nun liefern die Aktienstrategen der UBS erstmals eindrückliches Zahlenmaterial zu diesem Thema.

Wie die Schweizer Grossbank in ihrem "Aktienausblick 2018" vorrechnet, fuhren dortige Leerverkäufer ihre Wetten im bisherigen Jahresverlauf um mehr als 83 Milliarden Dollar zurück. Dazu kommen weitere rund 20 Milliarden Dollar an Nettokäufen in den Index-Futures. Auch bei diesen dürfte es sich vorwiegend um Deckungskäufe handeln.

Umso mehr überrascht, dass amerikanische Leerverkäufer ihre Wetten gegen die in New York gehandelten Aktien grosser Schweizer Konzerne zum zweiten Mal in Folge kräftig erhöht haben.

Besonders angetan hat es ihnen die Credit Suisse. Wie die jüngsten Erhebungen verraten, wird mit 5,6 Millionen American Deposit Receipts (ADR) auf rückläufige Kursnotierungen spekuliert. Das sind 20 Prozent mehr als noch vor zwei Wochen. Gegenüber Mitte Oktober errechnet sich sogar eine Zunahme von fast 30 Prozent (siehe "Amerikanische Leerverkäufer erhöhen ihre Wetten kräftig" vom 6. November).

Am 30. November lädt die kleinere der beiden Schweizer Grossbanken zum diesjährigen Investorentag nach London. Vor Jahresfrist erwischte die Credit Suisse die amerikanischen Leerverkäufer auf dem falschen Fuss, was letztere viel Geld kostete (siehe "Winkt den Credit-Suisse-Aktien auch dieses Jahr ein Kursfeuerwerk?" vom 9. November).

Fakt ist: Anders als noch vor einem Jahr müssen die Firmenvertreter um Tidjane Thiam ganz schön etwas aus dem Hut zaubern, wollen sie den hohen Markterwartungen gerecht werden.

Sogar um 25 Prozent auf 6,13 Millionen ADR schwollen die Wetten gegen die Erzrivalin UBS an. Auch bei der grösseren der beiden Schweizer Grossbanken sind das rund 30 Prozent mehr als noch Mitte Oktober.

Für den Schweizer Aktienmarkt verheisst diese Entwicklung nichts Gutes, gelten die Valoren von UBS und Credit Suisse doch seit je als vorauseilende Indikatoren für den breiten Markt.

Ebenfalls ins Visier amerikanischer Leerverkäufer gerät Roche. Beim Pharma- und Diagnostikkonzern aus Basel war in den vergangenen vier Wochen mehr als eine Verdoppelung der Anzahl leerverkaufter ADR zu beobachten. Innerhalb von gerade mal zehn Handelstagen schwollen die Wetten in New York um 64 Prozent auf 1,76 Millionen Titel an.

Nachdem die bei uns gehandelten Genussscheine am Freitag selbst nach einer um Monate früher als erwarteten Marktzulassung des Blutermedikaments Hemlibra durch die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA über weite Strecken einen schweren Stand hatten, notieren sie heute zeitweise um mehr als 5 Prozent höher.

Dieses Kursfeuerwerk zeigt, dass sich die Leerverkäufer ihrer Sache selbst bei mit hausgemachten Problemen kämpfenden Unternehmen nie zu sicher sein sollten.

Spitzenreiter unter den am häufigsten leerverkauften Aktien in New York bleibt aus Schweizer Sicht Logitech. Zuletzt wurde beim Peripheriegerätehersteller aus Lausanne mit 10,3 Millionen ADR auf rückläufige Kursnotierungen spekuliert. Gegenüber der letzten Erhebung von vor 14 Tagen entspricht das einer Zunahme um 7 Prozent.

Wäre das Börsengeschehen eine Partie Tennis, hiesse es nach dem jüngsten Kursrücksetzer vermutlich "Vorteil Leerverkäufer". Allerdings ist der Match noch nicht zu Ende gespielt. Die amerikanischen Leerverkäufer würden sich sowieso besser auf ihre überbewerteten heimischen Technologieunternehmen einschiessen und die Schweizer Grosskonzerne in Frieden lassen...

+++

Wer in die Aktien von Produzenten von Mobilfunkchips investieren will, stösst am Schweizer Aktienmarkt neben dem bekannten Sensorenhersteller AMS höchstens auf kleine Spezialitäten wie U-blox. Und selbst AMS ist eigentlich im österreichischen Unterpremstätten zu Hause.

Zulieferfirmen wie etwa VAT Group, Comet oder Inficon gibt es hingegen wie Sand am Meer. Eines haben die Aktien dieser drei Unternehmen gemeinsam: Sie alle haben sich im Zuge eines noch nie dagewesenen Nachfrageaufschwungs im Kurs vervielfacht.

Eine eigentliche Macht bei Mobilfunkchips ist Samsung. Wie erst vor wenigen Tagen bekannt wurde, ist selbst der amerikanische Erzrivale Apple bei der neusten iPhone-Generation auf Bauteile des südkoreanischen Mischkonzerns angewiesen.

Interessantes entnehme ich einem Kommentar aus dem Aktienhandel der MainFirst Bank. Dem Autor zufolge investierte Samsung alleine in diesem Jahr geschätzte 27 Milliarden Dollar in den Ausbau seines Chipgeschäfts. Das wiederum ist mehr als das Doppelte der Investitionssumme früherer Jahre.

Bewegen sich im Gleichschritt: Die Valoren von VAT Group (rot), Comet (grün) und Inficon (violett) (Quelle: www.cash.ch).

Vermutlich steht der koreanische Mischkonzern mit dem Aufbau neuer Produktionskapazitäten nicht alleine da, was sich irgendwann rächen könnte. Denn kaum ein anderer Wirtschaftszweig unterliegt derart starken Nachfrageschwankungen wie die Halbleiterindustrie.

Das wiederum bringt uns zum eigentlichen Problem: Die Wachstumsraten der letzten 12 bis 18 Monate sind bei hiesigen Zulieferunternehmen wie VAT Group, Comet oder Inficon zweifelsfrei beeindruckend. Dasselbe gilt für jene, die in naher Zukunft noch zu erwarten sind.

Allerdings gelten die Aktien dieser drei Unternehmen mittlerweile als Wachstumsperlen und weisen eine dementsprechend hohe Bewertung auf. Folgt auf den Aufschwung in der Halbleiterindustrie irgendwann wieder ein Abschwung, droht diesen bei Anlegern äusserst beliebten Papieren ein kräftiger Kursrückschlag.
 

Der cash Insider nimmt Marktgerüchte sowie Strategie-, Branchen- oder Unternehmensstudien auf und interpretiert diese. Marktgerüchte werden bewusst nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Gerüchte, Spekulationen und alles, was Händler und Marktteilnehmer interessiert, sollen rasch an die Leser weitergegeben werden. Für die Richtigkeit der Inhalte wird keine Verantwortung übernommen. Die persönliche Meinung des cash Insiders muss sich nicht mit derjenigen der cash-Redaktion decken. Der cash Insider ist selber an der Börse aktiv. Nur so kann er die für diese Art von Nachrichten notwendige Marktnähe erreichen. Die geäusserten Meinungen stellen keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen an die Leserschaft dar.