Kapitulation der Leerverkäufer - Die Angst, bei Aktien falsch zu liegen, ist riesengross

Der cash Insider zieht eine weitere Zwischenbilanz bei seinen Schweizer Aktienfavoriten. Ausserdem berichtet er von Leerverkäufern am Rande der Verzweiflung.
03.05.2017 12:30
cash Insider
Die Angst, bei Aktien falsch zu liegen, ist riesengross
Bild: fotolia.com

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Der vergangene Freitag wird in die Geschichtsbücher eingehen: Im Laufe des Nachmittags kletterte der Swiss Performance Index (SPI) erstmals auf über 10'000 Punkte. Alleine seit Jahresbeginn errechnet sich für das Börsenbarometer mittlerweile ein sattes Plus von über 10 Prozent.

Als ich in meiner Kolumne vom 3. Januar der Frage nachging, ob sich von der ersten Januar-Woche Rückschlüsse auf das Börsenjahr ziehen lassen, war ich zwar damals schon zuversichtlich. Allerdings hätte ich mir nie erträumen lassen, dass der SPI diesen Meilenstein nach gerademal vier Monaten erreichen würde.

Wer unterinvestiert oder gar falsch positioniert war, für den erwiesen sich die vergangenen Wochen als äusserst schmerzhaft. Gerade dem Leerverkäufer haftet immer mehr der Ruf einer vom Aussterben bedrohten Spezies an. Auf ihn wird an den Aktienmärkten sogar gezielt Jagd gemacht.

Die Entwicklung des breit gefassten SPI seit Anfang 2009 (Quelle: www.cash.ch)

Wie Erhebungen der Nachrichtenagentur Bloomberg zeigen, laufen in New York so wenige Wetten gegen den beliebtesten börsengehandelten Fonds auf den S&P-500-Index wie unmittelbar vor Ausbruch der Finanzkrise der Jahre 2007/08 nicht mehr. Damals büssten diese Fondsanteile bekanntlich innerhalb weniger Monate mehr als die Hälfte ihres Kurswerts ein.

Auch bei uns in der Schweiz sind die Leerverkäufer auf dem Rückzug. Und wenn, dann konzentrieren sich ihre Wetten auf ein paar Spezialsituationen wie den hochverschuldeten Backwarenhersteller Aryzta oder den mit einer Auftragsflaute kämpfenden Kolbenkompressorenhersteller Burckhardt Compression.

Alte Börsenhasen wissen: Wenn sich starke Kursausschläge häufen (siehe Kolumne vom 20. April), die Leerverkäufer reihenweise ihre Handtücher werfen (siehe Kolumne vom 22. März), immer abstrusere Spekulationen um sich greifen (siehe Kolumne vom 27. April) und sich die Analysten gegenseitig mit abenteuerlich anmutenden Kaufempfehlungen überbieten (siehe Kolumne vom 25. April), dann ist eine mehrjährige Aufwärtsbewegung meist schon sehr weit fortgeschritten. Die Frage ist deshalb nicht ob, sondern viel eher wann die Stimmung an den Börsen kippt.

Dennoch erwies es sich auch im April als richtig, nahezu vollständig investiert zu bleiben - selbst wenn meine Ende Dezember kommunizierten Schweizer Aktienfavoriten für das Börsenjahr 2017 einmal mehr durch die beiden Indexschwergewichte Nestlé und Novartis ausgebremst wurden.

Mit einem durchschnittlichen Kursplus von 9,01 Prozent meiner Aktienfavoriten seit Ende Dezember ist im Vergleich zum um 10,94 Prozent höheren SPI noch nichts entschieden.

Rückblickend trauere ich den Ende Februar bei 10,80 Franken ausgestoppten Aktien von OC Oerlikon nach. Erst gestern legte der Industriekonzern aus Zürich erstmals seit über einem Jahr einen überzeugenden Zahlenkranz vor. Für viele Beobachter überraschend nahm das Unternehmen die Ergebnisveröffentlichung zum Anlass, um die Zielvorgaben für das ganze Jahr anzuheben.

Aktuelle Positionen Aktienfavoriten:

Titel

Anzahl

Einstand

akt. Wert*

Erfolg

G/V

Barmittel

   

 12'446,81

   

ABB N

465

21,50

11'327,40

1'329,90

+13,30%

Nestlé N

137

73,15

10'501,05

479,50

+4,78%

Novartis N

135

74,15

10'334,25

324,00

+3,24%

Syngenta N

24

405,90

11'097,60

1'356,00

+13,92%

Zurich N

36

279,80

9'914,40

-158,40

-1,57%

Basilea N

137

72,60

11'610,75

1'664,55

+16,74%

Burckhardt N

30

304,25

9'157,50

30,00

+0,33%

Dätwyler I

73

137,60

12'293,20

2'248,40

+22,38%

Meyer Burger N

12'600

0,79

10'332,00

+378,00

+3,80%

           

