Schleichende Börsen-Baisse in der Schweiz

Der cash Insider sagt, weshalb sich die Begeisterung bei den Anlegern nach der jüngsten Börsenerholung in Grenzen hält - Und: Treibt Martin Ebner die Kurse seiner Firmenbeteiligungen?
19.11.2015 12:30
cash Insider
Schleichende Börsen-Baisse in der Schweiz

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Eingefleischte Börsenprofis sprechen dann von einer Baisse, wenn die Aktienmärkte um 20 oder mehr Prozent von ihren Höchstständen zurückgefallen sind. Das ist bei uns an der Schweizer Börse ganz offensichtlich nicht der Fall: Nach der Erholung der vergangenen Wochen trennen den breit gefassten Swiss Performance Index (SPI) gerade mal 5 Prozent von seiner historischen Bestmarke von Anfang August.

So weit, so gut. Allerdings hält sich die Begeisterung bei den Anlegern nach der jüngsten Börsenerholung dennoch sichtlich in Grenzen. Die Aktionäre von Transocean, LafargeHolcim, Swatch Group, Credit Suisse, Zurich Insurance Group und Adecco wissen nur zu gut, wovon ich schreibe. Diese Unternehmen haben nämlich eines gemeinsam: Sie alle haben von den Jahreshöchstständen aus betrachtet zwischen 20 und 40 Prozent ihres Börsenwerts eingebüsst und befinden sich damit in einem Stimmungstief.

Dass der breite Markt bislang kaum Schaden genommen hat, ist den dividendenstarken Indexschwergewichten zu verdanken. Gerade die Aktien von Nestlé machen ihrem Ruf als "Felsen in der Brandung" schon seit Wochen alle Ehre. Spekulationen rund um eine Anpassung des Firmenportfolios haben sie in die Nähe der bisherigen Höchstkurse klettern lassen.

Die Bons von Roche wurden hingegen von Grossinvestoren aus dem angelsächsischen Raum wiederentdeckt und notieren gerade mal 8 Prozent unter ihrer Bestmarke von Anfang Jahr.

Etwas stärker gelitten haben die Aktien von Novartis. Aufgrund der Probleme bei der Tochter Alcon dürfte eine Rückkehr in den dreistelligen Kursbereich vorerst kein Thema mehr sein. Darauf lässt auch die gestrige Herunterstufung von "Buy" auf "Neutral" durch J. Safra Sarasin schliessen.

Diese drei Aktien sind der Grund, weshalb sich der SPI in den letzten Monaten so gut halten konnte. Sie tragen nämlich gut die Hälfte zur Gesamtkapitalisierung bei.

Anders die Papiere von Transocean, die beim Börsenbarometer für weniger als 1 Prozent der Gesamtkapitalisierung verantwortlich sind: Ihnen wird bei den hiesigen Grossunternehmen mit einem Minus von 40 Prozent die undankbare Rolle des Schlusslichts zuteil. Schuld sind die weiterhin schwachen Ölpreisnotierungen sowie über die letzten Jahre aufgebaute Überkapazitäten.

Immerhin 30 Prozent unter den bisherigen Jahreshöchstkurs sind die Aktien von LafargeHolcim gefallen. Durch das Zusammengehen der beiden Weltmarktführer hat ihre Abhängigkeit von den Schwellenländern sogar noch zugenommen. Die einschneidenden Gewinnschätzungsreduktionen der letzten Tage lassen im Hinblick auf die Quartalsergebnispräsentation von kommender Woche auf eine weitere Ergebnisenttäuschung schliessen.

Einen schweren Stand haben auch die Valoren der Swatch Group. Sie trennen mittlerweile 25 Prozent vom Zwischenhoch vom Januar. Die heute veröffentlichten Uhrenexportstatistiken zeigt denn auch, wo beim Westschweizer Unternehmen der Schuh drückt: Mit einem Minus von 13 Prozent hat sich der Rückgang im Oktober weiter beschleunigt. Dass der Oktober in diesem Jahr einen Arbeitstag weniger als im letzten Jahr hatte, dämpft die Enttäuschung.

Nach einem überraschend schwachen dritten Quartal notieren die Aktien von Adecco und Zurich Insurance Group rund 20 Prozent unter den bisherigen Jahreshöchstkursen. Ähnlich präsentiert sich die Situation bei den Papieren der Credit Suisse, die zuletzt Opfer gezielter Baisse-Spekulationen aus dem angelsächsischen Raum waren. Spätestens wenn die milliardenschwere Bezugsrechtsemission überstanden ist, sollte einer Gegenbewegung nichts mehr im Wege stehen.

Bleibt aus Sicht von Schweizer Anlegern mit Heimmarktneigung zu hoffen, dass die Dividendenkarte bei den drei Indexschwergewichten weiterhin sticht und die schleichende Baisse bei den anderen Standardwerten nicht auf sie übergreift.

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Martin Ebner darf sich freuen. Mit seinen Firmenbeteiligungen verdient der einst gestrauchelte Financier für sich und seine Investoren Millionen. Alleine der Wert seines an Galenica gehaltenen Aktienpakets hat sich seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt. Seit wenigen Wochen klettern die Aktien des Berner Pharmaunternehmens von einem Rekordhoch zum nächsten.

Ähnlich verhält es sich mit den Valoren des in Burgdorf beheimateten Medizinaltechnikunternehmens Ypsomed. Auch bei diesen Aktien zeigt die Kursentwicklung seit Mitte Oktober steil nach oben. Um mehr als 30 Prozent haben sie im Zuge eines überzeugenden Zahlenkranzes für die erste Jahreshälfte zugelegt.

Anders als bei Galenica hat Martin Ebner seine an Ypsomed gehaltene Beteiligung kürzlich auf einzelne Investoren verteilt. Dadurch verringerte sich der Stimmenanteil von ursprünglich 11 auf weniger als 2 Prozent. Bei Galenica kontrolliert der Financier über die BZ Bank und seine Beteiligungsgesellschaft Patinex insgesamt 16,4 Prozent der Stimmen.

Ein weiterer Überflieger im Beteiligungsportfolio von Patinex und BZ Bank ist Temenos. Der in Genf niedergelassene Hersteller von Bankensoftware wird an der Börse heute 40 Prozent höher bewertet als noch Ende August. Das ist Wasser auf die Mühle von Martin Ebner, der mit einem kollektiven Stimmenanteil von 15 Prozent das Schwergewicht im Aktionariat von Temenos stellt.

Dass ausgerechnet diese drei Aktien seit Monaten von einem Rekord zum nächsten klettern, dürfte mehr als nur ein Zufall sein. Hat der Financier eine derart gute Hand - oder hilft er seinem Glück eventuell sogar nach, indem er die Kurse seiner Beteiligungen treibt, wie einige Händler vermuten?

Sie verweisen unter anderem darauf, dass der Financier gerade bei Galenica schon seit Jahren zahlreiche tief "im Geld" liegende Call-Warrants vor sich herschiebt. Stummer Zeuge sind die alle paar Monate zu beobachtenden ausserbörslichen Roll-Over-Transaktionen.

Darüber, was für Motive hinter diesen Derivat-Engagements stecken, lässt sich allerdings nur spekulieren. Es gilt deshalb ganz klar die Unschuldsvermutung.
 

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