Nun jagen die Analysten gezielt Nebenwerte

Der cash Insider beobachtet die Häufung aggressiver Kaufempfehlungen für vernachlässigte Nebenwerte wie Komax, Tecan oder Wisekey mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend.
23.08.2016 12:30
cash Insider
Nun jagen die Analysten gezielt Nebenwerte
Bild: fotolia.com

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Schon seit Wochen ähnelt am Schweizer Aktienmarkt ein Handelstag dem nächsten: Während die meisten im Swiss Market Index (SMI) vertretenen Aktien ein Mauerblümchen-Dasein fristen, spielt die Musik bei den kleinen und mittelgrossen Unternehmen. Kaum ein Nebenwert, der in diesen Tagen nicht frische Kursrekorde schreibt.

Es fliesse viel Geld in die hiesigen Nebenwertefonds und von dort aus konzentriert in die beliebtesten Aktien aus diesem Marktsegment, so lautet der Tenor.

Da viele dieser Aktien bereits stark gestiegen sind, jagen die Analysten neuerdings gezielt nach vermeintlich zurückgebliebenen Nebenwerten.

Im Vorfeld der heutigen Halbjahresergebnispräsentation sorgte die UBS bei den Aktien von Komax für ein neues Rekordhoch. Nachdem der für die Schweizer Grossbank tätige Experte die Valoren des Innerschweizer Automobilzulieferers über mehr als zwei Jahre lang nicht als kaufenswert erachtete, stufte er diese am gestrigen Tag überraschend von "Neutral" auf "Buy" herauf. In dieser Zeit kletterten die Kurse wohlverstanden von 136 auf 233 Franken.

Und obschon der Analyst seine diesjährigen Gewinnschätzungen um 7 Prozent und jene für das kommende Jahr immerhin noch um 2 Prozent reduziert, errechnet er neu ein 12-Monats-Kursziel von 270 (200) Franken für die Aktien.

Trotz ambitiös hohen neuen Mittelfristzielen machen der durchwachsene Zahlenkranz sowie der unerwartet vorsichtige Ausblick für die zweite Jahreshälfte dem Experten heute allerdings einen Strich durch die Rechnung.

Wie gross die Gier mittlerweile ist, zeigt eine Kaufempfehlung von Research Dynamics für die Valoren des Börsenneulings Wisekey.

Eigentlich hatte die Publikumsöffnung von Wisekey alle Zutaten für einen Erfolg. Allerdings sollte alles anders kommen: Ende März gerieten die Aktien des Cyber-Security-Unternehmens aus Genf gleich an ihrem ersten Handelstag unter starken Verkaufsdruck. So resultierte bei Börsenschluss gegenüber den in der Eröffnung bezahlten 12 Franken ein sattes Minus von mehr als 50 Prozent.

Alteingesessene Händler vermuteten damals, dass Personen aus dem Umfeld von Wisekey im grossen Stil Aktien auf den Markt warfen - und das quasi zu jedem Preis.

Ende Juli schossen die Kursnotierungen nach einem Zusammengehen mit dem Rivalen Openlimit innerhalb von gerademal drei Tagen um knapp 50 Prozent nach oben. Doch erneut drückten ominöse Titelverkäufe die Aktien wieder auf den Stand unmittelbar vor der Bekanntgabe des Zusammenschlusses.

Gestern nun nahm die für Research Dynamics tätige Analystin die Erstabdeckung von Wisekey mit einer positiven Einschätzung auf. Alleine schon der rechnerische faire Wert von 14,90 Franken reichte aus, um die Papiere seither um gut 17 Prozent auf 6,26 Franken klettern zu lassen.

Beim der gerademal drei kleine Schweizer Nebenwerte abdeckenden unabhängigen Analysehaus sagt man dem Cyber-Security-Unternehmen weitere Zusammenschlüsse nach dem Vorbild von Openlimit nach. Bleibt bloss zu hoffen, dass sich die Altaktionäre von Wisekey nicht mit Titelverkäufen bei Research Dynamics für die Kaufempfehlung bedanken.

Schon am Freitag stufte Julius Bär die Aktien von Tecan mit einem neu 182 Franken lautenden Kursziel von "Hold" auf "Buy" herauf. Bei der Zürcher Traditionsbank wird mit der positiven Preisentwicklung in den Absatzmärkten sowie mit einer im Zusammenhang mit neuen Produkten erwarteten Wachstumsbelebung argumentiert.

Fakt ist allerdings: Auch unter dem sehr fähigen Firmenchef David Martyr, einem ehemaligen Geschäftsleitungsmitglied des Mischkonzerns Danaher, ist der Laborausrüster aus Zürich den Erwartungen Vieles schuldig geblieben.

Da scheinen mir die Berufskollegen des für die UBS tätigen Analysten um einiges konsequenter. Immerhin stufen sie die Aktien von Logitech und Cembra Money Bank nach dem vorzeitigen Erreichen der 12-Monats-Kursziele von "Buy" auf "Neutral" herunter.

Die Frage ist nicht ob, sondern vielmehr wann die bei den Nebenwerten entstandene Bewertungsblase platzt. Wie mir berichtet wird, rät man den Anlagekunden mittlerweile sogar bei Regionalbanken zu aggressiven Umschichtungen aus den langweiligen SMI-Schwergewichten in die Nebenwerte. Womöglich steht uns das Ende des beispiellosen Höhenflugs bei den Aktien kleinerer und mittelgrosser Unternehmen unmittelbar bevor - die für Regionalbanken tätigen Kundenberater unter meinen Lesern mögen mir diese Aussage bitte verzeihen.

 

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