Schweizer Aktienmarkt - «Dünner Handel wie sonst nur zur Weihnachtszeit»

Dem cash Insider zufolge werden am Schweizer Aktienmarkt lustlos Positionen hin und her geschoben. Ist das die berüchtigte «Ruhe vor dem Sturm»? Ausserdem verrät er, wie seine Favoriten im August abgeschnitten haben.
03.09.2018 12:30
cash Insider
«Dünner Handel wie sonst nur zur Weihnachtszeit»
Bild: fotolia.com

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Die Halbjahresberichterstattung bei den Schweizer Grosskonzernen ist weit fortgeschritten. Von den 20 im Swiss Market Index (SMI) vertretenen Unternehmen haben deren 19 ihren Zahlenkranz bereits veröffentlicht. Bei Richemont müssen sich die Aktionäre noch bis zum 10. September in Geduld üben. Dass der Luxusgüterhersteller erst an diesem Tag mit dem Zwischenbericht für die ersten fünf Monate aufwartet, hat einen einfachen Grund: Das Geschäftsjahr von Richemont beginnt am 1. April des einen und endet am 31. März des darauffolgenden Jahres.

Die Zwischenbilanz ist schon jetzt erfreulich. Zu überzeugen wussten für einmal vor allem die drei Schwergewichte Nestlé, Roche und Novartis. Sie bescherten in den letzten Wochen auch dem breit gefassten Swiss Performance Index (SPI) eine Erholung von mehreren hundert Punkten.

Auf der Suche nach neuen Impulsen dürfte der Schweizer Aktienmarkt in den kommenden Wochen erst einmal eine Selbstfindungsphase durchleben. Im Zentrum steht dabei die Frankenentwicklung - immer im Wissen, dass nach der (Halbjahres-)Berichterstattung auch vor der Berichterstattung (für das dritte Quartal) ist. Wie sehr die hiesigen Unternehmen unter der Last des erstarkten Frankens ächzen, werden wir voraussichtlich ab Mitte Oktober erfahren.

Bis dahin werden wohl oder übel die Schlagzeilen rund um die Handelsquerelen zwischen den Vereinigten Staaten und China, die für die zweite Hälfte September angesetzten Sitzungen führender Zentralbanken sowie den politischen Kurs unseres südlichen Nachbarn Italien über steigende oder fallende Aktiennotierungen entscheiden.

Anders als die hiesigen Aktienindizes schreibt die Leitbörse in New York einen Rekord nach dem nächsten. Die Musik dort spielt so laut, dass sie bis zu uns zu hören ist. Wie Erhebungen der britischen Barclays zeigen, hatten in europäische Aktien investierende Fonds in den letzten sechs Monaten Nettoabflüsse in Höhe von umgerechnet 55 Milliarden Franken zu beklagen. Das sind nicht weniger als 4 Prozent der verwalteten Vermögen. Davon flossen wiederum fast 20 Milliarden Franken in Fonds, welche in amerikanische Aktien investieren.

Wie mir ehemalige Ringhändler berichten, werden bei uns am Heimmarkt seit Tagen lustlos Positionen hin und her geschoben. Es überrascht deshalb nicht, dass die Umsätze so dünn sind wie sonst nur zur Weihnachtszeit.

Vergangene Woche bewegte sich der SMI in einem ungewohnt engen Handelsband von gerademal 70 Punkten. In der Woche zuvor waren es magere 80 Punkte. Fragt sich, ob es sich nicht um die berüchtigte "Ruhe vor dem Sturm" - und damit um den Vorboten einer stärkeren Kursbewegung - handelt...?

Kein Geld zu verlieren sei im aktuellen Börsenumfeld fast unmöglich, schrieb ich vor wenigen Wochen an dieser Stelle. Und tatsächlich muss ich mir rückblickend den Vorwurf gefallen lassen, gleich mehrere Unternehmen völlig falsch eingeschätzt zu haben.

Die Zwischenbilanz ist ernüchternd. Ende August hatten die im Dezember kommunizierten Schweizer Aktienfavoriten für das Börsenjahr 2018 durchschnittlich 5,1 Prozent weniger wert. Dem steht ein gerademal um 0,6 Prozent tieferer SPI gegenüber.

Dass eine hohe Dividendenrendite nicht vor Kursverlusten schützt, beweisen die Dogs of the SMI. Sie weisen gar ein Minus von 7,3 Prozent auf.

