Ist die Gefahr eines Börsencrashs wirklich so klein?

Eine mächtige amerikanische Investmentbank hält die Wahrscheinlichkeit einer Börsenkorrektur für vernachlässigbar - Und: Weshalb die schwache Januar-Erneuerungsrunde aus Sicht der Swiss-Re-Aktionäre etwas Gutes hat.
24.02.2017 12:30
cash Insider
Ist die Gefahr eines Börsencrashs wirklich so klein?
Bild: fotolia.com

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"Aktien soll man kaufen, wenn die Kanonen donnern und diese dann verkaufen, wenn die Violinen spielen." Diese legendäre Aussage macht den im Frühling 1855 verstorbenen Carl Mayer von Rothschild zum Wegbereiter des antizyklischen Investierens. Auch heute noch hallen die Worte des deutschen Bankiers aus der Familiendynastie Rothschild an den Märkten nach.

Bis nach Übersee reichen diese Worte allerdings nicht. Oder besser gesagt, sie gehen angesichts der Rekordlaune an der Leitbörse in New York unter. Dort wird nämlich schon seit Wochen Geschichte geschrieben: In den vergangenen acht Jahren hatte der Nasdaq Composite Index nicht eine negative Jahresbilanz zu beklagen. Seit sieben Wochen reiht sich eine positive Woche an die nächste, und gestern fiel das Technologiebarometer erstmals seit nicht weniger als zehn Tagen in Folge etwas zurück.

Das Börsengeschehen in New York ist fest in der Hand von Momentum-Investoren: Schneller, höher, weiter - so lautet deren Direktive. Vor allem allgemein beliebte und bereits gut gelaufene Aktien haben es Investoren von diesem Schlag sichtlich angetan. Wüsste Carl Mayer von Rothschild davon, er würde sich wohl im Familiengrab umdrehen.

Der Nasdaq Composite Index kann auf mehrere gute Jahre in Folge zurückblicken (Quelle: www.cash.ch).

Wie ausgelassen die Stimmung jenseits des Atlantiks ist, zeigt eine mir zugespielte Strategiestudie von Morgan Stanley. Darin sorgen die im Cross Asset Research der amerikanischen Investmentbank angesiedelten Autoren für einen kräftigen Wasserschwall auf die Mühlen der Momentum-Investoren. Sie beziffern beim breit gefassten amerikanischen S&P-500-Index die Wahrscheinlichkeit eines Rückschlags von 15 oder mehr Prozent auf gerade mal 20 Prozent. Damit liegt diese ihres Erachtens nur geringfügig über der langjährigen Wahrscheinlichkeit, die den bankeigenen Berechnungen zufolge bei 18 Prozent liegt. Dabei stützen sie sich auf Kennzahlen wie die Bewertung, die Realzinsen, den Ölpreis, den handelsgewichteten Dollar oder den Zinsaufschlag für Ramschanleihen ab.

Während andere Berufskollegen die tiefe implizite Volatilität in New York zum Kauf von Put-Optionen nutzen (siehe Kolumne vom 13. Februar), raten die Strategen von Morgan Stanley ihrer Kundschaft gar zum Kauf von Call-Optionen auf den S&P-500-Index.

Anders als in Übersee hat die Goldgräberstimmung am Schweizer Aktienmarkt nahezu ausschliesslich die Nebenwerte erfasst. Allerdings lassen bei mir die jüngsten Beobachtungen in diesem Titelsegment böse Erinnerungen an die Wochen unmittelbar vor dem Platzen der Technologieblase von Anfang dieses Jahrtausends oder jenem bei den Finanzwerten vom Frühsommer 2007 wachwerden.

Denn obwohl die Aktien der beliebtesten kleinen und mittelgrossen Unternehmen am Kurs-Gewinn-Verhältnis gemessen mehr als dreimal so teuer sind wie noch vor wenigen Jahren, hangeln sie sich von einem Rekordhoch zum nächsten.

Mir ist durchaus bewusst, dass die letzten Wochen eines Booms für gewöhnlich die einträglichsten sind - vorausgesetzt man findet rechtzeitig den Ausstieg. Denn auch an der Börse gilt: Den Letzten beissen bekanntlich die Hunde.

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Wer bei Swiss Re von einem ereignisarmen, aber soliden Schlussquartal ausgegangen war, wurde gestern eines Besseren belehrt: Derivatverluste und Nachreservierungen bescherten dem Rückversicherungskonzern aus Zürich einen kräftigen Gewinnrückgang.

Mit der grosszügigen Jahresdividende und einem weiteren milliardenschweren Aktienrückkaufprogramm verhinderte das Unternehmen jedoch einen grösseren Kursrutsch.

Wenig erfreulich fielen auch die Aussagen zur jüngsten Erneuerungsrunde aus. Steigerte Swiss Re die verdienten Prämien und Kommissionseinnahmen im vergangenen Jahr um rund 10 Prozent auf 33,2 Milliarden Dollar, wurden von den im Januar auslaufenden 10,3 Milliarden Dollar nur 8,5 Milliarden Dollar erneuert - ein sattes Minus von 18 Prozent.

Die Aktien von Swiss Re (grün) bleiben über 12 Monate betrachtet weit hinter den Zurich-Aktien zurück (Quelle: www.cash.ch).

Dennoch wäre es falsch, dem Rückversicherungskonzern daraus einen Strick zu drehen. Aus Aktionärssicht hat die Absage an kaum rentable Geschäfte im Umfang von knapp 2 Milliarden Dollar sogar gute Seiten: Zum einen wird bisher gebundenes Eigenkapital frei und zum anderen erhöht sich die Gesamtrentabilität, sobald das überschüssige Kapital in der einen oder anderen Form an die Aktionäre zurückfliesst.

Mit einer Gesamtrendite von 8 Prozent für das vergangene Jahr - das Aktienrückkaufprogramm miteinberechnet - stellt Swiss Re bei den im Swiss Market Index (SMI) vertretenen Unternehmen sogar den Dividendenkönig Zurich Insurance Group in den Schatten. Mit einem Vorbehalt: Der geplante Rückkauf eigener Aktien ist an ein weiterhin schadenarmes Jahr gebunden.
 

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