Gegen den Strom - Grossbank mit nicht alltäglichen Aktienempfehlungen

Die Deutsche Bank setzt in Europa und der Schweiz auf andere Aktien und Sektoren als die Konkurrenz - Und: Milliardenschwere Barmittel wecken bei Swiss Re Begehrlichkeiten.
28.08.2017 12:30
cash Insider
Grossbank mit nicht alltäglichen Aktienempfehlungen
Bild: fotolia.com

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Es ist schon ziemlich zermürbend: Seit mittlerweile fast vier Monaten tritt der Swiss Market Index (SMI) an Ort und Stelle. Allerdings wäre Jammern fehl am Platz, liegt das viel beachtete Börsenbarometer allen Unkenrufen zum Trotz doch um gut 8 Prozent über dem Stand von Anfang Jahr. Rechnet man die im Frühling ausbezahlten Dividenden auf, beträgt das Plus sogar fast 12 Prozent.

Vor wenigen Wochen ging ein lautes Raunen durch unser Land, als die Strategen der Deutschen Bank den Schweizer Aktienmarkt von "Overweight" auf "Benchmark" herunterstuften.

Selbst damit schwimmen die Experten gegen den Strom, wird unser Heimmarkt bei anderen Banken aufgrund der Dominanz der drei Schwergewichte Nestlé, Roche und Novartis in den Kundenportfolios doch sogar untergewichtet.

Heute nun legen die für die Deutsche Bank tätigen Strategen mit nicht alltäglichen Anpassungen bei den Branchenpräferenzen nach. Die bei anderen Banken äusserst beliebten Technologiewerte werden von "Benchmark" auf "Underweight" heruntergestuft. Letztere hätten bis zuletzt weder auf den schwachen Dollar, noch auf die verhalteneren wirtschaftlichen Aussichten in Nordamerika reagiert, so lautet die Begründung. Die Experten erwarten einen Kursrückschlag von mindestens 5 Prozent. Gewisse Einzelaktien könnten durch die Sektorenschwäche sogar noch stärker in Mitleidenschaft gezogen werden.

Der SPI (grün) im Vergleich mit dem Stoxx Europe 600 Index (rot) (Quelle: www.cash.ch)

Ein ähnliches Schicksal droht den Versicherungsaktien. Auch sie werden bei der deutschen Grossbank in Erwartung rückläufiger Zinsen und der vergleichsweise stolzen Bewertung neuerdings mit "Underweight" empfohlen.

Im Gegenzug stufen die Experten die Investitionsgüterwerte von "Underweight" auf "Benchmark" herauf. Gleichzeitig warnen sie davor, dass diesen Aktien bei einer Börsenkorrektur für gewöhnlich hohe Kursverluste drohen. Überzeugung sieht anders aus.

Auch bei uns am Schweizer Aktienmarkt ist das Handelsgeschehen in den vergangenen Wochen selektiver geworden. Die Flut hebt nicht länger alle Boote, wie ein Blick auf das Kurstableau verrät (siehe Kolumne vom Freitag). Das schnelle Geld scheint gemacht. Wer jetzt noch verdienen will, muss schon auf die richtigen Aktien setzen.

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Am Beispiel von Swiss Re zeigt sich eindrücklich, wie rasch ein Unternehmen bei Grossinvestoren in Ungnade fallen kann. Angelsächsische Fonds hätten die dividendenstarken Aktien wiederentdeckt, so war noch vor wenigen Wochen aus London zu hören.

Doch dann wartete der traditionsreiche Rückversicherungskonzern aus Zürich mit einem enttäuschenden Ergebnis für die erste Jahreshälfte auf, was die Valoren in die Nähe ihrer Jahrestiefstkurse abtauchen liess. Dem Vernehmen nach traten - man ahnt es schon - angelsächsische Grossinvestoren als Verkäufer in Erscheinung.

Verteidigende Töne schlägt nun nicht etwa ein dortiger Analyst an, sondern der für die MainFirst Bank tätige René Locher. Ihm eilt der Ruf des gut vernetzten Branchenkenners voraus.

Und Locher wäre nicht Locher, wenn er in einem mir zugespielten Kommentar nicht mit interessanten Informationen aufwarten würde. Seinen Berechnungen zufolge sitzt Swiss Re nämlich auf Überschusskapital in Höhe von 7,4 Milliarden Dollar, was zu heutigen Dollarkursen immerhin 23 Franken je Aktie entspräche.

Die Aktien von Swiss Re (rot) im Vergleich mit dem SPI (grün) (Quelle: www.cash.ch)

Davon hielt der Rückversicherungskonzern dem Analysten zufolge per Ende des zweiten Quartals sogar 4,4 Milliarden Dollar oder umgerechnet gut 13 Franken je Aktie in bar.

Für Locher steht deshalb fest: Unter der Voraussetzung, dass Grosskatastrophen ausbleiben, winkt den Anteilseignern im kommenden Frühjahr eine Dividende von 5 Franken je Aktie. Und sobald die Hurrikan-Saison an der amerikanischen Südostküste ausgestanden ist, steht auch der Umsetzung des 1 Milliarden Franken schweren Aktienrückkaufprogramm nichts mehr im Wege (siehe auch den cash-Artikel vom 22. August zum Thema Aktienrückkäufe in der Schweiz).

Davon leitet der MainFirst-Analyst für dieses Jahr eine satte Gesamtrendite von 9,3 Prozent ab. In Erwartung einer kräftigen Erholung empfiehlt er die Aktien mit "Outperform" und einem Kursziel von 105 Franken zum Kauf.

Verhält es sich wie in den vergangenen Jahren, wird Swiss Re voraussichtlich ab Anfang November erstmals wieder eigene Aktien zurückkaufen. Im Aktionariat werden gar Forderungen nach einer Aufstockung des ursprünglich geplanten Aktienrückkaufprogramms oder nach einer Sonderdividende wach.

Ignoriert der Rückversicherungskonzern diese Forderungen, droht er auf Dauer zum Ziel listiger Finanzinvestoren zu werden.

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