Schweizer Aktienmarkt - Sind die vielen Aktienabstufungen ein gutes Börsenomen?

Eingefleischten Profis sind die jüngsten Kursgewinne nicht mehr ganz geheuer. Der cash Insider geht nun der Frage nach, ob die vielen Aktienabstufungen nicht sogar ein gutes Börsenomen sind.
12.12.2019 12:30
cash Insider
Sind die vielen Aktienabstufungen ein gutes Börsenomen?
Bild: fotolia.com

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Seit wenigen Wochen vergeht kaum ein Tag, ohne dass nicht irgendein Analyst seinen Daumen über einer Aktie aus der Schweiz senkt. Das zeigt: Im Zuge steigender Kurse bei gleichzeitig rückläufigen Gewinnerwartungen ist bei so manchem Unternehmen die Bewertung an einem Punkt angelangt, an dem sie sich kaum noch rechtfertigen lässt. Mittlerweile scheint es selbst eingefleischten Profis nicht mehr ganz wohl bei der Sache zu sein.

Das gilt insbesondere für einige der diesjährigen Börsenüberflieger, beispielsweise für Landis+Gyr. Im Sommer vor zwei Jahren kehrte das Schweizer Industrie-Urgestein an die Schweizer Börse zurück. Mit einem Kursplus von mehr als 80 Prozent zählen die Aktien des Stromzählerherstellers - allen Anlaufschwierigkeiten nach dem Börsengang zum Trotz - zu den Abräumern in diesem Jahr.

Zu viel für Andrew Wilson. Der für die amerikanische Investmentbank J.P. Morgan tätige Analyst stuft die Papiere von "Neutral" auf "Underweight" herunter, was einer Verkaufsempfehlung gleichkommt. Vom 85 (zuvor 81) Franken lautenden Kursziel lässt sich auf eine Rückschlagspotenzial von mehr als 15 Prozent schliessen. Wilson lässt keine Zweifel daran, dass er das Unternehmen für überteuert und die Gewinnerwartungen vieler seiner Berufskollegen für übertrieben optimistisch hält.

Landis+Gyr hat sich an der Börse völlig rehabilitiert (Quelle: www.cash.ch)

Treibende Kraft hinter dem Vorstoss der Aktien von Landis+Gyr in den dreistelligen Frankenbereich waren übrigens Deckungskäufe seitens mächtiger ausländischer Leerverkäufer. Letztere haben sich so richtig die Finger am Börsenrückkehrer verbrannt.

Analyst Kamran Hossain bei der Royal Bank of Canada ist hingegen der Höhenflug der dividendenstarken Valoren der Zurich Insurance Group ein Dorn im Auge. Er erhöht das Kursziel zwar auf 395 (zuvor 380) Franken, passt sein Anlageurteil jedoch von "Outperform" auf "Sector Perform" an.

Hossain erachtet die vom Versicherungskonzern kürzlich anlässlich des Investorentages kommunizierten Mittelfristziele als glaubwürdig. Dennoch rät er Anlegern, einen günstigeren Einstiegszeitpunkt abzuwarten.

Etwas anders liegt der Fall bei Geberit. In den ersten Januar-Wochen noch in einem Kurs- und Stimmungstief, mauserten sich die Aktien des Ostschweizer Sanitärtechnikspezialisten im weiteren Jahresverlauf vom hässlichen Entlein zum stolzen Schwan. Das Nachsehen haben diejenigen Anleger, die sich damals nach mehreren Verkaufsempfehlungen durch hochkarätige Analysten quasi zu Tiefstkursen zum Ausstieg gedrängt sahen.

Mit einer Verkaufsempfehlung wartet nun auch der für Kepler Cheuvreux tätige Analyst Martin Flückiger auf. Er stuft die Papiere von "Hold" auf "Reduce" herunter, nachdem sein Kursziel von 450 Franken zuletzt weit übertroffen wurde.

Ich muss Flückiger an dieser Stelle ein Kränzchen winden. Als viele andere Berufskollegen teilweise rabenschwarz für Geberit sahen, liess er sich nicht beirren und hielt in der Spitze mit einem Kursziel von 500 Franken an seiner Kaufempfehlung fest. Chapeau!

Nun sieht der Analyst im kommenden Jahr aber dunkle Wolken über dem Sanitärtechnikspezialisten aufziehen. Er warnt vor einer organischen Wachstumsenttäuschung sowie vor leicht rückläufigen Margen - was nicht ohne Folgen für die Kursentwicklung bliebe.

Zu den besten Schweizer Aktien in diesem Jahr zählen jene des Dentalimplantateherstellers Straumann. Der Weltmarktführer wächst mit atemberaubendem Tempo, und mit ihm sein Aktienkurs. Obwohl Kurse von 1000 Franken und mehr in Reichweite sind, glaubt UBS-Analyst Sebastian Walker vorerst nicht an einen Vorstoss in den vierstelligen Frankenbereich. Er veranschlagt neuerdings zwar ein 12-Monats-Kursziel von 965 (zuvor 890) Franken, empfiehlt die Papiere jedoch nicht länger zum Kauf.

Die Aktien von Straumann (rot) lassen den SPI (grün) seit Jahresbeginn hinter sich zurück (Quelle: www.cash.ch)

Im Hinblick auf das kommende Jahr warnt der bekannte Medizinaltechnikanalyst einerseits vor einer möglichen Verschlechterung der Konsumentenstimmung und andererseits vor einem intensiveren Wettbewerb seitens der beiden amerikanischen Rivalen Zimmer Biomet und Envista.

Die Kaufempfehlung Walkers für die Papiere von Straumann geht auf Juni letzten Jahres zurück, als diese bloss 750 Franken kostete. So gesehen hat er eigentlich alles richtig gemacht.

Mit den Valoren von Vetropack kündigte Research Partners zuletzt einem weiteren Börsenüberflieger die Liebe. Ähnliches liesse sich von Julius Bär bei Vifor Pharma behaupten.

So viel Weitsicht ist man sich von den Banken und ihren Analysten üblicherweise nicht gewohnt. Für gewöhnlich erhöhen sie ihre Kursziele, bis der Höhenflug der betroffenen Aktie irgendwann bricht.

Nun liesse sich behaupten, die seit Wochen zu beobachtende Häufung von Abstufungen sei gesund und widerlege meine Behauptung, dass einige Schweizer Aktien gefährlich heissgelaufen sind.

Was mir allerdings auffällt: Nicht eine dieser Abstufungen zog auch tatsächlich grössere Verkäufe nach sich. Und wenn doch, wurden letztere überraschend gut absorbiert - als hätten einige Marktakteure gierig auf eine Gelegenheit gewartet, um kurz vor Jahresende noch rasch auf die diesjährigen Gewinneraktien aufzuspringen. Ob das nun gesund ist oder nicht, darüber lässt sich streiten...

 

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