Bilanz der letzten Jahre

Jahr Aktienfavoriten SPI
2013 +40,1 Prozent +23,9 Prozent
2014 +11,4 Prozent +15,2 Prozent
2015 +  4,1 Prozent +  2,4 Prozent
2016 -   3,7 Prozent -   1,7 Prozent
2017 +23,6 Prozent +20,1 Prozent
2018* -    5,1 Prozent -   0,6 Prozent

* Schlusskurse vom 31. August 2018

Immer mehr zum Sorgenkind verkommt Basilea. Das Halbjahresergebnis bewegte sich beim Pharmahersteller aus Basel zwar im Rahmen der Analystenschätzungen. Das Antimykotikum Cresemba verkaufte sich insgesamt sogar besser als erwartet, was es dem Unternehmen ermöglichte, die diesjährigen Zielvorgaben für den Produktabsatz zu erhöhen.

Und dennoch brach der Aktienkurs in den darauffolgenden Tagen regelrecht weg. Mitunter ein Grund: Das aussichtsreiche Antibiotikum Ceftobiprole auf den amerikanischen Markt zu bringen ist mit hohen Vorabinvestitionen verbunden. Dasselbe gilt für den Vorstoss ins Geschäft mit Krebsmedikamenten - wobei die Erfolgsaussichten in beiden Fällen nur schwer abschätzbar sind. Was es nun bräuchte, sind Erfolgsmeldungen.

Freude bereitet mir hingegen der Neuzugang AMS (siehe Gibts bei der AMS-Aktie ein Kursfeuerwerk? vom 23. August). Am Freitag nahmen die Aktien des Sensorenherstellers bei 75,75 Franken eine wichtige charttechnische Hürde. Die nächsten ernstzunehmenden Hürden verlaufen erst wieder zwischen 79 und 82 Franken. Der Leidensdruck der Leerverkäufer - der Beratungsfirma Markit zufolge spekulieren sie noch immer mit fast 18 Prozent der ausstehenden Aktien gegen AMS - wird von Tag zu Tag grösser.

Auch in diesem Jahr hat der Grosskunde Apple für den 12. September eine Präsentation seiner neusten Produkte angekündigt. Darf man Firmenkennern Glauben schenken, wird das amerikanische Kultunternehmen der Weltöffentlichkeit an diesem Tag gleich drei neue iPhone-Modelle vorstellen.

Und auch wenn einige Leerverkäufer in den letzten Tagen anders lautende Gerüchte streuten, sollte erneut die 3D-Sensortechnik von AMS für die Gesichtserkennung mit an Bord sein. Das lassen zumindest Informationen des asiatischen Technologieportals Digitimes, wonach die Nachfrage nach 3D-Sensoren zuletzt kräftig anzog, vermuten.

Ich ziehe die Stop-Loss-Limite bei dieser Titelposition fürs erste von 63,30 auf 70,20 Franken nach.

Aktuelle Positionen Aktienfavoriten

Titel Anzahl Einstand akt. Wert* Erfolg G/V
Barmittel     12'593,95    
ABB N 385 26,00   8'797,25 -1'212,75 -12,12 Prozent
LafargeHolcim N 182 54,95   8'590,40 -1'410,50 -14,10 Prozent
Nestlé N 120 83,40   9'765,60 -   254,40 -  2,54 Prozent
Roche GS 40 246,80   9'632,00 -   240,00 -  2,43 Prozent
AMS I 145   69,26 11'133,10 +1'090,40 +10,86 Prozent
Basilea N 132 75,50   7'999,20 -1'966,80 -19,74 Prozent
Clariant N 400 25,50   9'688,00 -    512,00 -   5,02 Prozent
Dufry N 69 144,80    8'273,10 -1'718,10 -17,20 Prozent
OC Oerlikon N 600 16,87   8'472,00 -1'650,00 -16,30 Prozent
           
Total     94'944,60   -  5,06 Prozent

* Schlusskurse vom 31. August 2018

Über ABB wurde in den letzten Wochen bereits eine ganze Menge geschrieben. Auch ich machte den Industriekonzern aus Zürich gleich mehrmals zum Thema meiner Kolumne (siehe Ist ABB-Chef Spiesshofer «realitätsfremd»? vom 7. August, Steht ABB vor der nächsten Milliardenübernahme? vom 14. August, Erhält ABB Milliardenaufträge aus Deutschland? vom 21. August und ABB: Verkauf von Power Grids ein Fehler? vom 24. August).

Die geballte Ladung ABB lässt sich wie folgt zusammenfassen: Im Aktionariat brodelt es. Grosse Aktionäre wie Cevian Capital oder Artisan Partners verlieren langsam aber sicher die Geduld mit Ulrich Spiesshofer. Das setzt den langjährigen Konzernchef unter Druck. Die Nachrichtenagentur Bloomberg sieht im Verkauf des Stromnetzgeschäfts den geeigneten strategischen Befreiungsschlag. Mit 10 bis 12 Milliarden Dollar dürfte die Problemsparte heute fast doppelt so viel Wert haben wie noch vor ein paar Jahren.

