Mächtige Investmentbank rät bei Bankaktien zum Einstieg

Merrill Lynch setzt neuerdings auf Bankaktien - Stagflationsängste bei den Fondsmanagern und Vermögensverwaltern - Und: Muss Nestlé beim diesjährigen Wachstumsziel kürzer treten?
19.10.2016 12:30
cash Insider
Mächtige Investmentbank rät bei Bankaktien zum Einstieg
Bild: fotolia.com

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"L’appetit vient en mangeant", pflegen unsere französischen Nachbarn gerne zu sagen. Doch so richtig Gewicht gibt diesem Sprichwort heute nicht etwa eine französische, sondern eine amerikanische Grossbank.

Wochen nachdem die europäischen Bankaktien ihre kursseitige Talsohle durchschritten haben, stufen die für Merrill Lynch tätigen Strategen ebendiese überraschend von "Neutral" auf "Overweight" herauf.

In der mir aus London zugespielten Strategiestudie räumen die Autoren zwar ein, dass die langfristige Ertragskraft in diesem Wirtschaftszweig weiterhin mit Fragezeichen verbunden sei. Ihres Erachtens sind Bankaktien in den Wertschriftendepots der Vermögensverwalter und Fondsmanager allerdings untervertreten und das Risiko beziehungsweise die Chance damit auf kurze Sicht nach oben gerichtet. Dieser verbale Seitenhieb lässt wiederum vermuten, dass es sich bloss um eine taktische Kaufempfehlung handelt.

Impulse versprechen sich die Strategen einerseits von einer sich abzeichnenden Lösung der Bankenkrise in Italien, andererseits aber auch von den zuletzt wieder höheren Anleihenrenditen. Auch an den vergleichsweise hohen Dividendenrenditen, bei einigen Aktien derzeit mehr als 6 Prozent, finden die Experten ganz offensichtlich Gefallen.

Den Anlagekunden wird bei Merrill Lynch zum Kauf von qualitativ hochwertigen Grossbankaktien geraten. Wer nun aber denkt, dass die amerikanische Investmentbank auch die Valoren der beiden Schweizer Grossbanken zu diesen zählt, der irrt. Die Aktien der Credit Suisse werden mit "Neutral" eingestuft, jene der Erzrivalin UBS sogar mit "Underperform" und einem Kursziel von 12 Franken zum Verkauf empfohlen.

Bei der taktischen Heraufstufung europäischer Bankaktien durch Merrill Lynch handelt es sich womöglich um eine Wette gegen die unterinvestierten Fondsmanager und Vermögensverwalter. Gerade was die auf den ersten Blick attraktive Dividendenrendite anbetrifft, ist durchaus Vorsicht geboten. Denn sollte sich die Ertragskraft nicht innerhalb nützlicher Frist verbessern, wären viele Banken dazu gezwungen, ihre Ausschüttungspolitik zu überdenken.

Allerdings würde mich nicht erstaunen, wenn diese Heraufstufung unter den Strategen anderer Investmentbanken Nachahmer finden würde.

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Interessantes entnehme ich den bereits gestern veröffentlichten Ergebnissen der jüngsten Umfrage von Merrill Lynch bei Fondsmanagern und Vermögensverwaltern.

Neben einem starken Untergewicht bei den europäischen Bankaktien sticht mir in der Umfrage insbesondere die unter den Teilnehmenden grassierende Angst vor eine Stagflation ins Auge. Die Gefahr einer Kombination aus ausufernder Teuerung und wirtschaftlicher Wachstumsflaute scheint so allgegenwärtig wie letztmals im April vor drei Jahren.

Den mit der Umfrage beauftragten Mitarbeitern von Merrill Lynch zufolge sichern sich Fondsmanager und Vermögensverwalter über Schwellenländeraktien und Rohstoffe gegen eine Stagflation ab. Letztere werden von diesen erstmals seit Ende 2012 nicht mehr untergewichtet.

Daraus lese ich zwei Dinge: Erstens eine tiefe Skepsis gegenüber den führenden Zentralbanken und ihrer "Politik des billigen Geldes" und zweitens, dass die Befragten die von einer Stagflation ausgehenden Gefahren für Aktien aus den Schwellenländern in grobfahrlässiger Weise unterschätzen.

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In weniger als 24 Stunden wird Nestlé die Öffentlichkeit über die Umsatzentwicklung der ersten neun Monate informieren. Das organische Wachstum dürfte sich zwar auf 3,5 Prozent belebt haben. Ob diese Belebung ausreicht, um das für dieses Jahr gesetzte Ziel erreichen zu können, steht jedoch in den Sternen. Immerhin strebt der Nahrungsmittelhersteller aus Vevey ein mit dem Vorjahr vergleichbares organisches Umsatzwachstum von nicht weniger als 4,2 Prozent an.

Nun werden erste Stimmen laut, wonach Nestlé morgen Donnerstag zur Kürzung des diesjährigen Wachstumsziels gezwungen sei. Obschon einige Aktienanalysten schon heute von einem organischen Umsatzwachstum zwischen 3,5 und 3,7 Prozent ausgehen, wäre das ein unerwünschter Tolggen im Reinheft des Ende Dezember an die Spitze des Verwaltungsrats wechselnden Konzernchefs Paul Bulcke.

Womöglich wird die Börse in der Hoffnung auf grundlegende Veränderungen unter seinem Nachfolger Ulf Mark Schneider grosszügig über eine solche Enttäuschung hinwegschauen. Umso mehr steht dann aber der zukünftige Konzernchef in der Pflicht, den Wachstumsmotor bei Nestlé wieder auf Touren zu bringen.

 

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