Grossbank gerät in Erklärungsnot

Nach der Herunterstufung der Aktien von LafargeHolcim muss sich eine amerikanische Grossbank Kritik gefallen lassen - Und: Bietet sich der Franken überhaupt noch als ein «sicherer Hafen» an?
14.01.2016 12:30
cash Insider
Grossbank gerät in Erklärungsnot

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Kaum eine andere Berufsspezies geniesst einen derart schlechten Ruf wie die der Aktienanalysten. Ob selbstverschuldet oder nicht, das bleibe dahingestellt.

Fakt ist: Viele dieser gutbezahlten Experten lassen sich gerne im Strom der gängigen Meinung treiben und reagieren, wenn überhaupt, dann nicht selten zu spät auf Veränderungen.

Dieses Klischee bedient heute auch einen Ausblick von J.P. Morgan für die europäischen Zementhersteller. Darin wirft die Autorin bei den Aktien von LafargeHolcim das Handtuch und stuft diese von "Overweight" auf "Neutral" herunter. Nach einer Abwärtsrevision der diesjährigen Gewinnschätzungen um knapp 10 Prozent lautet das Kursziel gerademal noch 51 (65) Franken.

Doch damit nicht genug: Neuerdings rät die Analystin im Rahmen eines sogenannten "Pair Trades" sogar zu einem Leerverkauf der Papiere des unangefochtenen Weltmarktführers. Mit dem Verkaufserlös sollen Anleger in solche des Rivalen HeidelbergCement investieren, so schreibt sie.

Dass die europäischen Zementaktien derzeit mit einem Aufschlag von 20 Prozent zum Bewertungsdurchschnitt vergangener Tage gehandelt werden, ist der Analystin offensichtlich ein Dorn im Auge. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich die Aussichten in den Schwellenländern ihres Erachtens abermals eingetrübt haben und sie bei den Konsensschätzungen weitere Abwärtsrevisionen befürchtet. Das wiederum würde die Bewertung noch mehr steigen lassen.

Mit ihren drei "Pair Trades" HeidelbergCement gegen LafargeHolcim, Saint-Gobain gegen CRH und Buzzi Unicem gegen Tarkett verspricht sich die Autorin des Branchenausblicks im weiteren Jahresverlauf durchschnittliche Kursgewinne von nicht weniger als 19 Prozent. Und das völlig unabhängig von der Branchenentwicklung.

Für Händler kommt der heutige Handtuchwurf bei den Aktien von LafageHolcim ziemlich überraschend, wurden diese bei J.P. Morgan seit der Heraufstufung von "Neutral" auf "Overweight" im April vor zwei Jahren unentwegt zum Kauf empfohlen - ursprünglich mit einem Kursziel von 88 Franken. Besonders bitter: Seither hat sich der Börsenwert des Weltmarktführers im Zuge der Wachstumsverlangsamung in den für das Unternehmen wichtigen Schwellenländern nahezu halbiert.

Einst frenetisch für den hohen Ergebnisbeitrag aus den Schwellenländern gefeiert, ist dieser für LafageHolcim längst zum Bumerang verkommen. Anders als die für J.P. Morgan tätige Analystin sehe ich darin aber durchaus auch Chancen für das Unternehmen. In Erwartung deutlicher Fortschritte auf der Kostenseite verbleiben die Papiere auf der Liste meiner Schweizer Aktienfavoriten für das Börsenjahr 2016.

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An den Finanzmärkten stehen die Zeichen auf Sturm. Die Schwellenländer, einst eine nicht versiegen wollende Wachstumsquelle, werden nach Jahren des ungebändigten Wachstums von strukturellen Problemen heimgesucht. Darüber hinaus haben sich viele von ihnen bis über beide Ohren im Dollar verschuldet. Dieser steigt und steigt und mit ihm auch der Schuldenberg.

Eigentlich müssten die davon ausgehenden Turbulenzen dem Franken Auftrieb verleihen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Vergangene Nacht setzte der Euro überraschend zu einem Sprung auf über 1,09 Franken an und kletterte im Laufe des heutigen Vormittags vorübergehend in die Nähe von 1,0980 Franken.

Dass unsere Schweizerische Nationalbank (SNB) ihre Finger im Spiel hat, wie einige Devisenmarktakteure vermuten, ist jedoch unwahrscheinlich. Ein Grund für Interventionen, in welcher Form auch immer, besteht nämlich nicht. Es macht schon fast den Anschein, als ob der Franken seine Funktion als "sicherer Hafen" eingebüsst hat.

Nur bei der Commerzbank bleibt man skeptisch, ob dem auch wirklich so ist. Die SNB habe nur noch begrenzte Möglichkeiten, auf eine ausgeprägte Frankenstärke zu reagieren, so ist einem Kommentar der deutschen Grossbank zu entnehmen. Und weiter: Aufgrund der Möglichkeit der Bargeldhaltung würden weder weitere Zinssenkungen wirken, noch wären unbegrenzte Deviseninterventionen auf längere Sicht glaubwürdig.

Für die Commerzbank steht deshalb fest, dass sich der Franken auch weiterhin als attraktiver "sicherer Hafen" anbietet. Mit dieser Einschätzung steht die deutsche Grossbank allerdings schon seit Monaten ziemlich alleine da.
 

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