Offener Brief an die SNB - Was Jordan und Co. von den Chinesen lernen können

Der cash Insider mit den Einzelheiten eines offenen Briefs an die SNB. Ausserdem sagt er, was die Schweizer Währungshüter von den Chinesen lernen können. - Und: Braucht Evolva zusätzliches Kapital?
31.05.2017 12:30
cash Insider
Was Jordan und Co. von den Chinesen lernen können
Bild: fotolia.com

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Seit Freitag wird in der Schweiz ein offener Brief an die Direktoriumsmitglieder der Schweizerischen Nationalbank (SNB) herumgereicht. Darin fordert der Verfasser - ein in Zug beheimateter Vermögensverwalter - lauthals den Umtausch renditeloser Euro-Obligationen in dividendenstarke Aktien. Nur so lasse sich "unser aller Volksvermögen" vor allfälligen Staatsbankrotten und anziehender Teuerung schützen, so die Begründung.

So weit, so gut. Allerdings frage ich mich, ob zusätzliche Facebook- und Apple-Aktien unser Land wirklich weiterbringen. Denn schon heute zählt die SNB bei vielen amerikanischen Grossunternehmen zu den einflussreichsten Aktionären, hält sogar ein grösseres Paket an Facebook als Firmengründer Mark Zuckerberg. Und mit jeder Milliarde, mit der die Währungshüter gegen den stärkeren Franken intervenieren, wächst das Paket wieder ein bisschen mehr.

Die Aktien von Apple (rot) im Vergleich mit jenen von Facebook (grün) (Quelle: www.cash.ch).

Es ist mehr als ein blosser Zufall, dass sich die Schweiz auf der Liste der "Währungsmanipulatoren" wiederfindet. Für die Politik in Washington sind diese Firmenbeteiligungen nämlich schon eine ganze Weile ein rotes Tuch.

Am passiven - sprich indexnahen - Anlageansatz der SNB gibts zumindest aus finanzmathematischer Sicht nichts auszusetzen. Es wäre auch ziemlich anmassend von den Schweizer Währungshütern, gezielt Einzelwetten einzugehen.

Dennoch bleibe ich bei meiner Forderung nach einem Schweizer Staatsfonds und milliardenschweren Investitionen in die Infrastruktur. Rückblickend hätte man die zweite Gotthard-Röhre locker aus diesem Vermögen bauen lassen und diese über eine Abgabe gewinnbringend betreiben können.

Mit einem eigenen Staatsfonds liessen sich in den umliegenden europäischen Ländern strategische Firmenbeteiligungen kaufen oder rentable Infrastrukturprojekte realisieren - ganz nach chinesischem Vorbild.

Über Kredite von staatlich kontrollierten Banken an staatsnahe Unternehmen oder Investmentgesellschaften schöpft auch China quasi aus dem Nichts Milliarden - und nutzt diese für strategische Beteiligungsnahmen. Gategroup und Syngenta lassen grüssen.

Dasselbe gilt für die geradezu ausufernde Kreditvergabe im Reich der Mitte. Schon seit Jahren verlangsamt sich das Wirtschaftswachstum kontinuierlich, während das Kreditwachstum ungebrochen hoch bleibt.

Lag die gesamtwirtschaftliche Verschuldung in den von der Finanzkrise im Westen geplagten Jahre 2007/2008 noch bei weniger als 150 Prozent des Bruttoinlandprodukts, so schlägt die Schuldenquote inzwischen mit mehr als 250 Prozent der Wirtschaftsleistung zu Buche. Noch nicht darin enthalten ist der Schattenbankensektor, der in China traditionell bedingt eine tragende Rolle spielt.

Man sagt den Chinesen nicht ohne Grund nach, sie seien hervorragende Geschäftsleute. Die SNB dürfte sich bei der Anlage ihrer Fremdwährungsreserven ruhig etwas stärker am Vorbild (Infrastrukturprojekte, strategische Firmenbeteiligungen) orientieren - ohne jedoch dieselben Fehler (ausufernde Verschuldung) zu machen.

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An den Aktien von Evolva scheiden sich die Geister. Das mag damit zu tun haben, dass den starken Kursschwankungen unterliegenden Valoren des Herstellers von Nahrungsmittelzusatzstoffen der Ruf des etwas "anrüchigen Spekulationsobjekts" anhaftet.

Klare Worte findet der für die Credit Suisse tätige Analyst. Er streicht den Evolva zufliessenden Anteil aus der Zusammenarbeit mit Cargill beim Süssstoff EverSweet von 45 auf 30 Prozent zusammen. Dadurch fällt das 12-Monats-Kursziel für die mit "Neutral" eingestuften Aktien auf 0,46 (bisher 0,57) Franken.

Schon seit Wochen spüren die Evolva-Aktien die Erdanziehung wieder (Quelle: www.cash.ch).

Seines Erachtens ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Unternehmen zusätzliches Eigenkapital benötigt. Das Risiko von für die Aktionäre verwässernden Finanzierungsmassnahmen sei deshalb allgegenwärtig, so lässt der Analyst seine Kundschaft wissen.

Aufgrund umfassender Vorabinvestitionen in die Produktion von EverSweet wird Evolva noch auf Jahre hinaus Verluste schreiben und Barmittel verbrennen. Ich verharre bei diesen Aktien deshalb weiterhin an der Seitenlinie.
 

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