Total

   

109'014,96

 

+9,01%

* Schlusskurse vom 28. April 2017

Kräftig nach oben ging es in den letzten Tagen für die Aktien von Burckhardt Compression, angetrieben von Deckungskäufen aus dem angelsächsischen Raum. Impulse gingen dabei vom Bestellungseingang des ebenfalls in Winterthur beheimateten Mischkonzerns Sulzer aus. Wie dieser verrät, hat die Investitionsbereitschaft der für Burckhardt Compression wichtigen Kundschaft aus der Öl- und Gasindustrie in den ersten drei Monaten zumindest eine Stabilisierung erfahren. Allerdings fahren die Leerverkäufer ihre Wetten gegen den Kolbenkompressorenhersteller nur langsam zurück. Erhebungen des Beratungsunternehmens Markit zufolge wurde Ende April noch immer mit 18,3 Prozent aller ausstehenden Aktien gegen Burckhardt Compression spekuliert. Einen Monat zuvor waren es noch 18,8 Prozent. Können sich die nicht gerade sehr beliebten Valoren wieder über 300 Franken etablieren, wird es zusehends ungemütlich für die Leerverkäufer.

Als unbegründet erwies sich rückblickend die Absicherung bei den Aktien von ABB auf die Quartalszahlen hin. Am Tag der Ergebnisveröffentlichung gerieten die Papiere zwar kurzfristig unter Druck. Dennoch liessen sich die Put-Warrants nicht mit einem Kursgewinn glattstellen. So richtig zu überzeugen wusste der Industriekonzern mit seinem Zahlenkranz übrigens noch nicht. Darüber hinaus sprechen die Firmenvertreter weiterhin von einem Übergangsjahr. Womöglich stapeln sie damit jedoch absichtlich tief. Charttechnisch betrachtet ist der Aktienkurs dabei, aus einem langjährigen Seitwärtstrend nach oben auszubrechen. Dem Lehrbuch zufolge ist im Erfolgsfall mit einem Vorstoss in die Region von 28 Franken zu rechnen. Lassen wir uns überraschen...

Bisherige Transaktionen:

Datum

Titel

 

Anzahl

Kurs

 

Total

30.12.2016

Dätwyler I

Kauf

73

137,60

CHF

10'044,80-

30.12.2016

Zurich N

Kauf

36

279,80

CHF

10'072,80-

30.12.2016

Syngenta N

Kauf

24

405,90

CHF

9'741,60-

30.12.2016

Nestlé N

Kauf

134

74,65

CHF

10'003,10-

30.12.2016

Ascom N

Kauf

626

15,95

CHF

9'984,70-

30.12.2016

Basilea N

Kauf

137

72,60

CHF

9'946,20-

30.12.2016

Novartis N

Kauf

135

74,15

CHF

10'010,25-

30.12.2016

ABB N

Kauf

465

21,50

CHF

9'997,50-

30.12.2016

Nestlé N

Kauf

137

73,15

CHF

10‘021,55-

30.12.2016

OC Oerlikon N

Kauf

1‘004

9,96

CHF

9'999,84-

06.01.2017

Ascom N

Verkauf

626

15,80

CHF

9'890,80+

06.01.2017

U-blox N

Kauf

52

190,00

CHF

9'890,80-

12.01.2017

U-blox N

Verkauf

52

174,10

CHF

9'053,20+

26.01.2017

Meyer Burger N

Kauf

12'600

0,79

CHF

9'954,00-

09.02.2017

Burckhardt N

Kauf

30

304,25

CHF

9'156,50-

28.02.2017

OC Oerlikon N

Verkauf

1'004

10,80

CHF

10'843,20+

11.04.2017

Puts ABBBJZ

Kauf

7'000

0,13

CHF

910,00-

20.04.2017

Puts ABBBJZ

Verkauf

7'000

0,11

CHF

770,00+

 

Eine Enttäuschung bleiben die Aktien der Zurich Insurance Group. Bisweilen konnten diese erst gut die Hälfte des Dividendenabgangs von Ende März wieder wettmachen. Andere Versicherungswerte aus der Schweiz schnitten in den vergangenen Wochen um einiges besser ab. Mir ist durchaus bewusst, dass sich die seit dem Amtsantritt von Konzernchef Mario Greco erzielten operativen Fortschritte nicht in die Zukunft extrapolieren lassen. Dennoch bläst am Hauptsitz des traditionsreichen Versicherungskonzerns in Zürich ein frischer Wind des Aufbruchs durch die Flure. Diese Aufbruchsstimmung dürfte irgendwann auch bei den Anlegern ankommen und die Aktien in die Nähe ihrer Mehrjahreshöchstkurse von vor zwei Jahren bei 330 Franken zurückfinden lassen. Wichtige Anhaltspunkte verspreche ich mir von den morgen in einer Woche zur Veröffentlichung anstehenden Quartalszahlen.

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