Heissgelaufene Aktien - Analysten auf der Suche nach Gründen für höhere Kurse

Analysten fällt es bei einigen Schweizer Aktien zusehends schwerer, mit immer neuen Gründen für ihre Kaufempfehlungen aufzuwarten. Die Kreativität früherer Jahre lässt spürbar nach.
31.08.2018 12:30
cash Insider
Analysten auf der Suche nach Gründen für höhere Kurse
Bild: fotolia.com

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Nicht wenige Schweizer Aktien haben über die Jahre eine Kursvervielfachung erfahren. Einige sind zuletzt regelrecht heissgelaufen. Die Bewertung dieser Unternehmen ist abenteuerlich, die der Bewertung zugrundeliegenden Erwartungen übertrieben hoch und kaum noch zu erfüllen.

Allerdings hält das viele Analysten nicht davon ab, an ihren Kaufempfehlungen festzuhalten. Man könnte die letzten bis zum Kursziel verbleibenden Franken ja verpassen.

In den letzten Jahren zeigte man sich bei der Suche nach Gründen für höhere Kurse denn auch kreativ. Selbst die Gewinnverdichtung möglicher zukünftiger Aktienrückkaufprogramme oder Firmenübernahmen fanden Einzug in die Bewertungsmodelle.

Diese Kreativität scheint den Analysten immer öfter abhandenzukommen. Besser gesagt: Es fällt ihnen zusehends schwierig, mit immer neuen Kaufargumenten aufzuwarten.

Da wäre beispielsweise die Wiederabdeckung der Aktien von Givaudan mit "Overweight" und einem Kursziel von 2600 Franken durch Morgan Stanley. Bisher hatte die amerikanische Investmentbank die Papiere während einer gefühlten Ewigkeit bloss mit "Equal-weight" und einem Kursziel von 1800 Franken eingestuft.

Die Begründung für das plötzliche Umdenken: Die Aktien des Genfer Aromen- und Riechstoffherstellers hätten deutlich schlechter als jene des Branchennachbarn Symrise abgeschnitten und seien reif für eine Aufholjagd.

Die Givaudan-Aktien fallen vom Rekordhoch zurück. (Quelle: www.cash.ch)

Trotz dieser nicht gerade originellen Begründung stiessen die Papiere - von der Kaufempfehlung angetrieben - auf über 2400 Franken und damit auf den höchsten Stand in der traditionsreichen Firmengeschichte vor.

Bei den Aktien des Überfliegers Siegfried präsentiert das Unternehmen den Analysten die Kaufargumente gleich selbst auf dem Silbertablett.

Seit der Pharmazulieferer aus Zofingen eine weitere Verstärkung des Kerngeschäfts mittels einer Grossübernahme signalisiert hat, kennt die Kursentwicklung nur eine Richtung: die nach oben.

Erst vor wenigen Jahren gelang Siegfried mit der Übernahme des Pharmazuliefergeschäfts der deutschen BASF ein Quantensprung. Nun spekulieren Anleger und Analysten - unter ihnen jener von Research Partners - nicht weniger, als dass sich die Geschichte wiederholt.

Nach der Rekordjagd der letzten Wochen errechnet sich bei Siegfried seit Jahresbeginn ein Kursplus von 43 Prozent.

Die Aktien von Siegfried (rot) lassen den SPI (grün) weit hinter sich zurück. (Quelle: www.cash.ch)

Das hält Research Partners jedoch nicht davon ab, die Kaufempfehlung in Erwartung einer Grossübernahme zu bekräftigen. Neu lautet das Kursziel 515 (zuvor 480) Franken.

Viel Kreativität müsste den Analysten eigentlich Temenos - einem weiteren Überflieger - abverlangen. Im Zuge erneuter Übernahmespekulationen hangeln sich die Aktien der Bankensoftwareschmiede aus Genf seit Wochen von einem Rekord zum nächsten.

Wie schon im Januar wird dem japanischen Technologiegiganten Softbank ein Interesse an Temenos nachgesagt (siehe Temenos erneut im Zentrum von Übernahmespekulationen vom 10. August). War damals von 180 Franken je Aktie in bar die Rede, müssten die Japaner heute um einiges tiefer in die Tasche greifen.

Der spekulationsgetriebene Höhenflug hievte den Kurs der Aktien in den letzten Tagen selbst über das 175 Franken lautende Kursziel der Citigroup. Will die amerikanische Investmentbank an ihrer ursprünglichen Kaufempfehlung festhalten, muss sie sich etwas einfallen lassen.

Ich bin schon jetzt gespannt, ob und mit welchen neuen Argumenten die Citigroup aufwarten kann - und das vermutlich nicht als einzige. Denn auch Vontobel und die Deutsche Bank raten mit längst überholten Kurszielen zum Kauf der Aktien.

Selbst wenn die letzten Wochen und Monate etwas anderes erwarten lassen, so ist die Börse auch für erfolgreiche Unternehmen vom Schlag von Temenos oder Siegfried keine Einbahnstrasse nach oben (siehe Wie gefährdet sind die «Aktien der Stunde»? vom 26. Juli oder Sind teure Wachstumsaktien das einzig Richtige? vom 13. August).

Da lobe ich mir die Analysten von Kepler Cheuvreux. Nach den Herunterstufungen für die Valoren von Tecan, Straumann und Sonova (siehe  Mutige Analystin begeht einen Tabubruch vom 10. August und Medizinaltechnikanalystin von Kepler Cheuvreux wird zur «Wiederholungstäterin» vom 21. August) stufen sie heute auch jene von Logitech mit einem 50 Franken lautenden Kursziel von "Buy" auf "Hold" herunter. Bleibt zu hoffen, dass dieser Mut belohnt wird...
 

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