Schweizer Aktienmarkt - Die bewegte Börsenwoche im Schnelldurchlauf

Der cash Insider über plötzliche Sektorrotationen, eine völlig neue Erfahrung für die Nestlé-Aktionäre, Widerstand gegen die UPC-Pläne von Sunrise, Augenwischerei bei AMS sowie Aktienanalysten in Erklärungsnot.
13.09.2019 12:30
cash Insider
Die bewegte Börsenwoche im Schnelldurchlauf
Bild: fotolia.com

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Am Schweizer Aktienmarkt neigt sich eine bewegte Woche dem Ende entgegen. Bewegt weniger im Sinne von starken Kursausschlägen, als vielmehr von der prall gefüllten geldpolitischen Agenda. Am gestrigen Donnerstag gab EZB-Chef Mario Draghi vor Medien in Frankfurt seine "Abschiedsvorstellung".

Allerdings endet seine Ära nicht mit dem erhofften Paukenschlag. Statt Neuem zauberte Draghi mehr vom Gewohnten aus dem Hut: Einerseits sollen die Geschäftsbanken zukünftig noch stärker für ihre Einlagen bei der Europäischen Zentralbank (EZB) zur Kasse gebeten werden und andererseits erfahren die milliardenschweren Wertpapierkäufe eine Neuauflage.

Die angekündigten Massnahmen reichten jedenfalls nicht aus, um den breit gefassten Swiss Performance Index (SPI) über die bisherige Bestmarke von etwas mehr als 12'300 Punkten zu hieven.

Ein ungewohntes Bild präsentierte sich in den letzten Tagen den Aktionären von Nestlé. Sektorrotationen liessen die Aktien des traditionsreichen Nahrungsmittelherstellers aus Vevey vom Rekordhoch nach unten zurückfallen.

Noch haben mächtige ausländische Grossinvestoren erst zögerlich damit begonnen, Gelder aus den hiesigen Indexschwergewichten abzuziehen. Die eigentliche Bewährungsprobe steht Nestlé und Co. - und damit dem Schweizer Aktienmarkt - aber erst noch bevor. Dann nämlich, wenn der Damm bricht und die zögerlichen Sektorrotationen zu einem Trend heranwachsen.

Seit wenigen Tagen haben die beliebten Nestlé-Aktien einen schweren Stand (Quelle: www.cash.ch)

Selbst wenn der Damm noch nicht gebrochen ist, bleibt die Erkenntnis, dass die Börse auch für Nestlé keine Einbahnstrasse nach oben ist.

Auf einer Mission der ganz besonderen Art befindet sich in diesen Tagen AMS-Chef Alexander Everke. Er muss seine Aktionäre von den Vorzügen des milliardenschweren Übernahmeangebots für die etwas grössere Osram Licht überzeugen - lässt sich der Plan doch nicht ohne frisches Geld der Aktionäre umsetzen.

Man habe eine Liste von potenziellen strategischen Käufern für das Digitalgeschäft der ehemaligen Siemens-Tochter und sei auch schon von potenziellen Käufern angesprochen worden, liess der einst sogar selber einmal für Siemens tätige Everke am Donnerstag gegenüber Wirtschaftsmedien durchblicken. Prompt erfassten Anschlusskäufe die Aktien von AMS.

Allerdings liegt die Kunst nicht darin, einen Käufer für die nicht erwünschten Unternehmensbereiche von Osram Licht zu finden, sondern vielmehr jemanden, der einen vernünftigen Preis zu bezahlen bereit ist. Von dieser Seite her betrachtet grenzt die Liste mit potenziellen strategischen Käufern schon beinahe an Augenwischerei.

Sofern sich das Bieterkonsortium bestehend aus den beiden Finanzinvestoren Bain Capital und Carlyle Group nicht doch noch zu einer Offertnachbesserung durchringt, steht AMS mit der 1,5 Milliarden Euro schweren Kapitalerhöhung die eigentliche Bewährungsprobe noch bevor. Denn je mehr der Aktienkurs fällt, desto mehr neue Titel muss der Sensorenhersteller aus Unterpremstätten dann herausgeben - ein gefundenes Fressen für ausländische Leerverkäufer.

