Nestlé, AMS und Co. - Die Börsenwoche im Schnelldurchlauf

Der cash Insider über die beängstigende Dominanz von Nestlé, eine «amateurhafte» AMS, Beteiligungsspekulationen bei Zur Rose, stürmisches Wetter für Swiss Re sowie die Stunde der Wahrheit für Stadler Rail.
30.08.2019 12:30
cash Insider
Die Börsenwoche im Schnelldurchlauf
Bild: fotolia.com

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Auch bei uns in der Schweiz finden sich die Aktienmarktakteure in einer Achterbahn der Gefühle wieder. Die Nachrichtenlage im Handelsstreit zwischen Washington und Peking ändert sich gefühlt alle paar Stunden. Der nicht enden wollende Schlagabtausch der beiden Wirtschaftssupermächte erweist sich regelrecht als Brandbeschleuniger für Rezessionsängste.

Man kann es den Marktakteuren daher nicht verübeln, dass sie in den Aktien von Nestlé Zuflucht suchen. Der traditionsreiche Nahrungsmittelkonzern aus Vevey vereint gleich mehrere geradezu verführerische Zutaten: Einen sehr fähigen Konzernchef, ein weitestgehend von der Weltwirtschaft unabhängiges Tagesgeschäft, die Möglichkeit weiterer Bereichsverkäufe sowie eine Neuauflage des milliardenschweren Aktienrückkaufprogramms.

Allerdings nimmt die Dominanz von Nestlé am Schweizer Aktienmarkt immer mehr ein beängstigendes Ausmass an. Mittlerweile errechnet sich in diesem Jahr bereits ein Kursplus von fast 40 Prozent. Von den 1500 Punkten, um die der Swiss Market Index (SMI) seit Jahresbeginn zulegen konnte, steuerte das Schwergewicht nicht weniger als 1000 Punkte bei. Mit anderen Worten: Ohne Nestlé würde der SMI heute nicht einmal bei 9000 Punkten stehen. Was, wenn die ausländischen Milliarden eines Tages wieder aus diesem "sicheren Hafen" abfliessen...?

Die Nestlé-Aktien (rot) lassen den SMI (grün) im 12-Monats-Vergleich weit hinter sich zurück (Quelle: www.cash.ch)

Am anderen Ende des Börsenspektrums liegen die Aktien der UBS. Der grössten Schweizer Bank wird die undankbare Rolle des diesjährigen Schlusslichts unter den Vertretern aus dem SMI zuteil. Dass Todgeweihte länger leben, wissen wir spätestens seit dem gestrigen Donnerstag. Iqbal Khan - nach seinem Abgang bei der Credit Suisse zuerst als Nachfolger von Bernhard Hodler bei Julius Bär gehandelt - steigt bei der UBS ein. Das allerdings nicht wie erhofft auf dem Chefsessel. Vielmehr muss er sich in Zukunft mit Tom Naratil die Leitung des globalen Wealth Management teilen.

Und selbst wenn Khan heute schon als Nachfolger von UBS-Chef Sergio Ermotti gilt - wer auf einen baldigen Rücktritt Ermottis hoffte, wird sich jetzt wohl hintersinnen. Denn ob und wann das einstige "Wunderkind der Credit Suisse" seinen neuen Chef beerben kann, darüber lässt sich bestenfalls spekulieren. Meine Vermutung: Frühestens in ein paar Jahren.

Vielen Aktionären dürfte diese "Frischzellenkur" für die Geschäftsleitung der grössten Schweizer Bank wohl nicht weit genug gehen. Bis sich im stark fragmentierten Aktionariat der Widerstand formiert, dürfte es allerdings dauern. Auch an der Börse will Opposition gelernt sein.

Ein Eigentor schoss diese Woche AMS. Der Sensorenhersteller aus Unterpremstätten will den an der Börsenkapitalisierung gemessen grösseren Rivalen Osram übernehmen. Angeblich herrscht mittlerweile aber so etwas wie Eiszeit zwischen den beiden Unternehmen.

