Heisse Schlussphase - Ist es noch nicht zu spät, um bei Aktien einzusteigen?

Die Investmentbank Morgan Stanley erklärt, weshalb es sich Anleger nicht leisten können, die lukrative Schlussphase der Aktien-Hausse zu verpassen - Und: Analysten auf der Suche nach letzten vernachlässigten Nebenwerten.
12.04.2017 14:30
cash Insider
Ist es noch nicht zu spät, um bei Aktien einzusteigen?
Bild: fotolia.com

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Ende Februar 2009 herrschte an der Leitbörse in New York Weltuntergangsstimmung. Nachdem verbriefte Ramschhypotheken die beiden traditionsreichen Investmentbanken Lehman Brothers und Bear Stearns in die Knie gezwungen hatten, tendierte der Appetit der Anleger auf Aktien gegen null.

Was damals noch niemand ahnte - oder zumindest nicht auszusprechen wagte: Nur wenige Tage später sollte der viel beachtete S&P-500-Index bei "teuflischen" 666 Punkten die Talsohle durchschreiten.

Acht Jahre später und fast 1700 Indexpunkte höher wendet sich Michael J Wilson von Morgan Stanley in einem Strategiepapier an seine Anlagekundschaft. Die Schlüsselbotschaft des neuen Chefstrategen für den amerikanischen Aktienmarkt: In Anbetracht der noch immer tiefen Zinsen kann man es sich als Anleger schlichtweg nicht leisten, die letzte und für gewöhnlich einträglichste Phase der langjährigen Aufwärtsbewegung in New York zu verpassen.

Dabei bedient er sich beim schon vor Jahren verstorbenen Sir John Templeton. Wie der bekannte Anlagefonds-Pionier stets zu sagen pflegte, werden Aktien-Haussen im Pessimismus geboren, wachsen an der Skepsis, gelangen im Optimismus zur Reife und finden in der Euphorie den Tod.

Und um seiner eindringlichen Kaufempfehlung den nötigen Nachdruck zu verleihen, legt der Autor des Strategiepapiers mit beeindruckenden Indexprognosen nach. Den breit gefassten S&P-500-Index sieht er über die kommenden zwölf Monate um weitere 15 Prozent auf 2700 Punkte steigen, traut ihm gegebenenfalls sogar einen Vorstoss auf über 3000 Punkte zu. Aus heutiger Sicht entspräche dies noch einmal einem Plus von fast 30 Prozent.

Beliebte Aktien wie Facebook (rot) oder Amazon (grün) lassen den S&P-500-Index (violett) weit hinter sich zurück (Quelle: www.cash.ch).

Selbst wenn sämtliche Faktoren gegen den heimischen Aktienmarkt laufen, rechnet Wilson beim S&P-500-Index höchstens mit einem Rückschlag von bis zu 10 Prozent. Seine Begründung: Bankeigene Erhebungen zeigen, dass amerikanische Aktien weder bei institutionellen Investoren noch bei Privatanlegern übertrieben stark vertreten sind und die von Euphorie geprägte Schlussphase vermutlich erst noch ansteht.

Daher rät er seinen Kunden zum Kauf der schon heute sehr beliebten Aktien aus der heimischen Finanz- und aus der Technologieindustrie.

Wer nun denkt, dass der bei Morgan Stanley für den amerikanischen Aktienmarkt verantwortliche Chefstratege frisch von der Universität kommt und noch keinen grösseren Kursrückschlag erlebt hat, der irrt. Er ist seit über 27 Jahren für die mächtige Investmentbank tätig und bekleidete zuletzt sogar die Position des Chief Investment Officer.

Was er in dem mir aus Genf zugespielten Strategiepapier nicht schreibt: Geld verdienen in der späten Phase einer Aktien-Hausse nur jene Anleger, die rechtzeitig wieder den Absprung schaffen. Alle anderen beissen irgendwann die Hunde.

Wer der Empfehlung von Morgan Stanley unbedingt Folge leisten will, dem sei deshalb zumindest zu einem eng gezogenen sogenannten "Trailing-Stop" geraten. Darunter versteht man eine sich jeweils an den neusten Höchstkursen orientierende, limitierte Verkaufslimite zum Schutz vor stärkeren Rückschlägen.

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Was an der Börse in New York die Überflieger wie Facebook, Amazon, Alphabet oder Netflix, sind am Schweizer Aktienmarkt mangels vernünftiger Alternativen die Nebenwerte.

Das Problem dabei ist: Die beliebtesten Aktien aus diesem heissbegehrten Titelsegment haben sich über die letzten Jahre bereits im Kurs vervielfacht. Gleichzeitig wird die Zahl der noch nicht wiederentdeckten Nebenwerte von Tag zu Tag kleiner.

Auf der Suche nach zurückgebliebenen Aktien bleiben Analysten immer öfter bei Kleinstunternehmen hängen. So auch die Bank am Bellevue mit ihrer Erstabdeckung der Aktien von Kuros Biosciences mit einer Kaufempfehlung und einem atemberaubend hohen Kursziel von 27 Franken.

Die Kuros-Aktien sprangen gestern Nachmittag kurzerhand auf 19 Franken (Quelle: www.cash.ch).

Mit einer Börsenkapitalisierung von gerade mal 120 Millionen Franken sind die Papiere des ursprünglich aus einem Spin-off der ETH Zürich entstandenen und auf orthopädische Produkte spezialisierten Unternehmens nur für hartgesottene Anleger. Kommt dazu, dass die für die Bank am Bellevue tätige Analystin noch auf Jahre hinaus mit einem operativen Verlust in zweistelliger Millionenhöhe rechnet.

Dennoch sprangen die Anleger gestern reihenweise bei Kuros Biosciences auf und bescherten den für gewöhnlich eher mässig handelbaren Aktien ein Tagesplus von gut 4 Prozent.

Der Höhenflug hiesiger Nebenwerte nimmt immer exzessivere Züge an. Kaufempfehlungen wie die vorliegende wecken in mir unwillkürlich böse Erinnerungen an frühere Übertreibungen.
 

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