Hat das Endspiel an den Märkten begonnen?

Der Chefstratege einer amerikanischen Grossbank findet klare Worte, was die Hausse an den Aktien- und den Anleihenmärkten anbetrifft. Er sagt zudem, welche Vermögensklassen am stärksten absturzgefährdet sind.
05.03.2015 12:30
cash Insider
Hat das Endspiel an den Märkten begonnen?

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In eigener Sache:

Aufgrund eines verlängerten Wochenendes mit meiner Familie in den Bergen erscheint die nächste Kolumne erst am kommenden Montag, 9. März 2015, um 12.30 Uhr.

In diesem Sinne wünsche ich meinen Leserinnen und Lesern bereits jetzt ein erholsames Wochenende.

Der cash Insider

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In diesen Tagen wird an den Finanzmärkten gleich in mehrfacher Hinsicht Geschichte geschrieben. An der Börse in New York erklommen die Aktien von Apple ein Rekordhoch. Mittlerweile bringt das amerikanische Kultunternehmen 753 Milliarden Dollar auf die Waage, was mehr als dem jährlichen Bruttoinlandprodukt von Saudi-Arabien entspricht.

Vom Indexschwergewicht angetrieben stieg der Nasdaq Composite Index erstmals wieder über die psychologisch wichtige Marke von 5000 Punkten. Das technologielastige Börsenbarometer trennen nur noch wenige Prozent vom Höchststand vom Frühling des Jahres 2000.

Während der starke Dollar die Analysten zu einer Reduktion ihrer Gewinnerwartungen für amerikanische Unternehmen zwingt, klettert der breit gefasste amerikanische S&P 500 Index von einem Rekord zum nächsten. Treibende Kraft hinter dieser Rekordjagd sind nicht etwa die Unternehmensgewinne, sondern vielmehr die gewaltigen Aktienrückkaufprogramme.

Anstatt die im Überfluss vorhandenen Barmittel in Wachstumsinitiativen oder in ergänzende Firmenübernahmen zu investieren, werden sie immer öfter über Dividenden und Aktienrückkäufe an die Aktionäre zurückgeführt. Aufgrund der historisch tiefen Zinsen bleibt letzteren nicht viel anderes übrig, als die Dividenden wieder am Aktienmarkt zu reinvestieren.

Doch auch sonst spielen sich an den Finanzmärkten denkwürdige Dinge ab. Das Economics Research von Goldman Sachs berichtete beispielsweise erstmals seit Jahren wieder von Anhaltspunkten für eine Kontraktion der Weltwirtschaft. Der von der mächtigsten Grossbank der Welt berechnete konjunkturelle Frühindikator bildete sich im Februar gegenüber dem Vormonat um 0,07 Prozent zurück. Den zuständigen Experten zufolge haben neun von zehn Unterindikatoren im vergangenen Monat eine Verschlechterung erfahren. Zu einer konkreten Reduktion der Wirtschaftsprognosen konnte man sich bei Goldman Sachs allerdings noch nicht durchringen.

Überraschend klare Worte findet auch der für Merrill Lynch tätige Chefstratege. In seinem neusten Kommentar feiert er den Februar als den stärksten Monat für den S&P 500 Index seit Oktober 2011. Sechs Jahre nach ihrem Beginn sei die Hausse am amerikanischen Aktienmarkt noch immer ungebrochen, so schreibt der Experte. In dieser Zeit habe das breit gefasste Börsenbarometer durchschnittlich um 23 Prozent pro Jahr zugelegt. Der Weltaktienindex habe es in Dollar betrachtet immerhin auf ein jährliches Plus von 20 Prozent gebracht, Immobilienbeteiligungsgesellschaften sogar auf eines von 31 Prozent und hochverzinsliche Anleihen immerhin auf ein Plus von 17 Prozent.

Den Hauptgrund für diese noch nie dagewesene Hausse an den Finanzmärkten sieht der Chefstratege in der ultralockeren Zins- und Geldpolitik führender Zentralbanken. Nach der Leitzinsreduktion in China sei es alleine im bisherigen Jahresverlauf zu nicht weniger als 18 Zinssatzsenkungen weltweit gekommen. In den Jahren seit dem Kollaps von Lehman Brothers seien nicht weniger als 544 Leitzinsreduktionen vorgenommen worden, so lässt sich im Kommentar nachlesen.

Für den Experten ist die gewaltige Überschussliquidität gleichermassen ein Fluch wie auch ein Segen für die Finanzmärkte. Und obschon er es nicht explizit schreibt, lässt der viel beachtete Chefstratege von Merrill Lynch zumindest durchblicken, dass das Endspiel an den Märkten näher rückt. Bei den Anleihen sieht er die grösste Gefahr von der zukünftigen Teuerungsentwicklung ausgehen. Bei den Aktien fürchtet er sich hingegen vor rückläufigen Unternehmensgewinnen oder einer Spekulationsblase.

Noch hält der Experte an seiner Präferenz für Aktien gegenüber Anleihen fest und bricht einmal mehr eine Lanze für den Dollar. Der starke Dollar wiederum spreche gegen einen Einstieg in die Rohstoffe und die Schwellenländer. Als rückschlagsgefährdet werden vor allem die Aktien von Herstellern des täglichen Konsums sowie jene aus dem Gesundheitssektor bezeichnet. Dasselbe gilt für chinesische Bankaktien.

Regelmässige Leserinnen und Leser meiner Kolumne werden jetzt vermutlich mit den Augen rollen. Denn ich wiederhole mich, wenn ich schreibe, dass sich die Aktien- und Anleihenmärkte in den vergangenen Jahren weit von der Realität abgekoppelt haben. Die exzessiv lockere Zins- und Geldpolitik führender Zentralbanken hat zu einer liquiditätsgetriebenen Hausse geführt, die in der Geschichte ihresgleichen sucht. Oder um es wieder einmal etwas eleganter in die französische Sprache zu übersetzen: La hausse amène la hausse - pourvue que ça dure.

 

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