Kühne Wette - Jetzt bei stark leerverkauften Aktien einsteigen?

Der viel beachtete Markttechnikexperte von Julius Bär lässt sich auf eine kühne Wette gegen mächtige ausländische Leerverkäufer ein - Und: Sind die Tage von Clariant-Chef Kottmann gezählt?
29.11.2017 12:30
cash Insider
Jetzt bei stark leerverkauften Aktien einsteigen?
Bild: fotolia.com

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An den Aktienmärkten wird den Erwartungen nicht selten ein höheres Gewicht beigemessen als den harten Fakten. Dieses massenpsychologische Phänomen spiegelt sich auch in ausgeprägten Verhaltensmustern wider.

Markttechnikexperten wiederum machen sich diese Verhaltensmuster zunutze. Zu den bekanntesten Schweizer Vertretern dieser Berufsgruppe zählt Mensur Pocinci von Julius Bär. Er macht in diesen Tagen mit einer kühnen Wette gegen ausländische Leerverkäufer von sich reden. Seinen Berechnungen zufolge schneiden übermässig leerverkaufte Aktien jeweils zwischen November und Mai überdurchschnittlich stark ab.

Die Zahlen sind beeindruckend: Über die letzten zwei Jahrzehnte liess sich mit dieser Strategie an der Leitbörse in New York jährlich gut 10 Prozent verdienen. Zum Vergleich: Im verbleibenden Jahresverlauf erwiesen sich dieselben Aktien als ein Nullsummenspiel.

Pocincis Wette beschränkt sich auf 30 amerikanische Aktien. Solche aus der Schweiz nennt er nicht. Das könnte damit zu tun haben, dass die Schweizer Börse SIX - anders als die Börsenbetreiber in New York - keine Leerverkaufsstatistik führt. Wer dennoch Informationen benötigt, ist hierzulande auf Beratungsunternehmen wie Markit angewiesen. Ihre kostenpflichtigen Dienste kann oder will sich allerdings nicht jedermann leisten.

Als übermässig leerverkaufte Aktien gelten die des Solarzulieferers Meyer Burger und des hochverschuldeten Backwarenherstellers Aryzta sowie jene von Burckhardt Compression, einem Spezialisten für Kolbenkompressoren. Doch auch die Swatch Group, Logitech, Basilea Pharmaceuticals, Dufry und AMS gelten hierzulande als beliebte Ziele.

Kursentwicklung der Aryzta-Aktien (grün) verglichen mit jenen von Meyer Burger (rot) und Burckhardt (violett). (Quelle: www.cash.ch)

Das Kursfeuerwerk bei den Valoren von Aryzta lässt vermuten, dass die Leerverkäufer ihre Wetten gegen den Backwarenhersteller in den letzten Tagen bereits kräftig reduziert haben. Wie mir berichtet wird, wurden viele von ihnen am Tag der Quartalsumsatzveröffentlichung auf dem falschen Fuss erwischt.

Schadenfreude ist eben immer noch die schönste Freude. Nur noch schöner ist, wenn ein solches Kursfeuerwerk auch gleich noch das eigene Portemonnaie füllt.

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Die grosse Liebe war es nie. Doch nun läuft der Streit zwischen den Spezialitätenchemiehersteller Clariant und dem oppositionellen Grossaktionär White Tale aus dem Ruder.

Eigentlich war ein Treffen zwischen Teilen des Verwaltungsrats und Vertretern des Finanzinvestors gedacht, um nach dem Scheitern des transatlantischen Zusammenschlusses mit Huntsman eine gemeinsame Stossrichtung zu finden. Das Gegenteil war der Fall: Die Fronten haben sich verhärtet, die Wortwahl wird ruppiger.

In einer Mitteilung an die Medien wirft Clariant dem ungeliebten Grossaktionär vor, bloss das Unternehmen zerschlagen zu wollen. White Tale wiederum zeigt sich enttäuscht und fühlt sich missverstanden.

Auf die halbherzigen Zugeständnisse - beispielsweise einen Sitz im Verwaltungsrat - lassen sich die Amerikaner gar nicht erst ein. Sie wissen: Wenn das schnelle Geld winkt, steht es selbst bei langjährigen Anteilseignern schlecht um die Loyalität zum Unternehmen.

Kursentwicklung der Clariant-Aktien vor und nach dem Schlagabtausch mit White Tale. (Quelle: www.cash.ch)

Sollte die oppositionelle Aktionärsgruppe ihre gestrige Drohung wahr machen und eine ausserordentliche Generalversammlung einberufen, sind die Tage von Konzernchef Hariolf Kottmann vermutlich gezählt.

Denn darf man Berichten aus dem hiesigen Handel Glauben schenken, kauft White Tale noch immer Aktien zu. Der Stimmenanteil liege mittlerweile näher bei 25 denn bei 20 Prozent, so wird gemunkelt. Das reicht, um eine Palastrevolution anzuzetteln.

Nach dem beeindruckenden Turnaround der letzten Jahre hätte Kottmann einen derart undankbaren Abgang nicht verdient. Unter seiner Leitung hat Clariant vieles richtig gemacht. Man kann sogar behaupten, dass der Spezialitätenchemiehersteller aus dem Baselbiet ein Opfer des eigenen Erfolgs geworden ist...
 

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