Schweizer Aktienmarkt - Eine ziemlich verrückte Börsenwoche im Schnelldurchlauf

Egal ob Spekulationen um Stadler Rail, Autoneum und EFG, eine unterkühlte Börsenreaktion bei Nestlé oder Vorschusslorbeeren für ABB: Der cash Insider kommentiert die wichtigsten Börsenereignisse der Woche.
13.12.2019 12:30
cash Insider
Eine ziemlich verrückte Börsenwoche im Schnelldurchlauf
Bild: fotolia.com

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Von wegen ruhige und besinnliche Adventszeit: Die vergangenen fünf Handelstage hatten es faustdick hinter den Ohren - selbst wenn die saisonal eher dünnen Umsätze etwas anderes vermuten lassen. Der Montag war erst wenige Stunden alt, da überschlugen sich in der hiesigen Unternehmenswelt die Ereignisse: Der Automobilzulieferer Autoneum kappte zum gefühlt hundertsten Mal die diesjährigen Zielvorgaben, die altehrwürdige Bank Vontobel gab den Rückzug aus weiten Teilen des kapitalintensiven Investment Bankings bekannt und der Mischkonzern Conzzeta gab nichts geringeres als die Zerschlagung in einzelne voneinander unabhängige Unternehmen bekannt. Unter dem Firmendach verbleibt nur noch die Blechbearbeitung. Und als ob das nicht schon genug wäre, hiess die Finma die von Schmolz+Bickenbach eingereichte Beschwerde gegen einen Entscheid der Eidgenössischen Übernahmekommission gut und schuf so die Grundvoraussetzung für eine Rettung des finanziell angeschlagenen Edelstahlherstellers. Und auch der sich abzeichnende Sieg des Sensorenherstellers AMS über die abtrünnigen Osram-Aktionäre hielt meine Redaktionskollegen in Zürich mächtig auf Trab.

Hinzu kamen die üblichen Titelumstufungen, wie etwa eine Herunterstufung des diesjährigen Börsenüberfliegers Landis+Gyr von "Neutral" auf "Underweight" durch die amerikanische Investmentbank J.P. Morgan oder der genauso beliebten Aktien des Dentalimplantateherstellers Straumann von "Buy" auf "Neutral" durch die UBS.

Es sollten nicht die einzigen Umstufungen bleiben: Viel Zuspruch erhielt für einmal ABB. Mit der UBS sowie der britischen Barclays sprachen gleich zwei einflussreiche Banken Kaufempfehlungen für die Valoren des schweizerisch-schwedischen Industriekonzerns aus. Dass beide ihr Kursziel auf 26 Franken erhöhten, ist vermutlich bloss ein Zufall. Kein Zufall dürfte sein, dass die ganze Woche über grössere Aktienblöcke ausserbörslich die Hand wechselten.

Im Hinblick auf den Wechsel des ehemaligen Sandvik-Chefs Björn Rosengren an die Spitze von ABB scheint man sich wieder für dessen zukünftigen Arbeitgeber zu interessieren. Auch die Hoffnung auf einen grundlegenden Konzernumbau und die Rückführung des milliardenschweren Erlöses aus dem Verkauf des Stromnetzgeschäfts an die Aktionäre verlieh den Papieren zuletzt kräftig Rückenwind.

Wie Konzernumbau für Fortgeschrittene geht, stellte am Mittwochabend Nestlé-Chef Mark Schneider unter Beweis. Er verkaufte kurzum das amerikanische Eiscrème-Geschäft für 4 Milliarden Dollar an Froneri - und damit teilweise an seinen Arbeitgeber selbst. Dem Nahrungsmittelmulti aus Vevey gehören nämlich 44,5 Prozent an diesem Joint-Venture.

Mit dem Kursanstieg der letzten 12 Monate nehmen die Nestlé-Aktien schon vieles vorweg (Quelle: www.cash.ch)

Dennoch dürften die Geschäftsaktivitäten unter dem Dach von Froneri gut aufgehoben sein, winken doch umfassende Skalen- und Synergieeffekte. Ausserdem besitzt das Joint-Venture nun die kritische Grösse, um sich gegen mächtige Rivalen wie etwa Unilever behaupten zu können.

Die Börse reagierte allerdings überraschend unterkühlt. Womöglich hatte man sich bahnbrechendere Neuigkeiten erhofft - zumal ja auch die auf Tiefkühlkost spezialisierte Tochter Herta auf dem Prüfstand steht.

Auch bei etwas über 100 Franken nehmen die Aktien von Nestlé einiges an Zukunftsmusik - sprich eine Fortsetzung des Konzernumbaus sowie weitere Aktienrückkäufe - vorweg.

Während sich der Sensorenhersteller AMS wohl als "Gewinner der Woche" bezeichnen würde, zählen seine Aktien zweifelsfrei zu den "Verlierern der Woche". Mächtige ausländische Marktakteure quittierten die Erfolgsmeldung rund um die Übernahme von Osram mit aggressiven Leerverkäufen.

Ihre Rechnung ist genauso einleuchtend wie auch einfach: Je tiefer sie den Aktienkurs im Vorfeld der milliardenschweren Kapitalerhöhung mit Leerverkäufen drücken können, desto günstiger kommen sie an die neu ausgegebenen Aktien, um ihre Wetten dann wieder schliessen zu können. Und die Leerverkäufer haben gleich noch ein Ass im Ärmel: Sollte der Sensorenhersteller noch tiefer in die Tasche greifen müssen, um bei Osram die entscheidende Dreiviertelmehrheit erreichen zu können, kommen ihn die Übernahmepläne sogar noch teurer.

Auch für Börsenspekulationen war diese Woche wieder gesorgt. Sowohl bei Autoneum als auch bei Stadler Rail muss Peter Spuhler gerüchtehalber als Käufer von Aktien herhalten. Beim schlingernden Automobilzulieferer ist Spuhler Ankeraktionär, beim Eisenbahnbauer Firmenpatron und Mehrheitsaktionär. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Stadler-Rail-Chef bei den Aktien des erst im April an die Börse gebrachten Schienenfahrzeugherstellers zugreift. Auch die Übernahmespekulationen um EFG International kochen wieder hoch. Angeblich führen Julius Bär und der Vermögensverwalter Verhandlungen auf höchster Ebene. Da beide Unternehmen mit hausgemachten Problemen aus vergangenen Tagen zu kämpfen haben, weiss ich nicht, ob ein solcher Zusammenschluss auch tatsächlich Aktionärswerte schafft. Ich lasse mich aber gerne eines Besseren belehren.

Emotionale Achterbahnfahrt der Aktien von EFG International in den letzten zwei Wochen (Quelle: www.cash.ch)

Zum Sorgenkind verkommt Alcon, wobei dem in der Augenheilkunde tätigen Unternehmen schon unter dem Dach des früheren Mutterhauses Novartis diese undankbare Rolle zuteil wurde. Am Mittwoch fiel der Aktienkurs vorübergehend auf 53,74 Franken und damit auf den tiefsten Stand seit der Rückkehr an die Börse von Anfang April. Angeblich befinden sich noch immer angelsächsische Grossinvestoren auf dem Rückzug aus dem Aktionariat.

Ob sich die Aktien von Alcon wieder fangen können und ob aus dem Flirt von Julius Bär mit EFG International etwas Ernstes wird, wissen wir spätestens in einer Woche, wenn es wieder heisst: Die Börsenwoche im Schnelldurchlauf.

 

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