Mitunter ein Grund: In einem Schreiben an Kunden beider Unternehmen preisen die Österreicher ihre Übernahmepläne an. Blöd nur, dass man für dieses etwas gar voreilige Vorgehen am Hauptsitz von Osram in München überhaupt nichts übrig hat. Dort werde das Schreiben hinter vorgehaltener Hand gar als "amateurhaft" bezeichnet, will das Handelsblatt in Erfahrung gebracht haben. Zu Recht, wie ich finde. Denn noch ist die Übernahme ja nicht in trockenen Tüchern. Das letzte Wort haben wie immer die Aktionäre. Und die wären einer Offertnachbesserung der Nebenbuhler um die beiden Finanzinvestoren Bain Capital und Carlyle bestimmt nicht abgeneigt.

Eigentlich müssten die Aktionäre von AMS ja froh sein, würde der Sensorenhersteller mit seinen ambitionierten Übernahmeplänen scheitern. Mit dem Scheitern würde nämlich auch die 1,5 Milliarden Euro schwere Kapitalerhöhung hinfällig. Die Rechnung ist einfach: Je tiefer die Kurse fallen, desto mehr neue Aktien muss AMS ausgeben - was wiederum für tiefere Kurse spricht. Man braucht kein Anlageexperte zu sein, um darin einen gefährlichen Teufelskreis zu erkennen.

Über Swiss Re ziehen bedrohlich dunkle Wolken auf - nicht am Hauptsitz in Zürich, sondern vielmehr vor der Küste Floridas. Wie der für die UBS tätige Analyst Jonny Urwin schreibt, könnte der Wirbelsturm "Dorian" beim Landfall für versicherte Schäden in Höhe von 15 Milliarden Dollar sorgen und bei Swiss Re das verbleibende Budget für Naturkatastrophen ausradieren. Berechnungen des UBS-Analysten zufolge hätte das eine Reduktion seiner diesjährigen Gewinnschätzungen von bis zu 11 Prozent zur Folge. Es wäre allerdings nicht das erste Mal, dass eine beängstigende Unwetterfront als laues Lüftchen auf Land trifft und sich bloss als "Sturm im Wasserglas" erweist.

Lange wurde darüber gemunkelt, jetzt zeichnet sich ein Rückzug des bedeutendsten Aktionärs bei Zur Rose ab. Alleine am Donnerstag wechselten rund 35'000 Titel bei stark rückläufigen Kursen die Hand. Händler vermuten, dass diese Titel - oder zumindest Teile davon - aus den Beständen der KWE Beteiligungen AG stammen könnten. Ich erhoffe mir im Laufe nächster Woche wichtige Erkenntnisse. Denn der Stimmenanteil von 10,5 Prozent liegt nur knapp über dem Schwellenwert von 10 Prozent, bei dessen Unterschreiten sich der Grossaktionär als Verkäufer zu erkennen geben müsste. Ein Ausstieg des bedeutendsten Aktionärs käme einem bereinigenden Gewitterregen gleich.

Auffälliger Kursrückgang bei den Aktien von Zur Rose über die letzten zwei Wochen (Quelle: www.cash.ch)

Bei Stadler Rail naht die Stunde der Wahrheit: Am kommenden Dienstag wartet der Hersteller von Schienenfahrzeugen zum ersten Mal seit dem Börsengang von Mitte April mit Zahlen auf. Dann wird sich zeigen, ob das Kurs- und Bewertungsniveau der Aktien angemessen ist.

Alles deutet auf ein eher mageres erstes Halbjahr hin, gefolgt von einer deutlich besseren zweiten Jahreshälfte. Wie Analyst William Mackie von Kepler Cheuvreux in seinem Ausblick schreibt, dürfte Stadler Rail zwischen Januar und Juni nur 33 Prozent des für 2019 in Aussicht gestellten Umsatzes und sogar nur 19 Prozent des operativen Gewinns erzielt haben.

Das ändert jedoch nichts daran, dass die Auftragsbücher des Börsendebütanten gut gefüllt sind und der Hersteller von Schienenfahrzeugen als Gewinner eines Konjunkturpakets in Deutschland hervorgehen könnte.

Vielleicht wissen wir in einer Woche mehr, wenn es wieder heisst: Die Börsenwoche im Schnelldurchlauf.

 

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