Schweizer Aktienmarkt - Eine bewegte Börsenwoche im Schnelldurchlauf

Der cash Insider kommentiert die wichtigsten Börsenereignisse. Diese Woche: Unilever-Virus befällt Nestlé, Clariant-Aktionäre zum Warten verdammt, orchestrierter Angriff auf AMS und eine unfeine Sache bei Schindler.
20.12.2019 12:30
cash Insider
Eine bewegte Börsenwoche im Schnelldurchlauf
Bild: fotolia.com

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Mit dem Vorstoss auf ein neues Rekordhoch setzt der Swiss Market Index (SMI) den zurückliegenden fünf Handelstagen die Krone auf. Der letzte grosse Derivatverfall in diesem Jahr lässt die Kurse der drei Indexschwergewichte Nestlé, Roche und Novartis am heutigen Freitag kräftig steigen.

Gerade bei Nestlé müssen sich die Haussiers allerdings auf einen Schlagabtausch mit den Baissiers einlassen. Für Wasser auf die Mühlen letzterer sorgte am Dienstag ausgerechnet der ewige Erzrivale Unilever. Er dämpfte die diesjährigen Wachstumsvorgaben und rief damit auch den Nestlé-Aktionären in Erinnerung, dass auch der Nahrungsmittelhersteller aus Vevey mit hohen Erwartungen zu kämpfen hat. Einige amerikanische Investmentbanken - unter ihnen die mächtige J.P. Morgan - rechnen im Schlussquartal mit einer weiteren Wachstumsbelebung. Ihre diesjährigen Wachstumserwartungen liegen über den firmeneigenen Zielvorgaben. Nur so lassen sich die Kursziele von 120 Franken und mehr überhaupt noch rechtfertigen.

Noch müssen sich die Aktionäre bis Mitte Februar in Geduld üben. Erst dann wird sich zeigen, ob Nestlé eine weitere Wachstumsbeschleunigung gelingt, während andere Rivalen wie Unilever so langsam unterwegs sind wie seit zehn Jahren nicht mehr. Meine Vermutung: Die Westschweizer dürften sich im Schlussquartal ordentlich geschlagen haben, den ambitioniert hohen Erwartungen einiger Analysten aber dennoch nicht gerecht werden.

Verfrühte Bescherung - wenn auch nur verbaler Art - gab es am Donnerstag für die Aktionäre von Clariant. Mit der amerikanischen PolyOne hat der Baselbieter Spezialitätenchemiehersteller endlich einen Käufer für das Geschäft mit Masterbatches gefunden. Vom Verkaufserlös in Höhe von umgerechnet 1,5 Milliarden Franken kommt rund eine Milliarde Franken über eine Sonderdividende den Aktionären zu.

Die Clariant-Aktien reagieren mit einem Kurssprung auf die Sonderdividende (Quelle: www.cash.ch)

Einziger kleiner Schönheitsfehler: Die Aktionäre müssen voraussichtlich bis in den Spätherbst nächsten Jahres warten. Erst dann fliesst das Geld. Das dürften sich insbesondere die Hedgefonds im Aktionariat von Clariant vermutlich anders vorgestellt haben, sind diese doch nicht gerade für ihre Geduld bekannt.

Nicht wie beim Kino-Epos "Star Wars" einem "Angriff der Klon-Krieger", sondern vielmehr einem Angriff ausländischer Leerverkäufer sieht sich AMS ausgesetzt. Aus mehreren Londoner Quellen höre ich gar von einem orchestrierten Angriff mächtiger Leerverkäufer. Und tatsächlich fällt mir auf: Es wird kräftig Stimmung gegen den Sensorenhersteller gemacht.

Diesen Schlamassel hat AMS-Chef Alexander Everke sich selbst und seinen milliardenschweren Übernahmeplänen zuzuschreiben. Im Wissen, dass seine Arbeitgeberin finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet und erst noch kleiner als Osram Licht ist, haben diese schon beinahe Wettcharakter. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich dieses Abenteuer ohne die für Januar angesetzte Kapitalerhöhung nie und nimmer stemmen liesse.

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, ist die Rechnung der Leerverkäufer denkbar einfach: Je tiefer sie den Aktienkurs im Vorfeld der Kapitalerhöhung mit Baissespekulationen drücken können, desto günstiger kommen sie die neu ausgegebenen Aktien zu stehen, mit welchen sich ihre Wetten letztendlich dann schliessen lassen.