Angesichts des aufgestauten Investitionsbedarfs in die Stromübertragungsinfrastruktur würde ich persönlich es aber begrüssen, wenn ABB das Stromnetzgeschäft als eigenständiges Unternehmen an die Börse bringen und die Aktien den eigenen Aktionären in Form einer Sachdividende ausschütten würde. Jeder Aktionär könnte dann selbst darüber entscheiden, ob er Kasse machen oder aber auf den Dammbruch bei den Investitionen warten will.

Die Aktien des Mutterhauses ABB scheinen mir bei Kursen unter 23 Franken jedenfalls attraktiv - unabhängig davon, ob der strategische Befreiungsschlag kommt oder nicht.

Aktuelle Positionen «Dogs of the SMI»

Titel Anzahl Einstand akt. Wert* Erfolg G/V
Barmittel       2'262,30    
LafargeHolcim N 185 53,90   8'732,00 -1'239,50 -12,43 Prozent
Roche GS 41 244,00   9'872,80 -    131,20 -  1,31 Prozent
Swisscom N 19 520,50   8'225,10 -1'664,40 -16,83 Prozent
Swiss Re N 108 92,20   9'413,28 -   544,32 -  5,47 Prozent
Zurich N 33 298,10   9'741,60 -      95,70 -  0,97 Prozent
           
Total     48'247.08   -  7,34 Prozent

* Schlusskurse vom 31. August 2018

Dasselbe gilt für die Valoren von OC Oerlikon. Die Angst vor einer überteuerten Verstärkung des Kerngeschäfts mittels einer Übernahme der Oberflächentechnologiesparte von Praxair hat zuletzt tiefe Spuren in der Kursentwicklung hinterlassen.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass erst der Verkauf von Drive Systems an Dana für umgerechnet 600 Millionen Franken überhaupt die Grundvoraussetzung für eine solche Grossübernahme geschaffen hat.

Ob die Oberflächentechnologiesparte von Praxair überhaupt noch erhältlich ist, steht auf einem anderen Blatt - stösst der ursprünglich geplante Zusammenschluss des amerikanischen Gasriesen mit der deutschen Linde bei den Wettbewerbshütern doch auf überraschend starken Widerstand.

Ich bleibe dabei: Eine Übernahme der besagten Geschäftsaktivitäten für geschätzte 2 Milliarden Dollar käme für OC Oerlikon einem Quantensprung gleich. Egal ob mit oder ohne Grossübername - die Aktien sind auf dem aktuellen Kursniveau alleine schon der randvollen Auftragsbüchern wegen fast ein "blinder" Kauf.

Bisherige Transaktionen

Datum Titel   Anzahl Kurs   Total
29.12.2017 Burckhardt N Kauf 32 315,50 Franken 10'096,00-
29.12.2017 Roche GS Kauf 40 246,80 Franken 9'872,00-
29.12.2017 Basilea N Kauf 132 75,50 Franken 9'966,00-
29.12.2017 Nestlé N Kauf 120 83,50 Franken 10'020,00-
29.12.2017 Dufry N Kauf 69 144,80 Franken 9'991,20-
29.12.2017 ABB N Kauf 385 26,00 Franken 10'010,00-
29.12.2017 LafargeHolcim N Kauf 182 54,95 Franken 10'000,90-
24.01.2018 Burckhradt N Verkauf 32 364,25 Franken 11'656,00+
07.02.2018 Clariant N Kauf 400 25,50 Franken 10'229,00-
15.02.2018 Put WLHBRV Kauf 3'640 0,25 Franken 939,00-
05.03.2018 Put WLHBRV Verkauf 3'640 0,36 Franken 1'281,40+
16.04.2018 Call AMIFJB Kauf 3'300 0,455 Franken 1'530,50-
16.04.2018 Put AMPRJB Kauf 3'300 0,455 Franken 1'530,50-
24.04.2018 Call AMIFJB Verkauf 3'300 0,09 Franken 268,00+
24.04.2018 Put AMIFJB Verkauf 3'300 0,971 Franken 3'175,30+
04.05.2018 OC Oerlikon N Kauf 600 16,87 Franken 10'151,00-
04.05.2018 Put DUFATZ Kauf 2'760 0,17 Franken 498,20-
08.05.2018 Put DUFATZ Verkauf 2'760 0,12 Franken 364,00+
29.05.2018 Meyer Burger N Kauf 4'500 1,12 Franken 5'069,00-
13.06.2018 Meyer Burger N Verkauf 4'500 0,98 Franken 4'381,00+
23.08.2018 AMS I Kauf 145 69,26 Franken 10'071,70-

 

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