Geraten die Zinsen kräftig ins Rutschen?

Die drittgrösste Bank der Welt rechnet nochmals mit deutlich tieferen Zinsen und sagt auch gleich, was das für die Aktienmärkte bedeuten könnte.
09.10.2015 12:30
cash Insider
Geraten die Zinsen kräftig ins Rutschen?

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Mit einer Bilanzsumme von 2630 Milliarden Dollar gilt die HSBC nach der China Industrial & Commercial Bank of China und der China Construction Bank als die drittgrösste Bank der Welt. Die in London beheimatete HSBC beschäftigt eine Heerschar an Ökonomen und Aktienexperten.

Und was diese in einer mir zugespielten Strategiestudie schreiben, ist an Brisanz kaum zu überbieten. Denn anders als viele ihrer Berufskollegen rechnen die Autoren bis Ende nächsten Jahres noch einmal mit deutlich tieferen Zinsen.

In den USA sehen sie die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen auf 1,5 Prozent und damit auf den tiefsten Stand in der Geschichte fallen. Aktuell rentieren diese Anleihen noch mit 2,8 Prozent.

Als treibende Kraft hinter diesem Zinsrückgang wähnen die Experten ausgerechnet die Europäische Zentralbank (EZB) und deren "Politik des billigen Geldes". Für die Studienverfasser steht fest, dass sich die milliardenschweren Wertpapierkäufe auch in Übersee in Form deutlich tieferer Anleihenrenditen bemerkbar machen werden.

In diesem von historisch tiefen Zinsen und einem von einer leicht expansiven Weltwirtschaft geprägten Umfeld gibt es der britischen Grossbank zufolge nur einen Gewinner: Dividendenstarke Aktien.

Alleine schon die Jagd nach Rendite sowie die rückläufigen Eigenkapitalkosten würden Raum für eine deutliche Höherbewertung bieten. Komme dazu, dass dividendenstarke Aktien am Buchwert gemessen einen Bewertungsabschlag von 30 Prozent zum Gesamtmarkt aufweisen würden, so die Experten weiter.

Der eigenen Anlagekundschaft empfehlen sie deshalb Papiere aus den Sektoren nicht zyklischer Konsum, Gesundheit und Technologie. Überdurchschnittlich gute Dividendenaussichten sagen die Studienverfasser zudem Wells Fargo, Johnson & Johnson, China Mobile, Industrial and Commercial Bank of China, J.P. Morgan Chase, AT&T, Verizon Communications, China Construction Bank, Bank of China, Intel, IBM, Merck, Cisco Systems, TSMC, UPS, China Petroleum & Chemical, Lloyds Banking, Royal Bank of Canada, Daimler, BNP Paribas, Toronto-Dominion Bank, Allianz, China Merchants Bank, Lockheed Martin, Saudi Basic Industries, Bank of Communications, Japan Tobacco, Axa, Intesa Sanpaolo und BMW nach. Unternehmen aus der Schweiz sucht man in der Studie hingegen vergeblich.

Noch bis vor wenigen Wochen hätten mir die Zinsprognosen von HSBC bloss ein schmunzeln abgerungen. Seither hat die Wahrscheinlichkeit einer baldigen Leitzinserhöhung durch die US-Notenbank spürbar nachgelassen. Stummer Zeuge ist das vergangene Nacht veröffentlichte Protokoll der letzten Sitzung.

Die Vertreter des Offenmarktausschusses sind denn auch nicht zu beneiden, stehen sie doch vor einer äusserst delikaten Aufgabe. Erhöhen sie die Zinsen zu früh, droht nicht nur der heimischen Wirtschaft Ungemach. Auch was die Turbulenzen in den Schwellenländern anbetrifft, würde ein solcher Zinsschritt zusätzliches Öl ins Feuer giessen. Zögern die Entscheidungsträger hingegen zu lange mit einem ersten Zinsschritt, nehmen sie neue Finanzmarktexzesse und Ungleichgewichte und letztendlich sogar Inflation in Kauf. Ein vernünftiger Ausstieg aus der Tiefzinspolitik wäre dann vermutlich noch schwieriger.

Eine wie von der britischen Grossbank erwartete Halbierung der Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen würde allerdings bedeuten, dass die erste Leitzinserhöhung seit Ausbruch der Finanzkrise der Jahre 2007/08 auf unbestimmte Zeit vertagt ist.

Das wiederum wäre ein Zeichen der Schwäche. Schliesslich stossen andere führende Zentralbanken mit ihren milliardenschweren Wertpapierkäufen schon heute an ihre Grenzen. Ihnen ist es bislang nicht gelungen, die eigene Wirtschaft in Schwung zu bringen.

Massnahmen wie negative Einlagezinsen entbehren jeglichem gesundem wirtschaftlichem Verständnis und eignen sich bestenfalls für kurzfristige Interventionen. Sie dürfen nicht zum Dauerzustand werden.

In einem Punkt muss ich den Strategen von HSBC allerdings recht geben: Anleger sind in dividendenstarken Aktien weiterhin gut aufgehoben. Und das ganz unabhängig davon, wohin sich die Zinsen über die kommenden Monate bewegen werden. Meine Kolumne vom Montag werde ich übrigens den aussichtsreichsten Schweizer Dividendenperlen widmen, soviel sei an dieser Stelle schon mal verraten.
 

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