Mit Gegenwind kämpft man auch bei Sunrise Communications. Erst traktandierte der Grossaktionär Axxion für die kommende ausserordentliche Generalversammlung die Abwahl Peter Kurers von der Spitze des Verwaltungsrats. Dann wurde bekannt, dass sich mit Active Ownership Capital (AOC) ein für seine aktive Einflussnahme bei Unternehmen berüchtigter Finanzinvestor bei der Nummer zwei im Schweizer Mobilfunkmarkt eingenistet hat. Auch er stemmt sich gegen die geplante Übernahme von UPC Schweiz.

Die Rechnung von AOC und anderen Finanzinvestoren ist schnell gemacht: Ohne Übernahme von UPC Schweiz keine milliardenschwere Kapitalerhöhung. Und ohne milliardenschwere Kapitalerhöhung sind die Aktien von Sunrise Communications - zumindest wenn es nach dem Ankeraktionär Freenet geht - locker wieder 90 Franken oder mehr wert.

Anders als der deutsche Ankeraktionär mit seinem 24,5-Prozent-Paket, kontrollieren Axxion und AOC weniger als 3 Prozent der Stimmen. Eigentlich wüsste die Finanzwelt gar nichts von den beiden Aktionären, hätte sich die Nachrichtenagentur Reuters in den letzten Tagen von den oppositionellen Finanzinvestoren nicht als Plattform missbrauchen lassen. Wie sagt der Bauer allerdings doch so schön: Auch Kleinvieh macht Mist.

Trittbrettfahrer seien an dieser Stelle gewarnt: Solche Finanzinvestoren sind bekannt dafür, für das schnelle Geld "über Leichen" zu gehen. Was zählt sind weder das Unternehmen noch seine Anspruchsgruppen, sondern knallhart Eigeninteressen.

Auch diese Woche geriet der eine oder andere Aktienanalyst in Erklärungsnot. So sah sich Analystin Marta Bruska von der Berenberg Bank bei den Aktien des Sanitärtechnikkonzerns Geberit zur Kapitulation gezwungen. Sie machte eine im Januar bei Kursen um die 360 Franken ausgesprochene Verkaufsempfehlung rückgängig und stufte die Papiere von "Sell" auf "Hold" herauf. Auch beim Kursziel gibt sich Bruska geläutert und gibt dieses neuerdings mit 430 (zuvor 230) Franken an. Zuletzt kosteten die zuvor verschmähten Aktien fast 480 Franken.

Kursentwicklung der Aktien von Geberit seit der besagten Verkaufsempfehlung (Quelle: www.cash.ch)

Nicht viel besser ergeht es Analyst Alessandro Taiana von der UBS. Nachdem sich Schmolz + Bickenbach vor wenigen Tagen zur zweiten Reduktion der diesjährigen Gewinnvorgaben innerhalb nur wenigen Wochen gezwungen sah, ist sich der UBS-Analyst seiner Kaufempfehlung für die Papiere des Edelstahlherstellers nicht mehr ganz so sicher. Er nimmt deshalb sowohl das bisherige Anlageurteil als auch das 65 Rappen lautende 12-Monats-Kursziel in negative Revision.

Ursprünglich geht die Kaufempfehlung in den Herbst 2017 zurück, als die Aktien noch 92 Rappen kosteten. Mittlerweile sind es gerade mal noch 25 Rappen. Der Berufskollege von Kepler Cheuvreux sieht die Papiere nächstens gar auf 15 (zuvor 25) Rappen tauchen.

Eine geballte Charme-Offensive starteten am gestrigen Donnerstag die Firmenverantwortlichen von Zur Rose. Auch am heutigen Freitag dem 13. präsentieren sie sich und ihr Unternehmen vor Investoren in Stockholm und Helsinki - und beweisen damit, dass sie nicht abergläubisch sind.

Kommende Woche sind weitere sogenannte Road-Shows geplant. Neben der VZ Holding werden auch Partners Group, SFS Group, Swisscom und die Banque Cantonale Vaudoise mit Vontobel unterwegs sein. Swiss Re ist hingegen mit Kepler Cheuvreux "on the Road".

Vielleicht ergeben sich dadurch beim einen oder anderen Unternehmen ganz neue Erkenntnisse, wenn es nächsten Freitag wieder heisst: Die Börsenwoche im Schnelldurchlauf.

 

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