Der Aktienkurs von AMS ist in den letzten zwei Wochen bereits stark gefallen (Quelle: www.cash.ch)

Aus der Seele sprach mir diese Woche Andrew Gardiner von der britischen Barclays. Der bekannte Technologieanalyst befürchtet, dass AMS einen kostspieligen Fehler begeht. In den als zukunftsträchtig geltenden Bereichen VCSEL und microLED sieht er zwar durchaus Anknüpfungspunkte zwischen den beiden Unternehmen. Allerdings steuern die besagten Bereiche keine 10 Prozent zum Jahresumsatz bei. Die übrigen 90 Prozent des Jahresumsatzes erzielt Osram Licht mehrheitlich mit wachstumsschwachen und für die Käuferin wohl eher uninteressanten Produkten.

Interessant ist, dass sich die Leerverkäufer wohl selber nicht ganz einig sind. Denn während die einen im grossen Stil neue Wetten aufbauen, nutzen andere die rückläufigen Kurse, um zuvor leerverkaufte Aktien zurück zu erwerben.

Hochmut kommt vor dem Fall - das pflegten schon meine Grosseltern stets zu sagen. Bleibt weniger für AMS-Chef Everke, als vielmehr für seine Belegschaft und die Aktionäre zu hoffen, dass seine Wette letztendlich aufgeht.

Diese Woche warfen Titelverkäufe aus dem Verwaltungsrat des Aufzugherstellers Schindler hohe mediale Wellen. Zuerst trennte sich der langjährige Patron Alfred Schindler und sein Verwaltungsratspräsident Silvio Napoli für insgesamt gut 11 Millionen Franken von sämtlichen ihrer Partizipationsscheine. Dann folgte ein Verkauf von Namenaktien mit einem Verkehrswert von gut 6 Millionen Franken. Auch hinter dieser zweiten Transaktion wird Alfred Schindler vermutet.

Angesichts der stark gestiegenen Kurse kann man den beiden keinen Vorwurf machen. Dass der Aufzughersteller kurz nach den Titelverkäufen einräumen musste, dass ihm eine Busse durch die israelischen Wettbewerbshüter droht, kommt dann aber doch etwas unfein daher - selbst wenn die Busse gerade mal 1,3 Millionen Franken beträgt.

Und dann wären da noch die Abspaltungspläne von ThyssenKrupp für die Aufzugssparte. Bis vor wenigen Tagen sah alles danach aus, als ob der deutsche Stahlriese die in Konkurrenz zu Schindler stehenden Geschäftsaktivitäten als eigenständiges Unternehmen an die Börse bringen werde. Doch nun ist angeblich alles wieder anders. Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, scheint ein Verkauf an einen finanzkräftigen Rivalen nun doch die wahrscheinlichere Option - eine Intensivierung des Wettbewerbs für alle übrigen Anbieter inklusive.

Vielleicht haben ja auch diese Überlegungen die beiden Exponenten von Schindler dazu bewogen, auf einigen ihrer Titelbestände Kasse zu machen.

Neuigkeiten gibt es auch bei Autoneum. Die beiden grössten Aktionäre Peter Spuhler und Michael Pieper gewähren dem mit hausgemachten Problemen kämpfenden Automobilzulieferer aus Winterthur zwei nachranginge Darlehen in Höhe von je 20 Millionen Franken.

Die Ankeraktionäre würden damit nicht nur ihr persönliches und finanzielles Engagement unterstreichen, sondern auch ihr Vertrauen in das Unternehmen verdeutlichen, so ist der Medienmitteilung in schwulstigem Deutsch zu entnehmen.

Ganz so uneigennützig wie es den Anschein macht, sind die nachrangigen Darlehen der beiden Ankeraktionäre dann aber doch nicht. Vielmehr müsste man hier eigentlich von einer lukrativen Anlagemöglichkeit für die beiden bekanntlich in Barmittel schwimmenden Industriellen sprechen - selbst wenn sich Autoneum in Bezug auf die Konditionen in Schweigen hüllt.

Ob der Schweizer Aktienmarkt kommende Woche an die heutigen Rekorde anknüpfen kann, wissen wir in einer Woche, wenn es wieder heisst: Die Börsenwoche im Schnelldurchlauf. Für gewöhnlich verabschieden sich die Grossinvestoren mit dem Derivatverfall vom dritten Freitag im Dezember in den Festtagsurlaub. Uns stehen deshalb wohl volumenarme letzte Handelstage des Jahres bevor...

 

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