Geldpolitischer KurswechselVerkauft die SNB schon bald erste Aktienbestände?

Ökonomen einer Investmentbank erklären, wie ein Ausstieg der Schweizerischen Nationalbank aus der Politik des billigen Geldes aussehen könnte - Und: Zwei Verkaufsempfehlungen für Swiss Life und Straumann weniger.
22.08.2017 12:30
cash Insider
Verkauft die SNB schon bald erste Aktienbestände?
Bild: fotolia.com

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In den letzten Jahren dominierten zwei Käuferschichten den amerikanischen Aktienmarkt: Zum einen die dortigen Unternehmen über ihre milliardenschweren Aktienrückkaufprogramme, und zum anderen die ausländischen Zentralbanken – allen voran die Schweizerische Nationalbank (SNB). Schliesslich wollen die auf umgerechnet 714 Milliarden Franken angeschwollenen Devisenreserven möglichst gewinnbringend und breit gestreut angelegt werden.

Jeweils einmal im Quartal müssen die Schweizer Währungshüter der amerikanischen Börsenaufsicht SEC eine Bestandsliste einreichen, welche dann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Ende Juni hielt die SNB amerikanische Aktien im Gesamtwert von über 80 Milliarden Dollar in den Büchern.

Der Politik in Washington sind diese Firmenbeteiligungen schon eine ganze Weile ein Dorn im Auge, zählt die SNB mittlerweile doch zu den bedeutendsten Aktionären von Facebook, Apple und anderen US-Grossunternehmen.

Das brachte der Schweiz sogar einen Platz auf einer vom amerikanischen Finanzministerium erstellten schwarzen Liste von Ländern ein, denen vorgeworfen wird, die eigene Währung künstlich tief zu halten. Auf dieser Liste ist übrigens auch unser nördliches Nachbarland Deutschland zu finden.

Nicht nur aus Bundesbern, auch aus dem Ausland nimmt der Druck auf die SNB-Verantwortlichen zu, endlich einen restriktiveren geldpolitischen Kurs einzuschlagen. Einfacher gesagt, als getan.

Wie ein solcher Kurswechsel aussehen könnte, verraten die in London niedergelassenen Ökonomen der US-Bank Citigroup. In einem mir aus Genf zugespielten Kommentar sehen auch sie vom zuletzt schwächeren Franken Druck auf die SNB ausgehen.

Eine Abkehr vom Negativzins halten die Autoren für unwahrscheinlich, nicht aber eine Bilanzreduktion. Im Zusammenhang mit zur Rückzahlung fällig werdenden Anleihen erachten sie eine monatliche Reduktion der Devisenreserven von bis zu 5 Milliarden Franken als denkbar.

EUR/CHF (rot) im Einjahresvergleich mit dem USD/CHF (grün) (Quelle: www.cash.ch)

Um das bisherige Verhältnis zwischen Festverzinslichen und Aktien beizubehalten, müsste sich die SNB dann auch von ersten Teilen ihrer umgerechnet 144 Milliarden Franken schweren Aktienbestände trennen.

Im Hinblick auf die wegweisenden geldpolitischen Entscheide der Europäischen Zentralbank (EZB) erwarten die Ökonomen der Citigroup anlässlich der geldpolitischen Lagebeurteilung der SNB von Mitte September noch keinen Kurswechsel. Interessant ist, dass man bei der amerikanischen Investmentbank ab dem Frühjahr 2019 von einer ersten Leitzinserhöhung durch die EZB ausgeht. Ab dann könnte ein Zinsschritt auch bei uns in der Schweiz ein Thema werden.

Mit Devisenreserven von umgerechnet 714 Milliarden Franken in der Bilanz wird der geldpolitische Kurswechsel zur Gratwanderung für die SNB. Denn geht sie nicht äusserst behutsam vor, droht der Franken wieder kräftig zu erstarken.

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Kaum ein Tag vergeht, ohne dass ein pessimistisch gestimmter Aktienanalyst bei uns in der Schweiz das Handtuch wirft. Heute sind es gar deren zwei...

Nach dem soliden Zahlenkranz von vergangener Woche stuft die für Kepler Cheuvreux tätige Medizinaltechnikanalystin die Aktien von Straumann von "Reduce" auf "Hold" herauf. Unter Berücksichtigung der übernommenen ClearCorrect und der sich dadurch eröffnenden Wachstumsmöglichkeiten beziffert sie das Kursziel neu auf 594 (bisher 485) Franken.

Damit steigt der Druck auf ihre drei Berufskollegen von J.P. Morgan, Citigroup und Goldman Sachs, ihre Verkaufsempfehlungen ebenfalls zu überdenken. Wie das geht, zeigt heute der für Merrill Lynch tätige Versicherungsanalyst und stuft die Aktien von Swiss Life mit einem Kursziel von 355 (bisher 345) Franken von "Underperform" auf "Neutral" herauf. Und das, nachdem sein Vorgänger und er die Papiere seit Anfang August 2015 konstant zum Verkauf empfohlen hatten.

Zwei Schweizer Überflieger: Die Aktien von Swiss Life (rot) und Straumann (grün) (Quelle: www.cash.ch)

Der Turnaround sei erfolgreich abgeschlossen, so lässt man bei der amerikanischen Investmentbank durchblicken. In Bezug auf die zukünftige Dividendenpolitik sagt sie dem Lebensversicherungskonzern aus Zürich sogar positives Überraschungspotenzial nach.

Mit der britischen HSBC hat nach dem heutigen Tag nur noch eine Bank eine Verkaufsempfehlung für die Swiss-Life-Aktien ausstehend. Gut möglich, dass auch sie noch in die Knie gezwungen wird.

Wenn Analysten plötzlich mit teils fadenscheinigen Argumenten von mehrjährigen Verkaufsempfehlungen zurückkrebsen (siehe auch die Kolumne vom 26. Juli), macht mich das ziemlich stutzig. Denn wir alle wissen: die Börse lebt geradezu von unterschiedlichen Meinungen.

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